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6.5.2003 | Von:
Hans Oswald
Hans-Peter Kuhn

Erstwähler in den neuen Bundesländern

IV. Zusammenfassung und Ausblick

Sozialwissenschaftler nennen Handlungen, mit denen wichtige Erwachsenenrechte und -pflichten zum ersten Mal ausgeübt werden, Statuspassagen. Diese werden meist ausgiebig gefeiert und rituell betont. Dies ist beim ersten Wahlgang - einer kollektiven Statuspassage von nationaler Bedeutung - erstaunlicherweise nicht der Fall. Unsere demokratische Gesellschaft macht um diesen Akt des Erwachsenwerdens kein großes Aufheben. Dem entspricht, dass die Motive der Erstwählerinnen und -wähler und das Zustandekommen ihrer Entscheidung bislang wissenschaftlich kaum erforscht sind. Wir wissen so gut wie nichts darüber, durch wen und von was die Erstwähler sich beeinflussen lassen, und daher wissen die Wahlkämpfer der Parteien zu wenig darüber, wie sie diese jungen Menschen erreichen können.

Um hier Abhilfe zu schaffen, führten wir eine mehrjährige Längsschnittstudie durch, die 1996 mit Schülern des 10. Schuljahres begann und nach der Bundestagswahl 1998 mit der Befragung derselben Personen endete. Dabei zeigte sich, dass etwa die Hälfte der Jugendlichen schon früh entschlossen war, wählen zu gehen, sich eine Parteipräferenz aber erst spät entwickelte. Die meisten Erstwähler ringen lange darum, welche Partei sie wählen sollen. Ihre bevorzugten Informationsmittel sind nach eigenen Angaben das Fernsehen und andere Massenmedien. Nach den Ergebnissen unserer Analyse beeinflussen aber auch die Eltern überraschend stark die Entscheidungsfindung. Bei den Diskussionen in der Familie orientieren sich nicht nur die Jugendlichen an ihren Eltern, sondern auch die Eltern lassen sich von ihren Kindern beeinflussen. Bei den Erstwählern, die zum Zeitpunkt der Bundestagswahl noch allgemein bildende Schulen besuchten, spielte auch der politische Unterricht eine Rolle, sofern er über die Parteiprogramme informierte. Auch gute Freunde beeinflussen sich wechselseitig im Entscheidungsprozess. Gleichaltrige Freundschaften sind besonders für Wähler rechtsradikaler Parteien wichtig.

Die Erstwähler decken das gesamte Parteienspektrum ab. Sie bevorzugten aber im Vergleich zur übrigen Wählerschaft etwas weniger die großen Parteien SPD, CDU und - in Brandenburg - die PDS und etwas stärker die kleineren Parteien wie Bündnis 90/Die Grünen, die FDP und die rechtsradikalen Parteien. Junge Männer bevorzugten etwas stärker als junge Frauen CDU, FDP und rechtsradikale Parteien, junge Frauen bevorzugten dagegen etwas häufiger SPD, PDS und Bündnis 90/Die Grünen. Abiturienten wählten etwas häufiger CDU, PDS, Bündnis 90/Die Grünen und die FDP, die Nichtabiturienten wählten etwas häufiger CDU, PDS, Bündnis 90/Die Grünen und die FDP, die Nichtabiturienten dagegen die SPD und die rechtsradikalen Parteien. Das größte Problem unter den Erst- und Jungwählern bilden junge Männer, die nicht das Abitur anstreben und von denen in Brandenburg fast jeder Fünfte eine rechtsradikale Splitterpartei wählte.

Bei den Erstwählerprofilen der Parteien fällt auf, wie gut Parteien und Erstwähler zueinander passen. Auch wenn die Parteien nicht mehr auf ihre traditionellen Wählerschaften rechnen können und sich die Profile der großen Volksparteien nicht sehr unterscheiden, so gibt es doch charakteristische Unterschiede in den politischen Orientierungen. Diese sollen hier nicht wiederholt werden. Wir möchten aber abschließend betonen, dass bei den jungen Wählerinnen und Wählern aller Parteien - einschließlich der PDS, aber ausschließlich der rechtsradikalen Splitterparteien - eine ausgeprägte Zustimmung zu demokratischen Grundüberzeugungen auffällt. Auch die Erstwähler wählen bereits entsprechend ihrer jeweiligen Interessen. Was sie eint, ist - mit den erwähnten Ausnahmen - das Bekenntnis zu demokratischen Werten und Verfahrensweisen. Die größte Bedeutung bei der Vorhersage des Wahlverhaltens haben die politischen Grundorientierungen wie die Links-rechts-Einordnung, das Demokratieverständnis und die Einstellungen zu Demokratie und Sozialismus.