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6.5.2003 | Von:
Hans Oswald
Hans-Peter Kuhn

Erstwähler in den neuen Bundesländern

III. Ergebnisse

1. Wahlenthaltung

In teilweiser Übereinstimmung mit der vielfach beklagten Politikverdrossenheit der Jugendlichen antwortete auf die Sonntagsfrage in der zweiten Hälfte der 10. Klasse noch ein gutes Drittel der Schüler, dass sie sich nicht an der Bundestagswahl beteiligen würden.[7] Dabei wären die Mädchen mit 38 Prozent noch weniger bereit gewesen, sich zu beteiligen, als die Jungen, bei denen 27 Prozent nicht teilgenommen hätten. Die Bereitschaft zu wählen stieg in den folgenden zwei Jahren bei Mädchen und Jungen kontinuierlich an, wobei der Abstand zwischen ihnen zunächst erhalten blieb. Der Wahlkampf führte dann aber im letzten halben Jahr vor der Wahl zu einer Mobilisierung der Jugendlichen, und der Abstand zwischen Jungen und Mädchen verschwand. Die Mädchen unserer Stichprobe gingen 1998 ebenso häufig zur Wahl wie die Jungen. Auch bei der Bundestagswahl 2002 beteiligten sich laut der Repräsentativen Wahlstatistik die 18- bis (unter) 21-jährigen Mädchen und Jungen beinahe zu gleichen Anteilen.

Die Wahlenthaltung hängt auch mit der schulischen Laufbahn zusammen.[8] Während in der 10. Klasse zwischen den Schülern unterschiedlicher Schultypen noch kein signifikanter Unterschied bestand, äußerten die Schulabgänger nach der 10. Klasse eine geringere Bereitschaft, wählen zu gehen, als diejenigen Jugendlichen, die weiter zur Schule gingen. Im Gegensatz zu der Angleichung von Mädchen und Jungen bei der Bundestagswahl blieb der Abstand zwischen Schülern und Nichtschülern erhalten. Die Schulabgänger, die bereits in eine Berufsausbildung oder in den Arbeitsprozess eingegliedert waren, gingen zu einem deutlich geringeren Anteil zur Wahl als diejenigen, die weiter die Schule besuchten. Einige Ergebnisse zeigen, dass die allgemein bildenden Schulen das Interesse an Politik während des Wahlkampfes wecken und damit die Bereitschaft erhöhen, wählen zu gehen. Besonders wichtig ist dabei, dass Lehrer im Unterricht über die Wahlprogramme der Parteien informieren und so Entscheidungshilfen geben. Die Berufsschulen scheinen in dieser Hinsicht weniger aktiv und erfolgreich zu sein.

Als wir die Nichtwähler direkt fragten, warum sie nicht zur Wahl gegangen seien, sagten die meisten, sie seien verhindert gewesen. Zusammenhangsanalysen zeigen indessen deutlich, dass neben den Bildungswegen der Jugendlichen und ihrer Eltern vor allem das Desinteresse an Politik, ein geringes Vertrauen in Politiker und politische Institutionen und eine geringe Bereitschaft, sich an Protestformen wie Demonstrationen zu beteiligen, zur Wahlenthaltung führten. Außerdem befürworteten die Nichtwähler seltener die Idee der Demokratie. Einige qualitative Interviews erwecken den Eindruck, dass die geäußerte Politikverdrossenheit eher als Ausrede für die Wahlenthaltung diente, während das fehlende Interesse und der niedrige Informationsstand der Jugendlichen und ihrer Eltern wesentlich wichtiger zu sein scheinen.[9]

2. Zeitpunkt der Entscheidung für eine Partei

Wann haben sich die Wähler entschlossen, einer Partei ihre Stimme zu geben? Knapp die Hälfte der Jugendlichen war sich seit der 10. Klasse sicher, dass sie wählen gehen würde, und verwirklichte diese Absicht auch tatsächlich. Diese Gruppe hält den Wahlakt für wichtig und notwendig und bejaht daher bereits in der 10. Klasse die demokratische Wahlnorm. Das heißt aber nicht, dass alle diese Jugendlichen bereits eine feste Parteipräferenz haben. Nur 16 Prozent nannten auf die Sonntagsfrage bzw. auf die Frage nach dem tatsächlichen Wahlverhalten bei allen vier Befragungen dieselbe Partei und hatten insofern schon früh eine feste Parteipräferenz. Alle anderen schwankten, nannten bei den vier Befragungen mal die eine, mal die andere Partei oder wechselten zwischen dem Votum für eine Partei und der Wahlenthaltung. Erst im Laufe des letzten halben Jahres vor der Wahl, also in der heißen Phase des Wahlkampfes, entschloss sich die Hälfte der Jugendlichen für eine Partei, weitere 13 Prozent nannten seit dem Frühjahr 1998 dieselbe Partei. Eine Mehrheit der Erstwähler entscheidet sich also erst während des Wahlkampfes, nur eine Minderheit ist bereits eher entschieden und entwickelt sich in diesem Sinne früh zum Anhänger einer bestimmten Partei.

Durch welche Informationsquellen wurden die Schüler nach ihren eigenen Angaben beeinflusst? Wir gaben den Erstwählern eine Liste von 15 Einflussfaktoren vor, und sie sollten auf einer Skala von 1 bis 5 angeben, wie stark ihre Wahlentscheidung von diesen beeinflusst wurde (vgl. die Abbildung).

An erster Stelle standen Nachrichtensendungen im Fernsehen, unmittelbar gefolgt von den politischen Nachrichten in Tageszeitungen und politischen Magazin-, Diskussions- und Informationssendungen im Fernsehen. Bereits an vierter Stelle stand für die Schüler der Unterricht in der Schule. Rang 5 wurde von Nachrichtensendungen im Radio belegt, erst auf dem sechsten Platz folgten Gespräche mit dem Vater über politische Themen. Kommunikation in Familie, Schule und Freundeskreis belegte die Rangplätze 6 bis 11. Eher enttäuschend für die Parteien dürfte sein, dass sich die Jugendlichen von Wahlwerbung in Fernsehen und Radio oder durch Wahlplakate wenig beeinflussen ließen.

Die herausragende Rolle der Massenmedien im Prozess politischer Meinungsbildung ist empirisch gut belegt. In vielen Untersuchungen, in denen Jugendliche direkt gefragt wurden, durch wen oder von was sie in ihren politischen Meinungen am meisten beeinflusst wurden, stehen Massenmedien an vorderster Stelle, persönliche Kontakte rangieren dagegen eher weiter hinten.[10] Wie muss man sich den Einfluss, den die Jugendlichen selbst den Massenmedien einräumen, vorstellen? Die Hypothese einer kausalen Beeinflussung im Sinne von Manipulation oder Indoktrination ist empirisch nicht haltbar.[11] Der Einfluss der Massenmedien auf die Jugendlichen ist vielmehr dadurch begrenzt, dass sie sich vor der Wahl mit vielen Informationsquellen aktiv auseinander setzen.

Der Einfluss der Schule bzw. des Unterrichts (über politische Themen) auf die Wahlentscheidung rangiert nach Aussagen der Jugendlichen auf Platz 4 - und damit zwischen Fernsehen bzw. Tageszeitungen einerseits und Radio andererseits. Schülerinnen und Schüler schätzen die Informationsleistungen der politischen Bildung für ihre Meinungsbildung und Wahlentscheidung als recht hoch ein. Dies gilt für junge Wählerinnen noch stärker als für junge Wähler.

Als zusätzliche Informationsquellen zum Einfluss der Eltern und Freunde dienen die Angaben der Erstwähler über Kommunikation, Gespräche und Streit über politische Themen sowie die Angaben der Eltern und Freunde zu ihrem Wahlverhalten.[12] Ungefähr die Hälfte aller Erstwähler stimmte für dieselbe Partei wie ihre Eltern. Die Übereinstimmung stieg, wenn beide Elternteile dieselbe Partei wählten, mit ihnen viel über Politik kommuniziert wurde, die Erstwähler die Parteipräferenz ihrer Eltern kannten und die Eltern überdurchschnittlich politisch interessiert waren. Dies spricht dafür, dass die Eltern zumindest teilweise Einfluss auf die Wahlentscheidung der Jugendlichen hatten. Für den Prozess der politischen Meinungsbildung scheinen Mütter und Väter die gleiche Bedeutung zu haben.

Diskussionen sind interaktive Prozesse. Entsprechend haben wir auch Hinweise dafür gefunden, dass die jungen Erstwähler ihre Eltern beeinflussten. Solche Nachweise sind statistisch zwar äußerst schwer zu führen, aber für CDU, PDS und Bündnis 90/Die Grünen gelang es uns, neben Hinweisen auf einen Einfluss der Eltern auch Hinweise darauf zu finden, dass sich diese bei ihrer Wahlentscheidung auch von ihren Kindern beeinflussen lassen. Zumindest bei einem Teil der Familien scheint es Wechselwirkungen zwischen dem politischen Verhalten der Eltern und dem ihrer erstmals zur Wahl gehenden Kinder zu geben.

Insgesamt ist die Übereinstimmung mit Freundinnen und Freunden geringer als mit Eltern. Aber auch unter Freunden - besonders bei einer sehr engen Beziehung - scheinen wechselseitige Beeinflussungsprozesse abzulaufen. Je mehr über Politik kommuniziert wird, desto größer ist die Übereinstimmung. Diese ist bei Wählern rechtsradikaler Parteien höher als bei Wählern anderer Parteien, so dass die rechtsradikale Orientierung zumindest teilweise ein Gruppenphänomen unter Gleichaltrigen zu sein scheint.

3. Parteienprofile

Im Folgenden erstellen wir für jede Partei ein Profil ihrer Erstwähler in Brandenburg. Dafür prüfen wir die in Tabelle 1 aufgelisteten Merkmale, geben aber mit wenigen Ausnahmen nur die Punkte an, in denen sich die Erstwähler einer Partei statistisch signifikant vom Durchschnitt aller Erstwähler unterscheiden.

SPD

Die SPD war bei den von uns untersuchten Erstwählern mit 38 Prozent Wahlgewinnerin. Die Leistungen der CDU in der vergangenen Legislaturperiode wurden von vielen Erstwählern negativ beurteilt, sie schwenkten deshalb zur SPD, um einen Wechsel der Regierung zu erreichen.[13] Das Profil der SPD-Erstwähler war bei den geprüften Merkmalen weniger ausgeprägt als das der Erstwähler anderer Parteien.[14] Es handelte sich um eine heterogene Gruppe, deren politische Orientierung eher indifferent war und die sich auf der Links-rechts-Skala fast genau in der Mitte einordnete. Ihre Einstellungen zu Demokratie und Sozialismus waren nicht auffällig positiv oder negativ.

Vom Durchschnitt der Erstwähler wichen die SPD-Wähler in folgenden Punkten ab: Sie befürworteten etwas seltener bürgerliche Freiheitsrechte und forderten etwas häufiger einen Staat, der unter bestimmten Bedingungen auch repressiv gegen seine Bürger vorgeht (Law and Order). In ihren Werthaltungen unterschieden sie sich durch eine stärkere Orientierung an materialistischen Werten wie hohes Einkommen und Sicherheit. Die Erstwähler der SPD zeigten darüber hinaus eine geringere kognitive politische Mobilisierung: Sie waren politisch (eher) weniger interessiert als der Durchschnitt, redeten seltener mit Freunden über Politik, nutzten nicht so oft die Massenmedien zur politischen Information und hatten weniger häufig das Gefühl, politisch etwas bewirken zu können. Auch ihr politisches und soziales Engagement sowie ihre Bereitschaft zu politischer Beteiligung war geringer ausgeprägt als beim Durchschnitt. Dementsprechend zeigten sie auf der Skala "Ängstlichkeit und konventionelle Anpassung" etwas höhere Werte. Tendenziell kamen diese Jugendlichen aus Elternhäusern mit niedrigerem Bildungsstand.

CDU

Die CDU lag in der Wählergunst unserer Erstwähler mit etwas über 18 Prozent an zweiter Stelle knapp vor der PDS. Diese jungen Wähler zeigten ein wesentlich ausgeprägteres Profil als die SPD-Wähler. CDU-Erstwähler ordneten sich leicht rechts von der Mitte ein. Sie befürworteten sowohl die Idee der Demokratie als auch die bestehende Demokratie in der Bundesrepublik stärker als der Durchschnitt. Außerdem lehnten sie die Idee des Sozialismus und den Sozialismus in der DDR ab. Sie beurteilten die "Wende" positiv und fühlten sich als Ostdeutsche nicht benachteiligt. Sie bildeten die einzige Wählergruppe, die sich durch eine signifikant geringere Politikverdrossenheit, das heißt durch ein stärkeres Vertrauen in Politiker und politische Institutionen, auszeichnete.

In mancher Hinsicht entsprachen die CDU-Erstwähler darüber hinaus dem Bild des traditionell-konservativ eingestellten Staatsbürgers. So vertraten sie wie die SPD-Wähler überdurchschnittlich häufig Law-and-Order-Positionen. Darüber hinaus setzten sie stärker auf Werte wie Pflichtbewusstsein und Anpassung sowie auf Sicherheit und materiellen Wohlstand. Sie wiesen eher autoritäre Dispositionen - leicht erhöhte Werte auf der Skala "Machtausübung und Feindseligkeit" - auf und hatten traditionellere Vorstellungen von der Rolle der Frau in Familie und Beruf. Zudem fielen die CDU-Wähler durch ein Desinteresse an "Neuer Politik" (Frieden, Ökologie, Dritte Welt) und durch die Ablehnung von legalen und illegalen politischen Protestformen auf. Damit unterschieden sie sich besonders deutlich von den Erstwählern, die für PDS und Bündnis 90/Die Grünen stimmten.

Die meisten Jugendlichen in den neuen Bundesländern - und auch in unserer Stichprobe - gehörten keiner Religionsgemeinschaft an. Die CDU-Wähler waren indessen wie die Wähler von Bündnis 90/Die Grünen überproportional häufig Angehörige von christlichen Religionsgemeinschaften und in kirchlichen Gruppen engagiert. Unter den Erstwählern der CDU in Brandenburg befanden sich mehr junge Männer als junge Frauen und mehr Gymnasiasten als Nichtgymnasiasten.

PDS

Wie bei allen Wählern der Bundestagswahlen 1998 und 2002 in Ostdeutschland war auch bei unseren Erstwählern in Brandenburg die PDS die drittstärkste Partei. Sie erreichte etwas über 18 Prozent der Stimmen. Die PDS-Erstwähler ordneten sich zu allen vier Messzeitpunkten weiter links ein als die Wähler aller anderen Parteien. Sie befürworteten die Idee des Sozialismus und beurteilten auch den Sozialismus der DDR eher positiv. Die "Wende" und die Demokratie, wie sie heute in der Bundesrepublik praktiziert wird, sahen sie eher negativ.

Dies gilt jedoch nicht für die grundlegende Idee der Demokratie. Die typischen PDS-Erstwähler befürworteten stärker als der durchschnittliche Erstwähler bürgerliche Freiheitsrechte wie Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht und lehnten staatliche Repressionsmaßnahmen (Law and Order) eher ab. Sie sprachen sich außerdem gegen Werte wie Pflicht und Anpassung aus und befürworteten stattdessen Kritikfähigkeit und - als einzige Wählergruppe neben den Wählern von Bündnis 90/Die Grünen - Prosozialität im Sinne von Hilfe und Verantwortung für andere. Sie waren weniger autoritär strukturiert, weniger ausländerfeindlich und stärker für die Gleichstellung von Mann und Frau in Familie und Beruf. Die PDS-Wähler bildeten außerdem die Gruppe mit der höchsten kognitiven politischen Mobilisierung sowie der größten Partizipations- und Protestbereitschaft: Keine andere Wählergruppe profilierte sich insgesamt so stark wie die PDS-Wähler im Hinblick auf das allgemeine Interesse für Politik und das Interesse an "Neuer Politik". Diese Jugendlichen kommunizierten mehr als die Wähler anderer Parteien mit ihren Eltern und ihren Freunden über Politik und nutzten häufiger Medien zur politischen Information. Sie hatten das Selbstbewusstsein, politisch etwas bewirken zu können, engagierten sich im politischen und sozialen Bereich und äußerten eine stärkere Bereitschaft zu politischem Protest. Gewalt lehnten sie indessen mehrheitlich ab.

Die Erstwähler der PDS besuchten - wie die der CDU - häufiger das Gymnasium und stammten überproportional oft aus Elternhäusern mit einem höheren Bildungsstand. Sie gehörten aber seltener als der Durchschnitt einer Religionsgemeinschaft an. Auch wenn die Erstwähler der PDS den Sozialismus der DDR positiv und die "Wende" und die heute praktizierte Demokratie negativ beurteilen, lässt ihr Profil doch insgesamt den Schluss zu, dass diese jungen Menschen sich mit den grundlegenden Werten der Demokratie identifizieren und auf der Grundlage eines ausgeprägten politischen Interesses bereit sind, sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen.

Bündnis 90/Die Grünen

Für diese Partei entschieden sich in unserer Stichprobe etwas über 12 Prozent der Erstwähler. Ihr Profil hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem der PDS-Wähler, unterscheidet sich aber charakteristisch in einigen Punkten. Auch die Wähler von Bündnis 90/Die Grünen ordneten sich eher links ein - wenngleich nicht ganz so weit links wie die PDS-Wähler - und befürworteten die Idee des Sozialismus, aber den Sozialismus der DDR lehnten sie ab. In Übereinstimmung damit - und im Unterschied zu den PDS-Wählern - beurteilten sie die "Wende" eher positiv. Deutlicher noch als die PDS-Wähler lehnten sie Law and Order und Pflicht- und Anpassungswerte zu Gunsten von bürgerlichen Freiheitsrechten und Werten wie Selbstverwirklichung und Kritikfähigkeit ab. Auch sie sprachen sich überdurchschnittlich häufig für Prosozialität aus. Sie erwiesen sich wie die PDS-Wähler als wenig autoritär, wenig ausländerfeindlich und befürworteten die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Familie und Beruf. Auch sie hatten das Selbstbewusstsein, politisch etwas bewirken zu können. Sie waren überdurchschnittlich politisch interessiert, engagiert und protestbereit, wenn auch nicht ganz so stark wie die PDS-Wähler.

Auch die Wähler von Bündnis 90/Die Grünen besuchten überdurchschnittlich häufig ein Gymnasium, und ihre Eltern haben häufiger Abitur als der Durchschnitt. Aber anders als die PDS-Wähler - und ebenso wie die CDU-Wähler - gehörten sie eher einer Religionsgemeinschaft an und engagierten sich in kirchlichen Gruppen.

Rechtsradikale Parteien

Für die drei rechtsradikalen Parteien DVU, NPD und Republikaner entschieden sich knapp sechs Prozent der Erstwähler unserer Stichprobe. Sie ordneten sich weit rechts auf der Links-rechts-Skala ein und befürworteten einen repressiven Staat (Law and Order). Die typischen Wähler rechtsradikaler Parteien waren noch unzufriedener mit der Demokratie in Deutschland als die PDS-Wähler. Sie identifizierten sich weder besonders stark mit den Normen und Werten der Demokratie noch mit denen des Sozialismus. Sie beurteilten die "Wende" negativ und fühlten sich als Ostdeutsche gegenüber den Westdeutschen benachteiligt.

In Bezug auf die Werthaltungen waren die rechtsradikalen Wähler auffallend materialistisch orientiert. Sie wiesen darüber hinaus starke autoritäre Dispositionen im Sinne von "Machtorientierung und Feindseligkeit" auf, waren ausländerfeindlich und gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Familie und Beruf. Sie zeigten eine unterdurchschnittliche kognitive politische Mobilisierung, sie wiesen die "Neue Politik" von sich und sprachen seltener mit ihren Eltern, dagegen häufiger mit ihren Freunden über Politik. Sie hatten stärker das Gefühl, keinen Einfluss auf die Politik nehmen zu können, und zeigten wenig Vertrauen in die politischen Institutionen. Zudem wiesen diese Jugendlichen eine geringere Bereitschaft auf, sich an konventionellen Formen des politischen Protestes zu beteiligen. Sie zeigten jedoch eine erhöhte Bereitschaft zur Beteiligung an illegalen Formen des zivilen Ungehorsams und - als einzige Erstwählergruppe - an politischer Gewalt.

Die typischen Wähler rechtsradikaler Parteien waren männlich, strebten überdurchschnittlich häufig kein Abitur an und entstammten Elternhäusern mit einem geringen Bildungsgrad. Dass es sich bei dieser Gruppe von Erstwählern allerdings nicht in jeder Hinsicht um gesellschaftliche Außenseiter handelte, zeigt ihr stärkeres Engagement in Jugendzentren und -clubs sowie in gemeinnützigen Vereinen wie der Freiwilligen Feuerwehr.

FDP

Die Wähler der FDP, die auch im Bundesland Brandenburg 1998 die Fünf-Prozent-Hürde nicht überspringen konnte, bildeten unter unseren Erstwählern nur eine kleine Gruppe von vier Prozent. Sie waren wie die CDU-Wähler zufriedener mit der Demokratie und lehnten den Sozialismus der DDR eher ab. Die "Wende" wurde von den FDP-Wählern ebenfalls positiv beurteilt. Außerdem befürworteten sie wie die Wähler von Bündnis 90/Die Grünen Kritikfähigkeit als individuelle Wertorientierung. Im Gegensatz zu den CDU-Wählern wiesen sie auf der Autoritarismusskala "Ängstlichkeit und Konventionalität" niedrige Werte auf. Außerdem glaubten sie häufiger, politisch etwas bewirken zu können. Wie die CDU und die rechtsradikalen Parteien wurde die FDP stärker von jungen Männern als von jungen Frauen gewählt. Die FDP-Wählerinnen und -wähler waren wie jene von CDU, PDS und Bündnis 90/Die Grünen überproportional häufig Gymnasiasten.


Fußnoten

7.
Vgl. Hans-Peter Kuhn, Wahlbereitschaft und Parteipräferenzen von Erstwählern - Entwicklungsverläufe und Determinanten des Wahlverhaltens, in: H.-P. Kuhn u.a. (Anm. 6), S. 87 - 126. Aus diesem Beitrag stammen auch die meisten Informationen zu den Parteiprofilen.
8.
Vgl. Katrin Isermann/Karin Weiss, Der Einfluss unterschiedlicher (Aus-)Bildungswege auf das Wahlverhalten von Erstwählern, in: H.-P. Kuhn u.a. (Anm. 6), S. 185 - 213. Aus diesem Beitrag sind auch die Informationen zu den Ausbildungswegen in den Parteiprofilen entnommen.
9.
Vgl. Janette Brauer, Die Qual der Wahl, in: H.-P. Kuhn u.a. (Anm. 6), S. 215 - 243.
10.
Werner J. Patzelt, Wie man Politik erfährt. Jugendliche und ihre Nutzung politischer Informationsquellen, in: Publizistik, 33 (1988), Themenheft Sozialisation durch Massenmedien, S. 520 - 534; Steven H. Chaffee, Die Massenmedien als Agenturen der politischen Sozialisation, in: Günther Behrmann (Hrsg.), Politische Sozialisation in entwickelten Industriegesellschaften, Bonn 1979, S. 183 - 198.
11.
Vgl. Hans-Peter Kuhn, Mediennutzung und politische Sozialisation. Eine empirische Studie zum Zusammenhang zwischen Mediennutzung und politischer Identitätsbildung im Jugendalter, Opladen 2000.
12.
Vgl. zum Folgenden: Christine Schmid, Der Einfluss von Eltern und Gleichaltrigen auf das Wahlverhalten von Erstwählern, in: H.-P. Kuhn u.a. (Anm. 6), S. 151 - 183.
13.
Vgl. Hilke Rebenstorf/Karin Weiss, Der rationale Erstwähler oder welche Rolle spielen Sachfragen bei der Wahlentscheidung?, in: H.-P. Kuhn u.a. (Anm. 6), S. 127 - 150.
14.
Auch erwachsene SPD-Wähler in Ostdeutschland erwiesen sich in Bezug auf unterschiedliche politische Orientierungen als wenig auffällig. Vgl. Dieter Pollack/Gert Pickel, Die Bundestagswahl in Ostdeutschland. Zwei getrennte Elektorate oder nur partielle Abweichung?, in: G. Pickel u.a. (Anm. 1), S. 79 - 98.