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6.5.2003 | Von:
Holm Sundhaussen

Staatsbildung und ethnisch-nationale Gegensätze in Südosteuropa

I. Zwei Typen von Nationalstaat und Nation

Der Begriff "Nationalstaat" ist ebenso mehrdeutig wie der Begriff "Nation". Idealtypisch lassen sich zwei Varianten von Nation unterscheiden: Die Staatsbürgernation leitet sich von einem bestehenden Staat und dem "ius soli" ("Bodenrecht") ab. Zu ihr gehört jeder, der die Staatsbürgerschaft des betreffenden Staates besitzt - unabhängig von der ethnischen Selbst- oder Fremdzuordnung. Im zweiten Fall wird die Nation ethnisch, als Abstammungsgemeinschaft (gemäß dem "ius sanguinis", dem "Recht des Blutes"), verstanden. Zu ihr gehören alle, die eine gemeinsame Herkunft für sich reklamieren - unabhängig davon, ob sie in "ihrem" oder einem anderen Staat beheimatet sind (erinnert sei hier an die Unterscheidung zwischen "Reichs-" und "Volksdeutschen" nach dem Ersten Weltkrieg). Nicht dazu gehören diejenigen, die zwar im selben Staat leben wie die Titularnation, sich aber ethnisch anders zuordnen.

Die beiden idealtypischen Gemeinschaften sind nicht deckungsgleich, weder hinsichtlich der Merkmale noch hinsichtlich ihrer territorialen Ausdehnung. In der Praxis existieren sie (fast) nie in Reinform. Die Staatsbürgernation (Beispiel: Frankreich) ist nicht immun gegen ethnonationale Umdeutungsversuche und Abgrenzungsbestrebungen. Und zur Abstammungsnation (Beispiel: Deutschland) gehören in vielen Fällen Personen mit nachweislich differenter Herkunft. Ungeachtet dieser Überlappungen erweisen sich die idealtypischen Leitbilder als langlebig und folgenreich, da sie sich u.a. im Staatsbürgerschaftsrecht und in vielen Detailregelungen niederschlagen. Wie schwierig Veränderungen in dieser Hinsicht sind, belegt der Diskurs um das Staatsbürgerschaftsrecht in der Bundesrepublik Deutschland.

Im gesamten Balkanraum - wie in den angrenzenden Regionen - hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts ein ethnisches, biologistisches Verständnis von Nation (entsprechend der deutschen Abstammungsgemeinschaft) durchgesetzt. Die nach rund vierhundertjähriger osmanischer Herrschaft entstandenen Balkanstaaten wurden seitdem als Staaten einer ethnischen Titular- bzw. Mehrheitsnation definiert. Die Zweideutigkeit der Begriffe "Nation" und "Nationalstaat" sorgt nach wie vor für Missverständnisse und Konflikte. So gibt es z.B. auf die Frage "Wer sind die heutigen Makedonier?" mindestens drei Antworten: 1) alle, die sich zur makedonischen Nation bekennen (also Makedonier im ethnonationalen Sinne, egal ob sie in der Republik Makedonien leben oder in der Diaspora); 2) alle Staatsbürger der Republik Makedonien (unabhängig von ihrer ethnonationalen Zuordnung); 3) alle Personen, die außerhalb Makedoniens leben und keine ethnischen Makedonier sind, aber eine makedonische Regionalidentität besitzen (also Makedonier im regionalen Sinn, v.a. Griechen und Bulgaren, die ihre jeweilige nationale Identität mit einer regionalen makedonischen Identität verbunden haben, aber dem Staat Makedonien skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen).[4] Um den Begriff "Makedonier" konkurrieren somit drei unterschiedliche Identitäten: eine ethnonationale, eine staatsbürgerliche und eine regionale. Vor allem in der ersten und dritten Gruppe existieren Bestrebungen, den Begriff "Makedonier" zu monopolisieren. Für Griechen und Bulgaren besteht das Makedoniertum nur als regionale Identität, als Subgruppe ihrer jeweiligen Nation. Eine makedonische Ethnonation existiert gemäß dieser Auffassung nicht. Die nationalen Makedonier tendieren ihrerseits dazu, die ethnonationale mit der staatsbürgerlichen Definition gleichzusetzen. Für sie geht die regionale in der nationalen Identität auf. Der "echte" Makedonier ist demnach nur derjenige, der sich zur makedonischen Abstammungsgemeinschaft bekennt. Die in der Republik Makedonien beheimateten Albaner und andere Nicht-Makedonier (rund ein Drittel der Bevölkerung) können zwar rechtlich nicht von der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen werden, bleiben aber "Fremde" auf makedonischem Boden oder fühlen sich als solche. Anfang 2001 kam es daher zu heftigen Kämpfen zwischen Albanern und makedonischen Armee- und Polizeieinheiten, die erst auf massiven internationalen Druck und nach einer Verfassungsänderung zugunsten der Albaner beigelegt werden konnten.


Fußnoten

4.
Vgl. Hugh Poulton, Who are the Macedonians?, London 1994; Stefan Troebst, Makedonische Antworten auf die "Makedonische Frage" 1944 - 1992. Nationalismus, Republiksgründung, nation-building, in: Südosteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung, 41 (1992) 7 - 8, S. 423 - 442.