APUZ Dossier Bild

6.5.2003 | Von:
Uwe Britten

Visionen einer Generation

Eine bundesweite Sammlung von Texten gibt Aufschluss über Zukunftwünsche von Kindern und Jugendlichen. Uwe Britten stellt dabei die Bedeutung von Visionen für die persönliche Identität junger Menschen heraus.

Einleitung

Erwachsene reden und urteilen über die junge Generation oft so, als hätten sie mit dieser gar nichts zu tun. Die Jugend wird dann als gewalttätig, politisch desinteressiert, konsumverwöhnt, schlecht gebildet und ichzentriert beschrieben. Dass jeder junge Mensch auf seine gesellschaftliche, soziale, familiäre Umgebung reagieren muss, um (über)lebensfähig zu werden - wir nennen das Enkulturation[1] und Sozialisation -, dass er sich also auf die von den Erwachsenen "gemachte" Welt einstellen muss, wird dabei übersehen. Die Befindlichkeiten der jungen Generation und Jugendkulturen scheinen einem unhistorischen und kontextlosen Jenseits entsprungen zu sein.[2]

Zugleich bürden wir der jungen Generation eine Menge auf. Ich meine nicht nur die hoch belastete ökologische Umwelt und das am Boden liegende ökonomische System. Wir halten die Jugendlichen auch - unter den Bedingungen von hoher soziokultureller Autonomie (etwa: Mediennutzung und Konsum) und gleichzeitigem sozioökonomischen Ausschluss (etwa: Arbeit) - länger in Abhängigkeit von (immer prekärer werdenden) institutionellen Sicherungssystemen. In der Jugendforschung wird in diesem Zusammenhang von einer Ausweitung des adoleszenten Moratoriums gesprochen.


Dessen ungeachtet wird hier und da damit begonnen, die Verantwortung für gesellschaftlichen Fortschritt an die Jugendlichen zu delegieren. Es gilt das Motto: Die Jugend nimmt ihre Geschicke selbst in die Hand.[3] Beispiele sind innovative Job- oder Wohnprojekte, Jugendforen oder -parlamente, die Senkung des Wahlalters oder die Beteiligung an der Gestaltung von Spielplätzen. Diese Projekte dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Erwachsene sind, die für eine lebenswerte Kindheit verantwortlich bleiben.[4]

Jugendliche haben das Recht, von Erwachsenen in eine sichere, lebenswerte Zukunft geleitet zu werden. Indem wir so tun, als sei die "desinteressierte" Jugend schließlich selbst für ihre Belange zuständig, versuchen wir uns aus der Verantwortung zu stehlen.

Es wäre selbstverständlich ein beeindruckendes Zeugnis "erwachsener" Souveränität und Weitsichtigkeit, wenn die älteren Generationen die Wünsche und Bedürfnisse der Heranwachsenden stärker berücksichtigten und aus deren Befindlichkeiten, Wünschen und Visionen Handlungsoptionen ableiten würden, die der Jugend eine lebensfrohe Zukunft versprächen. Man könnte dann von "zukunftsfähigem Handeln" sprechen.

Um eine Vorstellung von den Visionen der jungen Generation zu bekommen, habe ich im Zeitraum zwischen 1998 und 2000 Texte von Schülerinnen und Schülern aller Altersstufen und Schultypen in Kooperation mit 25 Schulen zusammengetragen sowie mittels eines Aufrufs in der Zeitschrift Bravo. Die im Folgenden zitierten O-Töne entstammen den rund 550 Texten, die aus diesem Projekt hervorgegangen sind.[5]


Fußnoten

1.
Prozess, durch den der Mensch, vorwiegend das Kind, in eine Kultur "hineinerzogen" wird, indem Sprache und Verhaltensweisen dieser Kultur erlernt und übernommen werden.
2.
Zur Betrachtung von Jugendlichen allgemein vgl. Uwe Sander/Ralf Vollbrecht (Hrsg.), Jugend im 20. Jahrhundert, Neuwied 2000.
3.
Vgl. die aufschlussreiche Analyse von Beteiligungsstrukturen in: Stefan Danner, Wie stimmig sind die Ziele von Beteiligungsaktionen mit Kindern und Jugendlichen in der Kommune, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 44/2001, S. 24-30.
4.
Vgl. auch das lesenswerte Buch von Wolf-Dietrich Bukow und Susanne Spindler (Hrsg.), Die Demokratie entdeckt ihre Kinder, Opladen 2000.
5.
Eine an den Kriterien der Repräsentativität und Originalität ausgerichtete Textauswahl daraus erschien unter dem Titel "2020 - Kinder und Jugendliche über unsere Zukunft", Reinbek 2000.