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6.5.2003 | Von:
Holm Sundhaussen

Staatsbildung und ethnisch-nationale Gegensätze in Südosteuropa

II. Der Kampf der "Nationalstaaten" gegen ihre Minderheiten

Wie in anderen europäischen Regionen, so hat sich auch in Teilen des Balkanraums die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung im Verlauf des 20. Jahrhunderts infolge von Flucht und Auswanderung einerseits sowie Vertreibung, Umsiedlung und Massenmord andererseits grundlegend verändert. Mit der Bildung von Nationen als imaginierten Abstammungs- bzw. Blutsgemeinschaften sowie der Durchsetzung des Nationalstaatsprinzips bzw. des Rechts auf nationale Selbstbestimmung in einer Region, die durch extreme ethnische Gemengelagen geprägt war, setzte ein säkularer Prozess mehr oder minder gewaltsamer Abgrenzungen und Bevölkerungsverschiebungen ein. Denn "der Nationalstaat fasst - idealiter - alle Angehörigen einer nationalen Gruppe, und niemanden sonst, zu einer einheitlichen politischen Struktur zusammen"[5].

Die Ursachen der Entwicklung, die seit Ende des Ersten Weltkriegs als "Balkanisierung" beschrieben wird, liegen in der Diskrepanz zwischen historisch gewachsenen Siedlungsstrukturen und dem modernen nationalstaatlichen Ordnungsprinzip. Bei der Bestimmung und "Legitimierung" territorialer Ansprüche in den Balkanländern gingen "historische Rechte" (die Berufung auf einen früheren Staat oder eine legendäre Erstansiedlung in grauer Vorzeit) und das moderne Selbstbestimmungsrecht eine unheilige und widersprüchliche Allianz ein. Je nach Opportunität beriefen sich Nationalisten entweder auf "historische Rechte", sofern das fragliche Gebiet vor Jahrhunderten bereits einmal zu "ihrem" Staat gehört hatte (z.B. Kosovo zum mittelalterlichen Serbien), zwischenzeitlich aber von Angehörigen eines anderen Ethnikums (Albanern) "unrechtmäßig" besiedelt worden war, oder auf das Selbstbestimmungsrecht, sofern sich die eigene Nation über die mittelalterlichen Staatsgrenzen hinaus verbreitet hatte (z.B. die Ansiedlung von Serben in der habsburgischen "Militärgrenze", einem Territorium mit eigener Verwaltung auf historisch kroatischem Boden) und nun auf einem Gebiet lebte, auf das eine andere Nation "historische Rechte" geltend machte.[6] In Kosovo und der zu Kroatien gehörenden Krajina wurden diese widersprüchlichen Legitimationsmuster in den neunziger Jahren mit äußerster Brutalität ausgefochten.

Mit jeder oder fast jeder neuen Staatsbildung und Grenzveränderung multiplizierte sich die Zahl der Minderheiten, die von der jeweiligen Mehrheit im Kampf um knappe Ressourcen als Konkurrenten, Sicherheitsrisiko oder Modernisierungshemmnis betrachtet wurden. Denjenigen, die zur "Minderheit" wurden, drohte Assimilierung einerseits, Flucht, Umsiedlung, Vertreibung oder - als Ultima Ratio - Tod andererseits. Staats-, Nations- und Minderheitsbildung sowie Ethnozid gingen Hand in Hand und bedingten sich wechselseitig.

Als Antwort auf das Spannungsverhältnis zwischen ethnischer Vielfalt und nationalstaatlichem Imperativ sind v. a. zwei Reaktionsweisen festzuhalten. Erstens: Die Staatsgrenzen werden auf die ethnischen Siedlungsverhältnisse zugeschnitten. Zweitens: Die ethnischen Siedlungsverhältnisse werden den Staatsgrenzen angepasst. Die erste Variante ist gleichbedeutend mit Staatszerfall und Parzellierung umstrittener Regionen. Nach diesem Muster sind die historischen Vielvölkerstaaten und -regionen auseinander gebrochen oder geteilt worden: die Habsburger Monarchie und das Osmanische Reich ebenso wie Makedonien, Thrakien, der Vielvölkerstaat Jugoslawien, der Zweivölkerstaat Zypern oder Bosnien-Herzegowina. Die Anpassung der ethnischen Siedlungsverhältnisse an die bestehenden Staatsgrenzen, ist gleichbedeutend mit einer breiten Palette von "Homogenisierungsmaßnahmen": Diese reichen von gezielter Assimilation (religiöse Umtaufung, Namensänderungen, sprachliche Umerziehung etc.) über Bevölkerungsaustausch und Vertreibung bis zum Ethnozid. In diesen Kontext fallen etwa die Serbisierungs-, Bulgarisierungs-, Gräzisierungs- und Albanisierungsbestrebungen. Dazu gehören auch die ethnonational bedingten Flüchtlingsströme und Vertreibungen sowie andere Formen "ethnischer Flur-bereinigung". Ihren Kulminationspunkt erreichten sie in den drei Kriegsperioden des 20. Jahrhunderts: in den Jahren 1912 bis 1923 (von den Balkankriegen bis zum griechisch-türkischen Friedensvertrag), während des Zweiten Weltkriegs und der drei postjugoslawischen Kriege (in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo/Jugoslawien) 1991 bis 1999. Insgesamt sind im kleinflächigen und vergleichsweise dünn besiedelten Balkanraum im vergangenen Jahrhundert über zehn Millionen Menschen Opfer unfreiwilliger Migration geworden.[7]

Der Gedanke, die Spannungen zwischen Titualarnation und Minderheiten durch "ethnische Entmischung", d.h. einen Bevölkerungsaustausch, zu lösen, tauchte erstmals in den Verhandlungen am Ende der Balkankriege auf. Der am 29. September 1913 abgeschlossene bulgarisch-türkische Friedensvertrag enthielt eine völkerrechtliche Neuerung: Erstmals war ein wechselseitiger, fakultativer Bevölkerungsaustausch vorgesehen, der sich auf die Bewohner ganzer Ortschaften beiderseits der Grenze erstreckte und damit im Widerspruch zum individuellen Optionsrecht stand. Zehn Jahre später - nach der Radikalisierung während des Ersten Weltkrieges und dem griechisch-türkischen Krieg in Kleinasien - erreichten die Bevölkerungsverschiebungen ein neues Ausmaß. Gemäß der am 30. Januar 1923 in Lausanne unterzeichneten griechisch-türkischen Konvention wurden die griechisch-orthodoxen Bürger der Türkei und die muslimischen Bewohner Griechenlands "ausgetauscht". Die Bestimmungen hatten jetzt Zwangscharakter und erstreckten sich auf den jeweiligen Gesamtstaat - mit wenigen, genau definierten Ausnahmen (Muslime in West-Thrakien und Orthodoxe in Istanbul sowie auf zwei türkischen Inseln). Sofern die Betroffenen nicht bereits geflohen waren (wie die Mehrheit der kleinasiatischen Griechen), wurden sie nun zwangsweise umgesiedelt (wie die Muslime aus Ägäisch-Makedonien). Der obligatorische Charakter der Konvention schuf einen Präzedenzfall für nachfolgende Vertreibungen.

Erstmals wurden damit ethnische Säuberungen unter den Auspizien des jungen Völkerbunds international sanktioniert. Paradoxerweise war gerade kurz zuvor in den Pariser Friedensverträgen von 1919/20 der Minderheitenschutz - gegen den heftigen Widerstand der jugoslawischen und rumänischen Regierungen - durchgesetzt worden. Das Lausanner Abkommen stand dazu im krassen Gegensatz, verfolgte es doch den Zweck, die Minderheiten zu beseitigen. Die internationale Gemeinschaft hat Kollektivausbürgerungen und Vertreibungen seit "Lausanne" als Ultima Ratio zur Lösung ethnischer/nationaler bzw. zwischenstaatlicher Konflikte hingenommen - wenngleich mit schlechtem Gewissen. Das gilt insbesondere für die Vertreibungen am Ende des Zweiten Weltkrieges, von denen auch mehrere Millionen Deutsche in Ostmittel- und Südosteuropa betroffen waren.[8] Im Unterschied zum Lausanner Abkommen, das eine Reaktion auf bereits erfolgte Fluchtbewegungen darstellte, dienten spätere Vereinbarungen der Vorbereitung von Vertreibungen. Erst mit dem Dayton-Abkommen für Bosnien-Herzegowina von 1995 und der NATO-Intervention in Rest-Jugoslawien 1999 zeichnete sich eine Kehrtwende ab: Statt die Vertreibungen vertraglich festzuschreiben, wurde jetzt - rund 70 Jahre nach "Lausanne" - die Rückkehr der Betroffenen und die Rekonstruktion der multiethnischen Gesellschaft favorisiert, bislang mit wenig Erfolg.


Fußnoten

5.
Michael Walzer, States and Minorities, in: Charles Fried (Hrsg.), Minorities. Community and Identity, Berlin u.a. 1983, S. 224. Hervorhebung im Original.
6.
Vgl. Holm Sundhaussen, Der Gegensatz zwischen historischen Rechten und Selbstbestimmungsrechten als Ursache von Konflikten. Kosovo und Krajina im Vergleich, in: ders./Philipp Ther (Hrsg.), Nationalitätenkonflikte im 20. Jahrhundert. Ursachen von inter-ethnischer Gewalt, Wiesbaden 2001, S. 19 - 31.
7.
Vgl. Holm Sundhaussen, Bevölkerungsverschiebungen in Südosteuropa seit der Nationalstaatswerdung (19./20. Jahrhundert), in: Comparativ, 6 (1996) 1, S. 25 - 40.
8.
Vgl. Hans Lemberg, "Ethnische Säuberung": Ein Mittel zur Lösung von Nationalitätenproblemen?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 46/92, S. 27 - 38; Norman M. Naimark, Fires of Hatred. Ethnic Cleansing in Twentieth-Century Europe, Cambridge/Mass. - London 2001, S. 108 - 138.