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6.5.2003 | Von:
Holm Sundhaussen

Staatsbildung und ethnisch-nationale Gegensätze in Südosteuropa

V. Ausblick

Die Abkehr der internationalen Gemeinschaft vom "Modell Lausanne" hat die Rekonstruktion multiethnischer Gemeinschaften nicht nachhaltig gefördert. Von den rund vier Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem früheren Jugoslawien ist etwa die Hälfte in die Heimat zurückgekehrt - aber fast ausschließlich dorthin, wo ihre Nation die Mehrheit stellt. Weder in Bosnien-Herzegowina noch in Kosovo oder in der Krajina sind Flüchtlinge bzw. Vertriebene in größerer Zahl in jene Gebiete heimgekehrt, die von Mitgliedern anderer Nationen dominiert werden. Die Tendenz zur ethnischen Homogenisierung immer kleinerer Räume hält somit an. Die traumatischen Erlebnisse der Zwangsmigranten, die Angst und Verunsicherung derjenigen, welche die zurückgelassenen Immobilien in Besitz genommen haben und selbst oft Flüchtlinge sind, die schier unlösbaren Eigentumsfragen und die ethnozentrischen Denkmuster machen eine Wiederherstellung des Status quo ante extrem unwahrscheinlich.

Zugleich hat die präventive Intervention der internationalen Gemeinschaft in der Republik Makedonien und die Implementierung neuer Mehr- und Minderheitsregeln im Ohrider Abkommen vom August 2001 (das auf eine Gleichstellung der Makedo-Albaner mit den ethnischen Makedoniern zielt) eine neue Welle ethnischer Säuberungen verhindern können. Alle Staaten Südosteuropas - im Westbalkan wie in Rumänien, Ungarn und Kroatien - haben unter dem Druck der internationalen Gemeinschaft den rechtlichen Status der auf ihrem Territorium beheimateten "fremden" Bevölkerungsgruppen aufgewertet. Dies ist eine der Vorbedingungen für die Integration in die EU. Solange die Staaten ihre ethnonationale Qualität nicht verlieren, existiert keine gerechte Alternative zum Schutz nationaler Minderheiten.[21] Die Transformation vom ethnonationalen Staat zu einer multiethnischen und ethnisch neutralen Staatsbürgergemeinschaft, die nur den Menschenrechten verpflichtet ist, muss bei der Titularnation ansetzen. Wo sonst? Erst danach kann auf ethnische Minderheitenrechte oder Territorialautonomien verzichtet werden. Der umgekehrte Weg ist weder praktikabel noch akzeptabel.


Fußnoten

21.
Vgl. Iris M. Young, Justice and the Politics of Difference, Princeton/N. J. 1990.