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6.5.2003 | Von:
Thomas Kieselbach
Gert Beelmann

Arbeitslosigkeit als Risiko sozialer Ausgrenzung bei Jugendlichen in Europa

V. Interventionsmaßnahmen und präventive Arbeitsmarktpolitik

Für arbeitslose Jugendliche gibt es in Deutschland ein breit gefächertes Angebot an Maßnahmen und Programmen.[12] Die Ansätze zielen darauf, (langzeit-)arbeitslose Jugendliche langfristig durch Berufsvorbereitung, Qualifizierung und Ausbildung in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Zentrale institutionelle Antworten auf (Langzeit-) Jugendarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik sind: (1) Ausbildung und Qualifizierung; (2) Kooperation und Vernetzung sowie (3) psychosoziale Stabilisierung und Persönlichkeitsentwicklung.[13]

1. Ausbildung und Qualifizierung

Ein Großteil der Anstrengungen bei der Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit setzt auf schulische und betriebliche Qualifizierung, wobei Schlüsselqualifikationen und soziale Kompetenzen vermittelt werden sollen. Es sind nämlich vorwiegend diejenigen Jugendlichen ohne Arbeit, die keine oder nur eine unzureichende schulische Qualifizierung vorweisen können oder kaum Erfahrungen mit Arbeit machen konnten.

Die qualifizierenden und berufsausbildenden Ansätze sind vor allem auf die konstruktive Mitarbeit der Betroffenen angewiesen. Häufig wird in Projekten und Maßnahmen über die Interessen der Jugendlichen hinweg entschieden. Dies kann zu Frustrationen, Maßnahmeabbrüchen und schließlich resignativen Haltungen führen. So genannte Maßnahmekarrieren sind die Folge, in denen arbeitslose Jugendliche von einer Qualifizierungsmaßnahme zur nächsten geschickt werden, ohne darin einen konkreten Nutzen für ihre persönliche Weiterentwicklung zu sehen. Daher sind Ansätze nötig, in denen gemeinsam mit Jugendlichen Zukunftsperspektiven entwickelt werden. Die Arbeit in den Projekten sieht dabei z.T. so aus, dass mit jedem einzelnen Jugendlichen ein konkreter beruflicher Entwicklungsplan entworfen wird, wobei die individuellen beruflichen Wünsche und Zielvorstellungen des Jugendlichen weitgehend Priorität haben. Die Erstellung eines solchen "Entwicklungsplans", der beratend, unterstützend und zugleich kontrollierend von den Experten begleitet wird, vermindert das Risiko von Maßnahmeabbrüchen und stärkt gleichzeitig die Verantwortlichkeit des Jugendlichen. Wichtig ist, dass der Weg zur Erreichung eines Ziels aus qualifizierenden Einzelschritten besteht. Den Jugendlichen werden dabei auch alternative Berufsbildungsmöglichkeiten aufgezeigt. Das Ziel der Bemühungen soll sein, sie zu aktivieren und in die Lage zu versetzen, selbständig eigene Vorstellungen Schritt für Schritt realisieren zu können. Dabei ist ein wesentliches innovatives Element darin zu sehen, dass Qualifizierungsketten geschaffen werden, die systematisch aufeinander aufbauen. Damit besteht für die Jugendlichen die Möglichkeit, zertifizierte Teilabschlüsse zu erlangen (Modularisierung). In diesem Kontext ist auch die Idee eines Qualifizierungspasses bedenkenswert. In einem solchen Pass sind Fähigkeiten und Kenntnisse der Jugendlichen vermerkt. Damit können Teilqualifikationen wie Praktika oder kurzfristige Beschäftigungen auch als wichtige Zwischenerfolge dokumentiert werden, selbst wenn das eigentliche Ziel der Maßnahme nicht erreicht werden sollte.

2. Kooperation und Vernetzung

Ein weiterer wichtiger Ansatz bei der Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit und daraus resultierenden sozialen Exklusionsprozessen ist die enge Kooperation und Vernetzung der Arbeitsmarktakteure. Durch die Zusammenarbeit von Betrieben und Beratungskräften in den verantwortlichen Institutionen kann eine passgenaue Vermittlung von einzelnen Jugendlichen erreicht werden. Das heißt, für einen bestimmten Ausbildungs- oder Arbeitsplatz wird gezielt ein Jugendlicher ausgewählt, der die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt. Ein solcher Ansatz setzt allerdings gegenseitiges Vertrauen voraus und erfordert ein hohes Engagement von allen Beteiligten. Insbesondere an die gesellschaftliche Verantwortung der Betriebe wird dabei appelliert, ohne deren aktive Mitarbeit ein solches Konzept zum Scheitern verurteilt wäre. Aber auch den Jugendlichen wird dabei ein hohes Maß an Eigenaktivität und persönlicher Initiative abverlangt.

3. Psychosoziale Stabilisierung und Persönlichkeitsentwicklung

Die beiden oben beschriebenen Ansätze sind vorwiegend vermittlungsorientiert, d.h., sie zielen stärker auf die unmittelbare Eingliederung in qualifizierende, berufsausbildende oder berufsausübende Tätigkeiten. Es gibt aber auch Ansätze, die sich stärker mit der Berufsvorbereitung, der emotionalen und psychosozialen Stabilisierung und der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung arbeitsloser Jugendlicher auseinander setzen. Im Wesentlichen geht es darum, die Jugendlichen, die z.T. erhebliche psychische, aber auch finanzielle und soziale Probleme aufweisen, zu stabilisieren. Damit soll z.B. das Risiko ökonomischer Ausgrenzung beseitigt werden. Erst nach einer Phase der Restabilisierung kann es darum gehen, den Jugendlichen berufsorientierte Hilfsangebote zu unterbreiten und sie in ihrer beruflichen Zukunftsplanung zu unterstützen.

Die Hauptprobleme jugendlicher Arbeitsloser bestehen in der lang andauernden Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt und den damit verbundenen sozialen und psychosozialen Problemlagen. Viele Jugendliche müssen erst wieder "fit" gemacht werden, um eine dauerhafte Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Dazu gehören Aspekte wie Motivationssteigerung, Stärkung des Selbstwertgefühls, Entwicklung einer persönlichen Perspektive, die Bearbeitung sozialer Problemlagen, Bewerbungstrainings etc.

Nach dem Regierungswechsel 1998 wurde erstmals in der Bundesrepublik ein umfangreiches Programm zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit (JUMP) aufgelegt. Das Programm startete 1999 und wird bis Ende 2003 fortgesetzt. In den Förderjahren 1999 und 2000 wurden bundesweit insgesamt knapp 270000 arbeitslose Jugendliche gefördert. Erste differenzierte Analysen über den Erfolg des Programms und den Verbleib der Maßnahmeteilnehmer liegen vor.[14] Auf der Basis von 2142 Teilnehmern, die im Rahmen der Begleitforschung befragt wurden, waren 33,5 Prozent unmittelbar nach Abschluss der Maßnahme erneut arbeitslos. In Erwerbstätigkeit mündeten 21,2 Prozent der Maßnahmeteilnehmer ein, davon 11,2 Prozent in eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung und 10 Prozent in eine befristete Beschäftigung oder Teilzeitbeschäftigung. Eine Wiedereingliederungsquote von gut 20 Prozent in Erwerbstätigkeit und die Quote von 21 Prozent in Qualifizierungsmaßnahmen müssen positiv bewertet werden, da gerade bei jugendlichen Arbeitslosen Qualifizierungsdefizite zentrale Barrieren darstellen.

Mit den arbeitsmarktpolitischen Vorschlägen der Hartz-Kommission[15] wurden auch spezifische Probleme jugendlicher Arbeitsloser aufgegriffen und Lösungsansätze zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit formuliert. Im Einzelnen wird gefordert, mehr differenzierte arbeitsmarktfähige Ausbildungsberufe zu entwickeln. Darüber hinaus sollen für Jugendliche verstärkt arbeitsmarktfähige Qualifizierungsbausteine aus bestehenden Ausbildungsberufen angeboten werden. Diese Forderung ließe sich kombinieren mit dem Instrument der Zertifizierung von Teilqualifikationen innerhalb der beruflichen Ausbildung. Bei den besonders schwer integrierbaren Jugendlichen sieht die Kommission die Notwendigkeit einer intensiven Betreuung durch das enge Zusammenwirken von Trägern der Schul-, Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Jugendpolitik. Diese Strategie soll in neu geschaffenen Job-Centern realisiert werden, die primär die Aufgabe haben, die Vermittlung von Praktikums-, Ausbildungs- und Arbeitsstellen jugendlicher Arbeitslose zu optimieren.


Fußnoten

12.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Günter Thoma in diesem Heft.
13.
Vgl. Gert Beelmann/Thomas Kieselbach, Finding good practices for interventions to combat long-term youth unemployment, in: Simo Mannila/Mika Ala-Kauhaluoma/Sari Valjakka (Hrsg.), Good practice in finding good practice. International workshop in evaluation, Helsinki 2001, S. 85-96.
14.
Vgl. Hans Dietrich, JUMP, das Jugendsofortprogramm. Unterschiede in den Förderjahrgängen 1999 und 2000 und Verbleib der Teilnehmer nach Maßnahmeende, in: IAB Werkstattbericht, (2001) 3.
15.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch die Beiträge von Günther Schmid und Rudolf Hickel in dieser Ausgabe.