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6.5.2003 | Von:
Anne Waldschmidt

Selbstbestimmung als behindertenpolitisches Paradigma - Perspektiven der Disability Studies

VII. Perspektivender Disability Studies

Selbstbestimmung im Rahmen der Disability Studies zu thematisieren beinhaltet, einen neuen Blickwinkel einzunehmen. Nunmehr geht es nicht darum, das Konzept des rationalen, autonomen Subjekts als quasi naturgegeben vorauszusetzen und von diesem Ansatz aus zu untersuchen, wieviel Selbstbestimmung (vielleicht) denjenigen zugestanden werden kann, die von der Gesellschaft eigentlich gar nicht als autonomiefähig angesehen werden. Vielmehr gilt es, sich dem Subjektstatus zuzuwenden und ihn zu dekonstruieren als historische und gesellschaftspolitische Kategorie, dessen Funktion es ist, soziale Gruppen wie "die Behinderten" (und vor allem: "wir Normalen"[24]) zu konstituieren. Indem die Mehrheitsgesellschaft behinderten Menschen einen Mangel an Vernunft zuschreibt, versichert sie sich im Gegenzug ihrer eigenen Vernünftigkeit und legitimiert auf diese Weise die Teilhabe an Freiheitsrechten (bzw. die Exklusion von ihnen). Selbstbestimmung ist offensichtlich eine Dimension der sozialen Kategorisierung und Differenzierung und somit auch eine Machtstrategie, deren unkritische Übernahme "Creaming"-Prozesse bewirken kann: die Etablierung einer neuen Behindertenhierarchie, deren Rangordnung nach der Autonomiefähigkeit strukturiert ist. In der künftigen Auseinandersetzung muss es deshalb darum gehen, nicht nur die Chancen des Autonomiegedankens für behinderte Menschen herauszuarbeiten, sondern auch auf seine Gefahren aufmerksam zu machen. Diese kritische Reflexion in den Diskurs einzubringen ist Aufgabe der Disability Studies.


Fußnoten

24.
Vgl. Erving Goffman, Stigma, Frankfurt/M. 1996(12), S. 13.