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6.5.2003 | Von:
Thomas Kieselbach
Gert Beelmann

Arbeitslosigkeit als Risiko sozialer Ausgrenzung bei Jugendlichen in Europa

IV. Das EU-Projekt YUSEDER

Die forschungsleitende Fragestellung des europäischen Projekts YUSEDER konzentriert sich auf die Prozesse, unter denen Langzeitarbeitslosigkeit bei Jugendlichen zu sozialer Exklusion führt. Anders formuliert fragen wir nach den Schlüsselmechanismen, die den Prozess sozialer Exklusion unter den Bedingungen von Langzeitarbeitslosigkeit bei Jugendlichen beeinflussen.[7] Das Projekt umfasst drei Forschungsphasen. In der ersten Phase stand die Aufarbeitung des theoretischen und empirischen Materials im Vordergrund.[8] In der zweiten Phase wurden insgesamt 300 qualitative Interviews durchgeführt, jeweils 50 in den einzelnen Ländern. Schließlich wurden in der dritten Phase des Projekts Experten aus den unterschiedlichen Institutionen nach innovativen Interventionsansätzen befragt.

Die Jugendlichen wurden nach der Methode des problemzentrierten Interviews nach Andreas Witzel befragt.[9] Der Zugang wurde über Arbeits- und Sozialämter sowie über Jugendfreizeiteinrichtungen erreicht. Die Auswahl der Jugendlichen erfolgte anhand folgender Kriterien: (1) Alter: 20 bis unter 25 Jahre; (2) registrierte Langzeitarbeitslose, die mindestens ein Jahr arbeitslos gemeldet sind und keine Teilnahme an ausbildungs- bzw. berufsvorbereitenden Maßnahmen oder sonstiger Weiterqualifizierung aufweisen, die länger als 12 Wochen andauert; (3) deutsche Staatsangehörigkeit; (4) Gleichverteilung hinsichtlich Geschlecht und Qualifizierungsniveau für Ost- und Westdeutschland.

In Anlehnung an Martin Kronauer haben wir das Konzept sozialer Exklusion auf die Situation jugendlicher Arbeitsloser angewandt.[10] Dafür wurden sechs Dimensionen berücksichtigt: Exklusion vom Arbeitsmarkt, ökonomische Exklusion, institutionelle Exklusion, Exklusion durch soziale Isolierung, kulturelle Exklusion und räumliche Exklusion.

Es zeigen sich hinsichtlich der beschriebenen Dimensionen folgende Ergebnisse für die beteiligten sechs europäischen Länder:[11]

1. Exklusion vom Arbeitsmarkt

Langzeitarbeitslose Jugendliche werden nicht per se als vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt angesehen. Exklusion ist nach unserer Definition dann gegeben, wenn die Rückkehr bzw. der Eintritt in den regulären Arbeitsmarkt aufgrund vielfältiger struktureller wie personenbezogener Barrieren dauerhaft versperrt ist. Der Anteil langzeitarbeitsloser Jugendlicher mit einem hohen Exklusionsrisiko am Arbeitsmarkt ist in allen untersuchten Ländern erheblich. In den meisten Fällen ist das geringe bildungs- und berufsbezogene Qualifikationsniveau die Hauptursache der Probleme auf dem Arbeitsmarkt und der damit verbundenen Risiken der Arbeitsmarktausgrenzung. Die geringe Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt und das häufige Fehlen jeglicher Berufserfahrung bei den befragten Jugendlichen verhindert dabei zusätzlich den Einstieg ins Berufsleben. Dauert die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen länger an, ist mit einem Verlust bereits erlernter beruflicher Qualifikationen zu rechnen. Nicht nur, dass jugendlichen Arbeitslosen der Eintritt in das Erwerbsleben durch strukturelle Arbeitsmarktprobleme versperrt bleibt, sie betrachten sich selbst auch als chancenlos und ziehen sich im Sinne einer Selbstausgrenzung vom Arbeitsmarkt zurück. Die Rolle irregulärer Beschäftigung ist insofern von Bedeutung, als sie Jugendlichen die Möglichkeit bietet, kurzfristig ihr verfügbares Einkommen aufzubessern. Auf lange Sicht führen irreguläre Arbeitsplätze bei Jugendlichen mit besonders geringer Qualifikation zu einem hohen Risiko eines weiteren sozialen Abstiegs und sozialer Ausgrenzung. Die Schattenwirtschaft kann langfristig Falle und Chance gleichermaßen darstellen: Einerseits hält sie junge Leute vom ersten Arbeitsmarkt fern. Andererseits stellt sie eine Pufferlösung dar: Es wird einer Tätigkeit nachgegangen, die wichtige psychologische Funktionen von Erwerbstätigkeit erfüllt (z.B. mit sozialen Kontakten sowie einer Entlohnung verbunden ist, Möglichkeiten zur Anwendung und zum Erwerb von Fähigkeiten bietet). Insofern ist die irreguläre Beschäftigung eine sehr ambivalente Beschäftigungsform, die mit individuellen Risiken verbunden ist, gleichzeitig einen letzten Kontakt der Jugendlichen mit entlohnter Arbeit und den damit verbunden gesellschaftlichen Funktionen von Arbeit darstellt. Aufgrund des angespannten Arbeitsmarktes besonders in den südlichen Ländern Europas liegt der Schluss nahe, dass Sanktionen das Problem nicht lösen, sondern vielmehr verschärfen werden, da von Jugendlichen dann eher Umgehungsstrategien favorisiert würden.

2. Ökonomische Exklusion

Ein unerwarteter Befund der europäischen Vergleichsstudie zu den Ausgrenzungsrisiken ist das deutlich geringere Ausmaß ökonomischer Exklusion bei den befragten Jugendlichen aus Griechenland, Italien und Spanien. Zum einen kann dies mit der Rolle der Familie und der damit verbundenen sozialen Unterstützung in den südeuropäischen Ländern erklärt werden, zum anderen mit der Tatsache, dass viele der Interviewten aus Südeuropa ihr Einkommen aus irregulärer Beschäftigung beziehen. Während die jungen Leute aus Griechenland, Italien und Spanien so gut wie keine Ansprüche in Bezug auf das soziale Sicherungssystem geltend machen können, zeigen im Gegensatz dazu die belgische, schwedische und deutsche Studie, dass das weit reichende Netzwerk wohlfahrtsstaatlicher Leistungen für jugendliche Arbeitslose eine soziale Absicherung vorsieht. Diese bleibt aber auf ein Mindestniveau beschränkt, weil Jugendliche aufgrund fehlender Erwerbsarbeit kaum Ansprüche aus Versicherungsleistungen erwerben können. Da die Herkunftsfamilie immer weniger Kompensationsleistungen erbringt, nehmen subjektive Gefühle ökonomischer Exklusion zu.

3. Institutionelle Exklusion

Während junge Leute in Nordeuropa (vor allem in Belgien und Deutschland) staatliche Institutionen generell in einem negativen Sinne als "unproduktive" Behörden wahrnehmen, ist das Hauptproblem südeuropäischer Länder im weitgehenden Fehlen von Angeboten staatlicher Hilfe für arbeitlose Jugendliche zu sehen. Deshalb erwarten diese Befragten auch keine Unterstützung seitens des Staates und berichten weniger über Gefühle institutioneller Ausgrenzung. So ist ein scheinbar paradoxer Befund der YUSEDER-Studie, dass die institutionelle Ausgrenzung in Griechenland, Italien und Spanien kaum eine Rolle spielt. Zum überwiegenden Teil scheint die Familie die einzige Institution zu sein, die Jugendlichen bei der Bewältigung von Arbeitslosigkeit zur Seite steht. Um die Belastung der Familie zu verringern, müsste der Staat eine größere Verantwortung übernehmen. Aber auch in den nordeuropäischen Ländern wird das Ausmaß an Unterstützung seitens der wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen von den befragten Jugendlichen häufig als unzureichend und ineffizient beurteilt.

4. Exklusion durch soziale Isolierung

Jugendliche Langzeitarbeitslose in Griechenland, Italien und Spanien, aber auch in Schweden haben ein geringeres Risiko sozialer Isolation als Jugendliche in Belgien und Deutschland. Der Grund ist wiederum in dem vergleichsweise engen und starken Familienverbund der befragten Jugendlichen zu sehen. Es trifft zu, dass die relativ hohe Arbeitslosenrate unter Jugendlichen in den sechs Ländern die gesellschaftliche Normalisierung und billigende Akzeptanz von Jugendarbeitslosigkeit fördert. Diese Akzeptanz hilft, die Tendenzen zu sozialer Isolation zu verringern. Trotzdem wächst mit zunehmender Dauer der Erwerbslosigkeit die Gefahr einer Verringerung sozialer Beziehungen oder eines Rückzugs der Betroffenen auf einen engen Bekanntenkreis, der sich vorrangig auf Arbeitslose beschränkt. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe bedeutet einerseits soziale Integration, andererseits aber auch Abkoppelung vom größeren Teil der Gesellschaft aufgrund der Einseitigkeit der Kontakte.

5. Kulturelle Exklusion

Die meisten befragten Jugendlichen empfanden Gefühle kultureller Exklusion besonders dann, wenn ihr Lebensstandard mit dem Gleichaltriger nicht mehr übereinstimmte. Daraus folgt, dass Teilhabe am oder Ausgrenzung vom kulturellen Leben in hohem Maße von der finanziellen Situation der jungen Arbeitslosen abhängt. Lediglich in Belgien und Deutschland wurde von einem allgemeinen Gefühl kultureller Ausgrenzung berichtet, in Form von Stigmatisierung oder des subjektiven Eindrucks, als Außenseiter behandelt zu werden.

6. Räumliche Exklusion

Bei der Dimension räumlicher Exklusion wird unterschieden zwischen Ausgrenzungsrisiken in großen Städten und ländlichen Gebieten. Ersteres bezieht sich auf Stadtteile mit geringer Wohnqualität, einer großen Zahl sozial benachteiligter Gruppen, einer hohen Kriminalitätsrate und damit einhergehenden Gefühlen von Unsicherheit seitens der Anwohner. Räumliche Exklusion in ländlichen Regionen wird vor allem auf eine unzureichende Infrastruktur wie einen Mangel an Qualifikationsmöglichkeiten, auf das Fehlen von Arbeitsangeboten und kulturellen Aktivitäten sowie auf den Mangel an öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgeführt. In allen Länder-Studien hat die Form räumlicher Exklusion die geringste Bedeutung, wenngleich ein erhöhtes Risiko in den ländlichen Regionen Südeuropas angenommen wird.

Zusammenfassend zeigt sich, dass die Frage der familiären Unterstützung von zentraler Bedeutung für das Risiko sozialer Exklusion ist. Vor allem in Südeuropa führen der größere Familienzusammenhalt und die Möglichkeiten finanzieller Unterstützung zu einem höheren Schutz vor den negativen Folgen der Arbeitslosigkeit. Dies konnte auch in der schwedischen Studie gezeigt werden. Gleichzeitig tritt damit aber auch ein Verstärkungseffekt der sozialen Herkunft ein, indem ursprüngliche soziale Abhängigkeiten und Deprivationssituationen in der Familie an Bedeutung gewinnen und weitergegeben werden. In der belgischen und deutschen Studie ist das Gefühl sozialer Exklusion oder Inklusion stärker von dem Ausmaß an Unterstützung aus den sozialen Netzwerken abhängig als von familiärer Unterstützung. Wenngleich das soziale Sicherungssystem in Nordeuropa mehr Chancen für junge Leute bietet, scheint das institutionelle Hilfesystem dazu zu führen, dass individuell höhere Exklusionsrisiken wahrgenommen werden und es zu einem weitgehenden Rückzug von staatlichen Institutionen kommt.

Neben der Frage sozialer Exklusionsdimensionen wurde im Weiteren untersucht, welche Faktoren sich individuell als besonders schädlich und welche sich als besonders förderlich für eine Integration in den Arbeitsmarkt erweisen. In der wissenschaftlichen Diskussion wird in dem Zusammenhang von Vulnerabilitätsfaktoren und Schutzfaktoren gesprochen, die das Exklusionsrisiko beschleunigen oder reduzieren.

Alles in allem trägt eine geringe schulische und berufliche Qualifizierung zur Entstehung eines hohen Risikos sozialer Ausgrenzung bei. Dadurch werden die Chancen beruflicher Integration in den ersten Arbeitsmarkt in erheblichem Maße verringert. Passivität ist ein weiterer Risikofaktor, der sich sowohl auf das Verhalten bei der Suche nach Arbeit als auch auf die individuellen Anstrengungen zur Steigerung beruflicher Qualifikation bezieht. Im Gegensatz dazu sind junge Leute mit hoher beruflicher Qualifikation und Berufserfahrung einem geringen Risiko sozialer Exklusion ausgesetzt. Eine berufliche Ausbildung ist demnach ein entscheidender Schutzfaktor, denn damit werden nicht nur Möglichkeiten der Integration in den Arbeitsmarkt geboten, sondern es wird auch die Chance sozialer Integration gefördert.

Eine prekäre finanzielle Situation gilt als weiterer Risikofaktor. In den südeuropäischen Ländern entsteht diese bei einem Mangel an finanzieller Unterstützung seitens der Familie, während in Nordeuropa die finanzielle Unterstützung des Staates zwar vorhanden ist, oft aber als unzureichend bewertet wird. Darüber hinaus wird in vielen Fällen die prekäre finanzielle Lage durch Schulden und eine unökonomische Haushaltsführung noch verschärft. Dagegen führt eine sichere finanzielle Absicherung zu einer deutlichen Reduktion des sozialen Exklusionsrisikos.

Soziale Unterstützung spielt eine Schlüsselrolle bei der Entstehung des Exklusionsrisikos, sie schützt Jugendliche wesentlich vor Ausgrenzungsrisiken. Der Familienzusammenhalt in den südeuropäischen Ländern hat allerdings nicht nur positive Effekte, sondern verstärkt auch die ökonomische Abhängigkeit von der Familie; damit wird nicht nur das psychologische Wohlbefinden und Selbstvertrauen der Jugendlichen berührt, sondern auch ihre Fähigkeit beschränkt, sich vom Elternhaus abzulösen und eine autonome Lebensführung zu gestalten.

In allen Länderstudien hat mangelnde institutionelle Unterstützung einen zweifachen Effekt im Hinblick auf die Exklusionsrisiken. Zum einen führt unzureichende finanzielle Unterstützung zu einer ökonomisch prekären Situation bei den Betroffenen. Zum anderen verstärkt eine unzureichende institutionelle Unterstützung bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer Arbeitsstelle die Abkopplung vom Arbeitsmarkt. Dabei sind die Ursachen im Mangel an spezifischen Angeboten und in der mangelnden Effektivität existierender Programme zu suchen. Verglichen damit bedeutet eine adäquate institutionelle Unterstützung, dass junge Langzeitarbeitslose ausreichend beraten und finanziell unterstützt werden. Außerdem bedarf es einer Hilfe bei der Integration in den Arbeitsmarkt oder einer Verbesserung ihrer Integrationschancen durch spezifischere Qualifizierungsmaßnahmen. Schließlich wird in allen Länderstudien darauf hingewiesen, dass Persönlichkeitsfaktoren wie geringes Selbstwertgefühl und schlechter psychischer Gesundheitsstatus das Risiko sozialer Ausgrenzung verstärken. Dagegen wirken hohes Selbstwertgefühl und gute kommunikative Fähigkeiten dem Risiko sozialer Exklusion entgegen.

Insgesamt erhöhen folgende Vulnerabilitätsfaktoren das soziale Exklusionsrisiko bei Jugendlichen: niedriges Qualifikationsniveau, passives Verhalten auf dem Arbeitsmarkt, schwierige finanzielle Situation, keine oder nur geringe soziale Unterstützung, mangelhafte oder nicht vorhandene institutionelle Hilfe, geringes Selbstwertgefühl und in einigen Fällen Drogensucht und Devianz. Demgegenüber verringern folgende protektive Faktoren das soziale Ausgrenzungsrisiko: hohe Qualifikation, aktives Arbeitsmarktverhalten, sichere finanzielle Lage, soziale und institutionelle Unterstützung, hoher Grad an soziokulturellen Aktivitäten, großes Selbstvertrauen sowie gute Kommunikationsfähigkeiten.

Abschließend bleibt auf die soziodemographischen Merkmale hinzuweisen, die im Prozess sozialer Exklusion eine Moderatorfunktion einnehmen, d.h. den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und sozialer Exklusion beeinflussen. Die Vulnerabilität von jugendlichen Arbeitslosen steigt mit der Dauer der Arbeitslosigkeit und dem Mangel an schulischer und beruflicher Qualifikation. Darüber hinaus sind Jugendliche aus niedrigeren sozialen Schichten stärker einem Exklusionsrisiko ausgesetzt als Jugendliche, die aus höheren sozialen Schichten stammen, weil sich bestimmte Benachteiligungen der Familie bei den Kindern häufig bis ins Jugendalter fortsetzen.

Aufbauend auf den Dimensionen sozialer Exklusion haben wir eine Typologie entwickelt, die das Ausmaß von Exklusionsrisiken ländervergleichend abbildet (vgl. die Abbildung). Bei der Bildung der Typen wurde vorab in jedem Land festgelegt, welche Ausgrenzungsdimensionen zentral oder weniger zentral waren. Als zentrale Dimensionen erwiesen sich in allen Ländern Exklusion vom Arbeitsmarkt, ökonomische Exklusion und Exklusion durch soziale Isolierung. Nichtzentrale Dimensionen waren kulturelle, institutionelle und räumliche Exklusion. Der erste Typ (hohes Risiko) bezeichnet Jugendliche mit hohem Exklusionsrisiko (bei diesen Jugendlichen müssen drei Ausgrenzungsdimensionen vorliegen, darunter mindestens zwei zentrale Dimensionen). Der zweite Typ (zunehmendes Risiko) umfasst Arbeitslose mit erhöhtem Exklusionsrisiko (zwei zentrale Dimensionen können belegt sein, dazu jedoch keine weitere bzw. es darf höchstens eine zentrale Dimension vorliegen und beliebig viele nicht-zentrale Dimensionen). Der dritte Typ (geringes Risiko) weist nur ein geringes Ausgrenzungsrisiko auf (bei diesen Jugendlichen darf nur eine Dimension belegt sein, wobei dies keine zentrale Dimension sein darf).

Das Ausmaß an sozialer Exklusion ist in den nordeuropäischen Ländern (mit Ausnahme Schwedens) deutlich höher als in Südeuropa. Wir erklären diese Differenz durch das höhere Ausmaß an Normalität, die Pufferfunktion irregulärer Beschäftigung (80 bis 90 Prozent der südeuropäischen langzeitarbeitslosen Jugendlichen waren in mehr oder minder starker Form in der Schattenwirtschaft aktiv) sowie durch die wirksamere soziale Unterstützungsfunktion der Herkunftsfamilie in Südeuropa. In Deutschland war das Ausmaß an sozialer Exklusion am stärksten ausgeprägt, was dem Faktor sozialer Isolierung (nur 10 Prozent lebten noch in der Herkunftsfamilie), der stärkeren Selektion der Stichprobe (bei nur 10 Prozent Jugendarbeitslosigkeit trifft Langzeitarbeitslosigkeit eine stärker betroffene Gruppe von Jugendlichen) und Effekten sozialer Stigmatisierung geschuldet sein dürfte. Das geringere Exklusionsrisiko in der schwedischen Studie ist insofern besonders interessant, als es Hinweise darauf liefert, dass sozialpolitische Maßnahmen individuelle Risiken durchaus mildern können. Dort gilt nämlich seit dem drastischen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit ab Mitte der 1990er Jahre eine so genannte 100-Tage-Garantie, die jedem Jugendlichen nach Ablauf von 100 Tagen die Teilnahme an einer Maßnahme garantiert und damit das Ausgrenzungsrisiko reduzierte.


Fußnoten

7.
An dem Projekt waren unter Leitung von Thomas Kieselbach (Universität Bremen) sechs Länder, drei nordeuropäische (Belgien, Deutschland und Schweden) und drei südeuropäische (Griechenland, Italien und Spanien), beteiligt.
8.
Vgl. Thomas Kieselbach (Hrsg.), Youth unemployment and health. A comparison of six European countries, Opladen 2000; ders. (Hrsg.), ders./Gert Beelmann, Youth unemployment and health in Germany, in: Kieselbach, ebd. Youth unemployment and social exclusion. A comparison in six European countries, Opladen, 2000.
9.
Vgl. Andreas Witzel, Das problemzentrierte Interview, in: Gerd Jüttemann (Hrsg.), Qualitative Forschung in der Psychologie. Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder, Weinheim-Basel-Heidelberg 1985.
10.
Vgl. Martin Kronauer, Social exclusion and underclass - new concepts for the analysis of poverty, in: Hans-Jürgen Andreß (Hrsg.), Empirical poverty research in a comparative perspective, Aldershot 1998.
11.
Vgl. Thomas Kieselbach/Kees van Heeringen/Michele La Rosa/Louis Lemkow/Katerina Sokou/Bengt Starrin (Hrsg.), Living on the edge. An empirical analysis on long-term youth unemployment and social exclusion in Europe, Opladen 2001.