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6.5.2003 | Von:
Peter Förster

Junge Ostdeutsche heute: doppelt enttäuscht

Ergebnisse einer Längsschnittstudie zum Mentalitätswandelzwischen 1987 und 2002

Bisher ist es nicht gelungen, einen größeren Teil der jungen Ostdeutschen politisch für das neue Gesellschaftssystem einzunehmen: Peter Förster führt seit 1987 eine Längsschnittstudie zum politischen Mentalitätswandel ostdeutscher Jugendlicher.

I. Vorbemerkungen zur Studie

Die folgenden Ergebnisse stammen aus der Sächsischen Längsschnittstudie. Dabei handelt es sich um eine in ihrer Anlage ungewöhnliche, weil systemübergreifende sozialwissenschaftliche Langzeitforschung. Sie wurde bereits 1987, noch zu DDR-Zeiten, gestartet und begleitete über die Wende im Herbst 1989 hinweg den politischen Mentalitätswandel bei jungen Ostdeutschen des Geburtsjahrganges 1972/73 zwischen ihrem 14. und (im Jahr 2002) 29. Lebensjahr.

In ihrer ersten Phase vor der Wende (drei Befragungswellen zwischen 1987 und Frühjahr 1989) dokumentierte die Studie den zunehmenden Verfall des politischen Bewusstseins der Panelmitglieder (siehe Kapitel II.1.), ihre wachsende Distanz und Enttäuschung gegenüber der Politik der SED.

In ihrer zweiten Phase (13 Befragungswellen seit Frühjahr 1990) begleitet sie den Weg dieser jungen Ostdeutschen aus dem Gesellschaftssystem der DDR in das der Bundesrepublik: vom DDR-Bürger zum Bundesbürger. Sie ist damit die einzige (ost)deutsche Längsschnittstudie, die dank ihrer Anlage in einer hinreichend großen, identischen Population den Auswirkungen des Systemwechsels auf das Denken und Fühlen junger Leute im Osten nachgehen kann.


Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob mit der zunehmenden Dauer der Lebensspanne in dem neuen Gesellschaftssystem auch eine politische Identifikation mit diesem System entsteht und welche Einflussfaktoren eine solche Bindung fördern bzw. hemmen. Die Untersuchungspopulation ist für solche Langzeitanalysen geradezu prädestiniert: Zur Wendezeit waren die TeilnehmerInnen bereits 16/17 Jahre alt, hatten die zehnklassige polytechnische Oberschule als letzter Jahrgang voll durchlaufen und waren damit über ein Jahrzehnt vom Bildungs- und Erziehungssystem der DDR, mehr oder weniger nachhaltig, geprägt worden. Zugleich waren sie noch jung genug, um sich nach dem Zusammenbruch des Sozialismus neu zu orientieren, die Werte des jetzigen Gesellschaftssystems zu übernehmen oder aber sich kritisch mit ihnen auseinander zu setzen.

In die Untersuchungen vor der Wende waren 1 281 SchülerInnen aus den damaligen Bezirken Leipzig und Karl-Marx-Stadt einbezogen. Sie gehörten 72 Klassen aus 41 Schulen an, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden. Die Population war DDR-repräsentativ.

Im Frühjahr 1989 erklärten sich 587 TeilnehmerInnen schriftlich bereit, auch nach Schulabschluss weiter an ähnlichen Untersuchungen mitzuarbeiten. Durch Wohnortwechsel (vor allem in den Westteil) reduzierte sich dieser Kreis in der Wendezeit auf 485 Personen. Von ihnen beteiligte sich ein hinreichend großer Teil an den bisher 13 (postalischen) Befragungen nach der Wende.

Die 16. Welle der Untersuchung fand überwiegend im Zeitraum Mitte April bis Mitte Juli 2002 statt. 420 TeilnehmerInnen schickten ihren Fragebogen ausgefüllt zurück. Das sind 72 Prozent derer, die sich 1989 zur weiteren Mitarbeit bereit erklärt hatten bzw. 87 Prozent jener, deren aktuelle Adressen bekannt sind.

Das Durchschnittsalter betrug zum Befragungszeitpunkt 29,0 Jahre. Die Anteile der Geschlechtergruppen liegen bei 47 (männlich) bzw. 53 Prozent (weiblich). Von den TeilnehmerInnen leben 92 in den alten Bundesländern (22 Prozent) bzw. 6 im Ausland (1 Prozent).

Die dargestellten Ergebnisse können mit hoher Wahrscheinlichkeit für junge Ostdeutsche dieser Altersgruppe verallgemeinert werden, ähnliche Relationen sind vermutlich in den benachbarten höheren Altersgruppen zu erwarten. Repräsentativität für junge Ostdeutsche insgesamt wird aber ausdrücklich nicht beansprucht. Die 16. Welle der Studie wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.

Im Rahmen dieses Beitrages[1] können wir nur auf einige besonders aussagekräftige Trends eingehen. Auf die Darstellung der speziell für die Auswertung von Längsschnittstudien entwickelten Koeffizienten müssen wir hier aus Platzgründen verzichten.


Fußnoten

1.
Bereits 1999 informierten wir in dieser Zeitschrift über ausgewählte Ergebnisse dieser Studie bis zur 13. Welle vom Sommer 1998 (vgl. Peter Förster, Die 25-Jährigen auf dem langen Weg in das vereinte Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 43 - 44/99, S. 20 - 31). Inzwischen haben drei weitere Befragungswellen stattgefunden (14. Welle 2000, 15. Welle Ende 2001, 16. Welle 2002), mit denen neue Erkenntnisse über den anhaltenden Mentalitätswandel gewonnen werden konnten. Da nach jeder Welle die untersuchten Trends komplett neu berechnet werden müssen, können zu den bisher veröffentlichten Daten geringe Abweichungen auftreten, die jedoch praktisch nicht relevant sind. Ein Gesamtüberblick der wichtigsten Ergebnisse zwischen 1987 und 2000 (1. und 14. bzw. 15. Welle) wird gegeben in: Peter Förster, Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit. Eine systemübergreifende Längsschnittstudie zum politischen Mentalitätswandel vor und nach der Wende, Opladen 2002.