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6.5.2003 | Von:
Thomas Kieselbach
Gert Beelmann

Arbeitslosigkeit als Risiko sozialer Ausgrenzung bei Jugendlichen in Europa

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit Jugendlicher und dem Risiko sozialer Ausgrenzung. Deren Ausmaß ist in den meisten nordeuropäischen Ländern - allen voran Deutschland - deutlich höher ist als in den Ländern Südeuropas.

I. Problemstellung

Der Zusammenhang zwischen der individuellen Erfahrung von Arbeitslosigkeit und dem Risiko sozialer Ausgrenzung (sozialer Exklusion) ist bislang in der wissenschaftlichen Diskussion eher am Rande behandelt worden.[1] Das steigende Interesse am Thema soziale Exklusion und Arbeitslosigkeit vollzieht sich vor dem Hintergrund der Veränderung der Arbeitswelt, der zunehmenden Flexibilisierung von Arbeitsmärkten und eines spürbaren Drucks auf diejenigen, die nicht genügend persönliche Bewältigungsressourcen aufweisen, um auf die veränderten gesellschaftlichen Anforderungen angemessen reagieren zu können. In der sozialwissenschaftlichen Forschung haben sich vorwiegend Soziologen mit dem Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Prozessen sozialer Ausgrenzung beschäftigt.[2] Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob mit der dauerhaften Erfahrung von Arbeitslosigkeit soziale Exklusionsprozesse ausgelöst werden, die gesamtgesellschaftliche Auswirkungen mit sich bringen und dazu führen können, dass bestimmte Gruppen in der Gesellschaft dauerhaft zu "den Entbehrlichen" gehören.[3] Die psychologische Arbeitslosenforschung untersucht traditionell die gesundheitlichen Auswirkungen von Phasen ungewollter Arbeitslosigkeit. Dieser Forschungsbereich hat sich in den vergangenen 25 Jahren extensiv ausgedehnt, und es liegen eine Vielzahl differenzierter Befunde zu den individuellen psychischen und psychosozialen Folgen von Arbeitslosigkeit vor. Es stellt sich nun die Frage, was das Neue an der Themenstellung ist, die sich mit sozialen Ausgrenzungsprozessen beschäftigt, welche durch die Erfahrung von Arbeitslosigkeit verursacht oder verstärkt werden.


An der Universität Bremen sind wir in einem von der Europäischen Kommission unterstützten Forschungsprojekt (YUSEDER) in sechs Ländern der EU der Frage nachgegangen, inwieweit die frühe Erfahrung von lang andauernder Arbeitslosigkeit Jugendlicher mit sozialen Ausgrenzungsprozessen einhergeht. Dabei wurden einzelne Dimensionen sozialer Ausgrenzung analysiert und jeweils zu den verfügbaren Schutzfaktoren und individuellen Belastungen in Beziehung gesetzt. Auf diese Weise wurde versucht, die Dynamik sozialer Ausgrenzungsprozesse zu rekonstruieren und zudem eine Verbindung zur psychologischen Analyse des Erlebens von Arbeitslosigkeit herzustellen.

In diesem Beitrag wird zunächst gefragt, ob das Konzept sozialer Ausgrenzung gegenüber bisherigen Befunden der differentiellen Arbeitslosenforschung einen deutlichen Erkenntnisgewinn liefert. Darüber hinaus wird das Konzept sozialer Exklusion vor dem Hintergrund europäischer Politiken zur gesellschaftlichen Inklusion oder Kohäsion betrachtet. Schließlich werden empirische Befunde des europäischen Forschungsprojekts dargestellt. Abschließend werden Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt, bisherige staatliche Bemühungen und neuere arbeitsmarktpolitische Empfehlungen kritisch beleuchtet, und es wird ein Ausblick auf zukünftige Forschungsbemühungen gegeben.

II. Psychologische Arbeitslosen- forschung und das Konzept sozialer Exklusion

Inwieweit lässt sich die psychologische Arbeitslosenforschung mit dem soziologisch orientierten Konzept sozialer Exklusion vereinbaren? Lässt sich diese Konzeption verbinden mit der psychologischen Wirkungsforschung, oder stellt sie einen umfassenderen Ansatz zur Beschreibung und Erklärung von Folgen der Arbeitslosigkeit und den Dynamiken sozialer Exklusion dar? Ist es ein Konzept, mit dem die soziologische und psychologische Arbeitslosenforschung verknüpft werden kann?

Aus Sicht der psychologischen Arbeitslosenforschung beinhaltet der Begriff der sozialen Ausgrenzung eine Vielzahl relevanter Moderator-Variablen für den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit (z.B. finanzielle Belastungen, soziale Unterstützung). Insofern stellt das Konzept sozialer Ausgrenzung eine Systematisierung der vielfältigen sozialstrukturellen, ökonomischen und psychischen Belastungsaspekte für die individuelle Erfahrung von Arbeitslosigkeit dar. Mit Hilfe des Konzepts lassen sich möglicherweise die Folgen von Arbeitslosigkeit umfassender beschreiben und erklären als durch einzelne isolierte Indikatoren.

Bei betroffenen Jugendlichen, insbesondere für die extrem Gefährdeten, liefert das Konzept sozialer Exklusion Hinweise darauf, an welchen biographischen Bruchstellen dringend Maßnahmen zur Begrenzung des Risikos sozialer Ausgrenzung geboten sind. Die vielfältigen Facetten des Problembereichs Arbeitslosigkeit können mit diesem Konzept auf gesellschaftlicher und individueller Ebene beschrieben werden und damit einen gezielten Ausgangspunkt zur spezifischen Bekämpfung sozialer Ausgrenzungsprozesse bilden.

III. Soziale Exklusion und soziale Inklusion als ein europäisches Konzept

Das Thema soziale Exklusion hat sich innerhalb der Europäischen Union und in der Programmatik der Europäischen Kommission als ein zentrales Konzept entwickelt. Im Zuge der Entwicklung einer europäischen Beschäftigungspolitik und der Entstehung nationaler Aktionspläne ist die Bekämpfung sozialer Exklusion und die Förderung sozialer Inklusion von herausragender Bedeutung für die soziale Kohäsion eines geeinten Europas. In den Beschäftigungsrichtlinien der Europäischen Kommission für das Jahr 2002 kommt der Förderung sozialer Inklusion eine besondere Bedeutung zu.[4] Die einzelnen Teilnehmerstaaten werden aufgefordert:

- die Probleme zu bekämpfen, die den Zugang der Menschen zum Arbeitsmarkt, zur Ausbildung und Qualifizierung behindern;

- Strategien präventiver und aktiver Maßnahmen zu entwickeln, um die Integration derer zu fördern, die als benachteiligt gelten oder besonderen Risiken ausgesetzt sind;

- der Marginalisierung, der Entstehung einer Gruppe verarmender Erwerbspersonen (working poor) und Exklusionsrisiken entgegenzuwirken;

- geeignete Maßnahmen zu implementieren, die an den Bedürfnissen der sozialen Randgruppen im Hinblick auf deren Integration in den Arbeitsmarkt orientiert sind.

Der Rat der Europäischen Union hat 2001 erstmals einen Gemeinsamen Bericht über das Problem von Armut und sozialer Ausgrenzung erstellt. Darin wird das strategische Ziel der Schaffung einer größeren sozialen Kohäsion innerhalb der Europäischen Union formuliert. In den Europäischen Ratssitzungen haben "die Mitgliedsstaaten sich verpflichtet, nachhaltiges Wirtschaftswachstum und qualitativ hochwertige Beschäftigung zu fördern und somit über den Zeitraum von 2001 bis 2010 das Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung zu verringern und den sozialen Zusammenhalt in der Union zu stärken"[5]. Der Europäische Rat identifiziert acht große Herausforderungen, die von den einzelnen Mitgliedsstaaten thematisiert werden. Eine der Herausforderungen ist "die Schaffung eines integrativen Arbeitsmarktes und Förderung der Beschäftigung als Recht und Möglichkeit für alle Bürger"[6].

In den nationalen Aktionsplänen wird Arbeitslosigkeit, vor allem Langzeitarbeitslosigkeit, als zentraler Faktor für die Erhöhung des Risikos von Armut und sozialer Ausgrenzung bewertet. Alle Mitgliedsstaaten sehen denn auch die Erwerbsbeteiligung als beste Strategie zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung an.

Im Rahmen der Forschungsförderung der Europäischen Kommission wird inhaltlich auf die Forderungen des Europäischen Rats und der Europäischen Beschäftigungsrichtlinien Bezug genommen. Im 4. Forschungsrahmenprogramm der zielgerichteten sozioökonomischen Schwerpunktforschung der EU wurde der Forschungsbereich "Soziale Integration und soziale Exklusion - Ursachen sozialer Exklusion, speziell von Arbeitslosigkeit" aufgenommen. Im Rahmen dieses Forschungsfeldes ist das im Folgenden dargestellte EU-Forschungsprojekt durchgeführt worden.

IV. Das EU-Projekt YUSEDER

Die forschungsleitende Fragestellung des europäischen Projekts YUSEDER konzentriert sich auf die Prozesse, unter denen Langzeitarbeitslosigkeit bei Jugendlichen zu sozialer Exklusion führt. Anders formuliert fragen wir nach den Schlüsselmechanismen, die den Prozess sozialer Exklusion unter den Bedingungen von Langzeitarbeitslosigkeit bei Jugendlichen beeinflussen.[7] Das Projekt umfasst drei Forschungsphasen. In der ersten Phase stand die Aufarbeitung des theoretischen und empirischen Materials im Vordergrund.[8] In der zweiten Phase wurden insgesamt 300 qualitative Interviews durchgeführt, jeweils 50 in den einzelnen Ländern. Schließlich wurden in der dritten Phase des Projekts Experten aus den unterschiedlichen Institutionen nach innovativen Interventionsansätzen befragt.

Die Jugendlichen wurden nach der Methode des problemzentrierten Interviews nach Andreas Witzel befragt.[9] Der Zugang wurde über Arbeits- und Sozialämter sowie über Jugendfreizeiteinrichtungen erreicht. Die Auswahl der Jugendlichen erfolgte anhand folgender Kriterien: (1) Alter: 20 bis unter 25 Jahre; (2) registrierte Langzeitarbeitslose, die mindestens ein Jahr arbeitslos gemeldet sind und keine Teilnahme an ausbildungs- bzw. berufsvorbereitenden Maßnahmen oder sonstiger Weiterqualifizierung aufweisen, die länger als 12 Wochen andauert; (3) deutsche Staatsangehörigkeit; (4) Gleichverteilung hinsichtlich Geschlecht und Qualifizierungsniveau für Ost- und Westdeutschland.

In Anlehnung an Martin Kronauer haben wir das Konzept sozialer Exklusion auf die Situation jugendlicher Arbeitsloser angewandt.[10] Dafür wurden sechs Dimensionen berücksichtigt: Exklusion vom Arbeitsmarkt, ökonomische Exklusion, institutionelle Exklusion, Exklusion durch soziale Isolierung, kulturelle Exklusion und räumliche Exklusion.

Es zeigen sich hinsichtlich der beschriebenen Dimensionen folgende Ergebnisse für die beteiligten sechs europäischen Länder:[11]

1. Exklusion vom Arbeitsmarkt

Langzeitarbeitslose Jugendliche werden nicht per se als vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt angesehen. Exklusion ist nach unserer Definition dann gegeben, wenn die Rückkehr bzw. der Eintritt in den regulären Arbeitsmarkt aufgrund vielfältiger struktureller wie personenbezogener Barrieren dauerhaft versperrt ist. Der Anteil langzeitarbeitsloser Jugendlicher mit einem hohen Exklusionsrisiko am Arbeitsmarkt ist in allen untersuchten Ländern erheblich. In den meisten Fällen ist das geringe bildungs- und berufsbezogene Qualifikationsniveau die Hauptursache der Probleme auf dem Arbeitsmarkt und der damit verbundenen Risiken der Arbeitsmarktausgrenzung. Die geringe Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt und das häufige Fehlen jeglicher Berufserfahrung bei den befragten Jugendlichen verhindert dabei zusätzlich den Einstieg ins Berufsleben. Dauert die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen länger an, ist mit einem Verlust bereits erlernter beruflicher Qualifikationen zu rechnen. Nicht nur, dass jugendlichen Arbeitslosen der Eintritt in das Erwerbsleben durch strukturelle Arbeitsmarktprobleme versperrt bleibt, sie betrachten sich selbst auch als chancenlos und ziehen sich im Sinne einer Selbstausgrenzung vom Arbeitsmarkt zurück. Die Rolle irregulärer Beschäftigung ist insofern von Bedeutung, als sie Jugendlichen die Möglichkeit bietet, kurzfristig ihr verfügbares Einkommen aufzubessern. Auf lange Sicht führen irreguläre Arbeitsplätze bei Jugendlichen mit besonders geringer Qualifikation zu einem hohen Risiko eines weiteren sozialen Abstiegs und sozialer Ausgrenzung. Die Schattenwirtschaft kann langfristig Falle und Chance gleichermaßen darstellen: Einerseits hält sie junge Leute vom ersten Arbeitsmarkt fern. Andererseits stellt sie eine Pufferlösung dar: Es wird einer Tätigkeit nachgegangen, die wichtige psychologische Funktionen von Erwerbstätigkeit erfüllt (z.B. mit sozialen Kontakten sowie einer Entlohnung verbunden ist, Möglichkeiten zur Anwendung und zum Erwerb von Fähigkeiten bietet). Insofern ist die irreguläre Beschäftigung eine sehr ambivalente Beschäftigungsform, die mit individuellen Risiken verbunden ist, gleichzeitig einen letzten Kontakt der Jugendlichen mit entlohnter Arbeit und den damit verbunden gesellschaftlichen Funktionen von Arbeit darstellt. Aufgrund des angespannten Arbeitsmarktes besonders in den südlichen Ländern Europas liegt der Schluss nahe, dass Sanktionen das Problem nicht lösen, sondern vielmehr verschärfen werden, da von Jugendlichen dann eher Umgehungsstrategien favorisiert würden.

2. Ökonomische Exklusion

Ein unerwarteter Befund der europäischen Vergleichsstudie zu den Ausgrenzungsrisiken ist das deutlich geringere Ausmaß ökonomischer Exklusion bei den befragten Jugendlichen aus Griechenland, Italien und Spanien. Zum einen kann dies mit der Rolle der Familie und der damit verbundenen sozialen Unterstützung in den südeuropäischen Ländern erklärt werden, zum anderen mit der Tatsache, dass viele der Interviewten aus Südeuropa ihr Einkommen aus irregulärer Beschäftigung beziehen. Während die jungen Leute aus Griechenland, Italien und Spanien so gut wie keine Ansprüche in Bezug auf das soziale Sicherungssystem geltend machen können, zeigen im Gegensatz dazu die belgische, schwedische und deutsche Studie, dass das weit reichende Netzwerk wohlfahrtsstaatlicher Leistungen für jugendliche Arbeitslose eine soziale Absicherung vorsieht. Diese bleibt aber auf ein Mindestniveau beschränkt, weil Jugendliche aufgrund fehlender Erwerbsarbeit kaum Ansprüche aus Versicherungsleistungen erwerben können. Da die Herkunftsfamilie immer weniger Kompensationsleistungen erbringt, nehmen subjektive Gefühle ökonomischer Exklusion zu.

3. Institutionelle Exklusion

Während junge Leute in Nordeuropa (vor allem in Belgien und Deutschland) staatliche Institutionen generell in einem negativen Sinne als "unproduktive" Behörden wahrnehmen, ist das Hauptproblem südeuropäischer Länder im weitgehenden Fehlen von Angeboten staatlicher Hilfe für arbeitlose Jugendliche zu sehen. Deshalb erwarten diese Befragten auch keine Unterstützung seitens des Staates und berichten weniger über Gefühle institutioneller Ausgrenzung. So ist ein scheinbar paradoxer Befund der YUSEDER-Studie, dass die institutionelle Ausgrenzung in Griechenland, Italien und Spanien kaum eine Rolle spielt. Zum überwiegenden Teil scheint die Familie die einzige Institution zu sein, die Jugendlichen bei der Bewältigung von Arbeitslosigkeit zur Seite steht. Um die Belastung der Familie zu verringern, müsste der Staat eine größere Verantwortung übernehmen. Aber auch in den nordeuropäischen Ländern wird das Ausmaß an Unterstützung seitens der wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen von den befragten Jugendlichen häufig als unzureichend und ineffizient beurteilt.

4. Exklusion durch soziale Isolierung

Jugendliche Langzeitarbeitslose in Griechenland, Italien und Spanien, aber auch in Schweden haben ein geringeres Risiko sozialer Isolation als Jugendliche in Belgien und Deutschland. Der Grund ist wiederum in dem vergleichsweise engen und starken Familienverbund der befragten Jugendlichen zu sehen. Es trifft zu, dass die relativ hohe Arbeitslosenrate unter Jugendlichen in den sechs Ländern die gesellschaftliche Normalisierung und billigende Akzeptanz von Jugendarbeitslosigkeit fördert. Diese Akzeptanz hilft, die Tendenzen zu sozialer Isolation zu verringern. Trotzdem wächst mit zunehmender Dauer der Erwerbslosigkeit die Gefahr einer Verringerung sozialer Beziehungen oder eines Rückzugs der Betroffenen auf einen engen Bekanntenkreis, der sich vorrangig auf Arbeitslose beschränkt. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe bedeutet einerseits soziale Integration, andererseits aber auch Abkoppelung vom größeren Teil der Gesellschaft aufgrund der Einseitigkeit der Kontakte.

5. Kulturelle Exklusion

Die meisten befragten Jugendlichen empfanden Gefühle kultureller Exklusion besonders dann, wenn ihr Lebensstandard mit dem Gleichaltriger nicht mehr übereinstimmte. Daraus folgt, dass Teilhabe am oder Ausgrenzung vom kulturellen Leben in hohem Maße von der finanziellen Situation der jungen Arbeitslosen abhängt. Lediglich in Belgien und Deutschland wurde von einem allgemeinen Gefühl kultureller Ausgrenzung berichtet, in Form von Stigmatisierung oder des subjektiven Eindrucks, als Außenseiter behandelt zu werden.

6. Räumliche Exklusion

Bei der Dimension räumlicher Exklusion wird unterschieden zwischen Ausgrenzungsrisiken in großen Städten und ländlichen Gebieten. Ersteres bezieht sich auf Stadtteile mit geringer Wohnqualität, einer großen Zahl sozial benachteiligter Gruppen, einer hohen Kriminalitätsrate und damit einhergehenden Gefühlen von Unsicherheit seitens der Anwohner. Räumliche Exklusion in ländlichen Regionen wird vor allem auf eine unzureichende Infrastruktur wie einen Mangel an Qualifikationsmöglichkeiten, auf das Fehlen von Arbeitsangeboten und kulturellen Aktivitäten sowie auf den Mangel an öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgeführt. In allen Länder-Studien hat die Form räumlicher Exklusion die geringste Bedeutung, wenngleich ein erhöhtes Risiko in den ländlichen Regionen Südeuropas angenommen wird.

Zusammenfassend zeigt sich, dass die Frage der familiären Unterstützung von zentraler Bedeutung für das Risiko sozialer Exklusion ist. Vor allem in Südeuropa führen der größere Familienzusammenhalt und die Möglichkeiten finanzieller Unterstützung zu einem höheren Schutz vor den negativen Folgen der Arbeitslosigkeit. Dies konnte auch in der schwedischen Studie gezeigt werden. Gleichzeitig tritt damit aber auch ein Verstärkungseffekt der sozialen Herkunft ein, indem ursprüngliche soziale Abhängigkeiten und Deprivationssituationen in der Familie an Bedeutung gewinnen und weitergegeben werden. In der belgischen und deutschen Studie ist das Gefühl sozialer Exklusion oder Inklusion stärker von dem Ausmaß an Unterstützung aus den sozialen Netzwerken abhängig als von familiärer Unterstützung. Wenngleich das soziale Sicherungssystem in Nordeuropa mehr Chancen für junge Leute bietet, scheint das institutionelle Hilfesystem dazu zu führen, dass individuell höhere Exklusionsrisiken wahrgenommen werden und es zu einem weitgehenden Rückzug von staatlichen Institutionen kommt.

Neben der Frage sozialer Exklusionsdimensionen wurde im Weiteren untersucht, welche Faktoren sich individuell als besonders schädlich und welche sich als besonders förderlich für eine Integration in den Arbeitsmarkt erweisen. In der wissenschaftlichen Diskussion wird in dem Zusammenhang von Vulnerabilitätsfaktoren und Schutzfaktoren gesprochen, die das Exklusionsrisiko beschleunigen oder reduzieren.

Alles in allem trägt eine geringe schulische und berufliche Qualifizierung zur Entstehung eines hohen Risikos sozialer Ausgrenzung bei. Dadurch werden die Chancen beruflicher Integration in den ersten Arbeitsmarkt in erheblichem Maße verringert. Passivität ist ein weiterer Risikofaktor, der sich sowohl auf das Verhalten bei der Suche nach Arbeit als auch auf die individuellen Anstrengungen zur Steigerung beruflicher Qualifikation bezieht. Im Gegensatz dazu sind junge Leute mit hoher beruflicher Qualifikation und Berufserfahrung einem geringen Risiko sozialer Exklusion ausgesetzt. Eine berufliche Ausbildung ist demnach ein entscheidender Schutzfaktor, denn damit werden nicht nur Möglichkeiten der Integration in den Arbeitsmarkt geboten, sondern es wird auch die Chance sozialer Integration gefördert.

Eine prekäre finanzielle Situation gilt als weiterer Risikofaktor. In den südeuropäischen Ländern entsteht diese bei einem Mangel an finanzieller Unterstützung seitens der Familie, während in Nordeuropa die finanzielle Unterstützung des Staates zwar vorhanden ist, oft aber als unzureichend bewertet wird. Darüber hinaus wird in vielen Fällen die prekäre finanzielle Lage durch Schulden und eine unökonomische Haushaltsführung noch verschärft. Dagegen führt eine sichere finanzielle Absicherung zu einer deutlichen Reduktion des sozialen Exklusionsrisikos.

Soziale Unterstützung spielt eine Schlüsselrolle bei der Entstehung des Exklusionsrisikos, sie schützt Jugendliche wesentlich vor Ausgrenzungsrisiken. Der Familienzusammenhalt in den südeuropäischen Ländern hat allerdings nicht nur positive Effekte, sondern verstärkt auch die ökonomische Abhängigkeit von der Familie; damit wird nicht nur das psychologische Wohlbefinden und Selbstvertrauen der Jugendlichen berührt, sondern auch ihre Fähigkeit beschränkt, sich vom Elternhaus abzulösen und eine autonome Lebensführung zu gestalten.

In allen Länderstudien hat mangelnde institutionelle Unterstützung einen zweifachen Effekt im Hinblick auf die Exklusionsrisiken. Zum einen führt unzureichende finanzielle Unterstützung zu einer ökonomisch prekären Situation bei den Betroffenen. Zum anderen verstärkt eine unzureichende institutionelle Unterstützung bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer Arbeitsstelle die Abkopplung vom Arbeitsmarkt. Dabei sind die Ursachen im Mangel an spezifischen Angeboten und in der mangelnden Effektivität existierender Programme zu suchen. Verglichen damit bedeutet eine adäquate institutionelle Unterstützung, dass junge Langzeitarbeitslose ausreichend beraten und finanziell unterstützt werden. Außerdem bedarf es einer Hilfe bei der Integration in den Arbeitsmarkt oder einer Verbesserung ihrer Integrationschancen durch spezifischere Qualifizierungsmaßnahmen. Schließlich wird in allen Länderstudien darauf hingewiesen, dass Persönlichkeitsfaktoren wie geringes Selbstwertgefühl und schlechter psychischer Gesundheitsstatus das Risiko sozialer Ausgrenzung verstärken. Dagegen wirken hohes Selbstwertgefühl und gute kommunikative Fähigkeiten dem Risiko sozialer Exklusion entgegen.

Insgesamt erhöhen folgende Vulnerabilitätsfaktoren das soziale Exklusionsrisiko bei Jugendlichen: niedriges Qualifikationsniveau, passives Verhalten auf dem Arbeitsmarkt, schwierige finanzielle Situation, keine oder nur geringe soziale Unterstützung, mangelhafte oder nicht vorhandene institutionelle Hilfe, geringes Selbstwertgefühl und in einigen Fällen Drogensucht und Devianz. Demgegenüber verringern folgende protektive Faktoren das soziale Ausgrenzungsrisiko: hohe Qualifikation, aktives Arbeitsmarktverhalten, sichere finanzielle Lage, soziale und institutionelle Unterstützung, hoher Grad an soziokulturellen Aktivitäten, großes Selbstvertrauen sowie gute Kommunikationsfähigkeiten.

Abschließend bleibt auf die soziodemographischen Merkmale hinzuweisen, die im Prozess sozialer Exklusion eine Moderatorfunktion einnehmen, d.h. den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und sozialer Exklusion beeinflussen. Die Vulnerabilität von jugendlichen Arbeitslosen steigt mit der Dauer der Arbeitslosigkeit und dem Mangel an schulischer und beruflicher Qualifikation. Darüber hinaus sind Jugendliche aus niedrigeren sozialen Schichten stärker einem Exklusionsrisiko ausgesetzt als Jugendliche, die aus höheren sozialen Schichten stammen, weil sich bestimmte Benachteiligungen der Familie bei den Kindern häufig bis ins Jugendalter fortsetzen.

Aufbauend auf den Dimensionen sozialer Exklusion haben wir eine Typologie entwickelt, die das Ausmaß von Exklusionsrisiken ländervergleichend abbildet (vgl. die Abbildung). Bei der Bildung der Typen wurde vorab in jedem Land festgelegt, welche Ausgrenzungsdimensionen zentral oder weniger zentral waren. Als zentrale Dimensionen erwiesen sich in allen Ländern Exklusion vom Arbeitsmarkt, ökonomische Exklusion und Exklusion durch soziale Isolierung. Nichtzentrale Dimensionen waren kulturelle, institutionelle und räumliche Exklusion. Der erste Typ (hohes Risiko) bezeichnet Jugendliche mit hohem Exklusionsrisiko (bei diesen Jugendlichen müssen drei Ausgrenzungsdimensionen vorliegen, darunter mindestens zwei zentrale Dimensionen). Der zweite Typ (zunehmendes Risiko) umfasst Arbeitslose mit erhöhtem Exklusionsrisiko (zwei zentrale Dimensionen können belegt sein, dazu jedoch keine weitere bzw. es darf höchstens eine zentrale Dimension vorliegen und beliebig viele nicht-zentrale Dimensionen). Der dritte Typ (geringes Risiko) weist nur ein geringes Ausgrenzungsrisiko auf (bei diesen Jugendlichen darf nur eine Dimension belegt sein, wobei dies keine zentrale Dimension sein darf).

Das Ausmaß an sozialer Exklusion ist in den nordeuropäischen Ländern (mit Ausnahme Schwedens) deutlich höher als in Südeuropa. Wir erklären diese Differenz durch das höhere Ausmaß an Normalität, die Pufferfunktion irregulärer Beschäftigung (80 bis 90 Prozent der südeuropäischen langzeitarbeitslosen Jugendlichen waren in mehr oder minder starker Form in der Schattenwirtschaft aktiv) sowie durch die wirksamere soziale Unterstützungsfunktion der Herkunftsfamilie in Südeuropa. In Deutschland war das Ausmaß an sozialer Exklusion am stärksten ausgeprägt, was dem Faktor sozialer Isolierung (nur 10 Prozent lebten noch in der Herkunftsfamilie), der stärkeren Selektion der Stichprobe (bei nur 10 Prozent Jugendarbeitslosigkeit trifft Langzeitarbeitslosigkeit eine stärker betroffene Gruppe von Jugendlichen) und Effekten sozialer Stigmatisierung geschuldet sein dürfte. Das geringere Exklusionsrisiko in der schwedischen Studie ist insofern besonders interessant, als es Hinweise darauf liefert, dass sozialpolitische Maßnahmen individuelle Risiken durchaus mildern können. Dort gilt nämlich seit dem drastischen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit ab Mitte der 1990er Jahre eine so genannte 100-Tage-Garantie, die jedem Jugendlichen nach Ablauf von 100 Tagen die Teilnahme an einer Maßnahme garantiert und damit das Ausgrenzungsrisiko reduzierte.

V. Interventionsmaßnahmen und präventive Arbeitsmarktpolitik

Für arbeitslose Jugendliche gibt es in Deutschland ein breit gefächertes Angebot an Maßnahmen und Programmen.[12] Die Ansätze zielen darauf, (langzeit-)arbeitslose Jugendliche langfristig durch Berufsvorbereitung, Qualifizierung und Ausbildung in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Zentrale institutionelle Antworten auf (Langzeit-) Jugendarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik sind: (1) Ausbildung und Qualifizierung; (2) Kooperation und Vernetzung sowie (3) psychosoziale Stabilisierung und Persönlichkeitsentwicklung.[13]

1. Ausbildung und Qualifizierung

Ein Großteil der Anstrengungen bei der Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit setzt auf schulische und betriebliche Qualifizierung, wobei Schlüsselqualifikationen und soziale Kompetenzen vermittelt werden sollen. Es sind nämlich vorwiegend diejenigen Jugendlichen ohne Arbeit, die keine oder nur eine unzureichende schulische Qualifizierung vorweisen können oder kaum Erfahrungen mit Arbeit machen konnten.

Die qualifizierenden und berufsausbildenden Ansätze sind vor allem auf die konstruktive Mitarbeit der Betroffenen angewiesen. Häufig wird in Projekten und Maßnahmen über die Interessen der Jugendlichen hinweg entschieden. Dies kann zu Frustrationen, Maßnahmeabbrüchen und schließlich resignativen Haltungen führen. So genannte Maßnahmekarrieren sind die Folge, in denen arbeitslose Jugendliche von einer Qualifizierungsmaßnahme zur nächsten geschickt werden, ohne darin einen konkreten Nutzen für ihre persönliche Weiterentwicklung zu sehen. Daher sind Ansätze nötig, in denen gemeinsam mit Jugendlichen Zukunftsperspektiven entwickelt werden. Die Arbeit in den Projekten sieht dabei z.T. so aus, dass mit jedem einzelnen Jugendlichen ein konkreter beruflicher Entwicklungsplan entworfen wird, wobei die individuellen beruflichen Wünsche und Zielvorstellungen des Jugendlichen weitgehend Priorität haben. Die Erstellung eines solchen "Entwicklungsplans", der beratend, unterstützend und zugleich kontrollierend von den Experten begleitet wird, vermindert das Risiko von Maßnahmeabbrüchen und stärkt gleichzeitig die Verantwortlichkeit des Jugendlichen. Wichtig ist, dass der Weg zur Erreichung eines Ziels aus qualifizierenden Einzelschritten besteht. Den Jugendlichen werden dabei auch alternative Berufsbildungsmöglichkeiten aufgezeigt. Das Ziel der Bemühungen soll sein, sie zu aktivieren und in die Lage zu versetzen, selbständig eigene Vorstellungen Schritt für Schritt realisieren zu können. Dabei ist ein wesentliches innovatives Element darin zu sehen, dass Qualifizierungsketten geschaffen werden, die systematisch aufeinander aufbauen. Damit besteht für die Jugendlichen die Möglichkeit, zertifizierte Teilabschlüsse zu erlangen (Modularisierung). In diesem Kontext ist auch die Idee eines Qualifizierungspasses bedenkenswert. In einem solchen Pass sind Fähigkeiten und Kenntnisse der Jugendlichen vermerkt. Damit können Teilqualifikationen wie Praktika oder kurzfristige Beschäftigungen auch als wichtige Zwischenerfolge dokumentiert werden, selbst wenn das eigentliche Ziel der Maßnahme nicht erreicht werden sollte.

2. Kooperation und Vernetzung

Ein weiterer wichtiger Ansatz bei der Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit und daraus resultierenden sozialen Exklusionsprozessen ist die enge Kooperation und Vernetzung der Arbeitsmarktakteure. Durch die Zusammenarbeit von Betrieben und Beratungskräften in den verantwortlichen Institutionen kann eine passgenaue Vermittlung von einzelnen Jugendlichen erreicht werden. Das heißt, für einen bestimmten Ausbildungs- oder Arbeitsplatz wird gezielt ein Jugendlicher ausgewählt, der die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt. Ein solcher Ansatz setzt allerdings gegenseitiges Vertrauen voraus und erfordert ein hohes Engagement von allen Beteiligten. Insbesondere an die gesellschaftliche Verantwortung der Betriebe wird dabei appelliert, ohne deren aktive Mitarbeit ein solches Konzept zum Scheitern verurteilt wäre. Aber auch den Jugendlichen wird dabei ein hohes Maß an Eigenaktivität und persönlicher Initiative abverlangt.

3. Psychosoziale Stabilisierung und Persönlichkeitsentwicklung

Die beiden oben beschriebenen Ansätze sind vorwiegend vermittlungsorientiert, d.h., sie zielen stärker auf die unmittelbare Eingliederung in qualifizierende, berufsausbildende oder berufsausübende Tätigkeiten. Es gibt aber auch Ansätze, die sich stärker mit der Berufsvorbereitung, der emotionalen und psychosozialen Stabilisierung und der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung arbeitsloser Jugendlicher auseinander setzen. Im Wesentlichen geht es darum, die Jugendlichen, die z.T. erhebliche psychische, aber auch finanzielle und soziale Probleme aufweisen, zu stabilisieren. Damit soll z.B. das Risiko ökonomischer Ausgrenzung beseitigt werden. Erst nach einer Phase der Restabilisierung kann es darum gehen, den Jugendlichen berufsorientierte Hilfsangebote zu unterbreiten und sie in ihrer beruflichen Zukunftsplanung zu unterstützen.

Die Hauptprobleme jugendlicher Arbeitsloser bestehen in der lang andauernden Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt und den damit verbundenen sozialen und psychosozialen Problemlagen. Viele Jugendliche müssen erst wieder "fit" gemacht werden, um eine dauerhafte Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Dazu gehören Aspekte wie Motivationssteigerung, Stärkung des Selbstwertgefühls, Entwicklung einer persönlichen Perspektive, die Bearbeitung sozialer Problemlagen, Bewerbungstrainings etc.

Nach dem Regierungswechsel 1998 wurde erstmals in der Bundesrepublik ein umfangreiches Programm zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit (JUMP) aufgelegt. Das Programm startete 1999 und wird bis Ende 2003 fortgesetzt. In den Förderjahren 1999 und 2000 wurden bundesweit insgesamt knapp 270000 arbeitslose Jugendliche gefördert. Erste differenzierte Analysen über den Erfolg des Programms und den Verbleib der Maßnahmeteilnehmer liegen vor.[14] Auf der Basis von 2142 Teilnehmern, die im Rahmen der Begleitforschung befragt wurden, waren 33,5 Prozent unmittelbar nach Abschluss der Maßnahme erneut arbeitslos. In Erwerbstätigkeit mündeten 21,2 Prozent der Maßnahmeteilnehmer ein, davon 11,2 Prozent in eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung und 10 Prozent in eine befristete Beschäftigung oder Teilzeitbeschäftigung. Eine Wiedereingliederungsquote von gut 20 Prozent in Erwerbstätigkeit und die Quote von 21 Prozent in Qualifizierungsmaßnahmen müssen positiv bewertet werden, da gerade bei jugendlichen Arbeitslosen Qualifizierungsdefizite zentrale Barrieren darstellen.

Mit den arbeitsmarktpolitischen Vorschlägen der Hartz-Kommission[15] wurden auch spezifische Probleme jugendlicher Arbeitsloser aufgegriffen und Lösungsansätze zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit formuliert. Im Einzelnen wird gefordert, mehr differenzierte arbeitsmarktfähige Ausbildungsberufe zu entwickeln. Darüber hinaus sollen für Jugendliche verstärkt arbeitsmarktfähige Qualifizierungsbausteine aus bestehenden Ausbildungsberufen angeboten werden. Diese Forderung ließe sich kombinieren mit dem Instrument der Zertifizierung von Teilqualifikationen innerhalb der beruflichen Ausbildung. Bei den besonders schwer integrierbaren Jugendlichen sieht die Kommission die Notwendigkeit einer intensiven Betreuung durch das enge Zusammenwirken von Trägern der Schul-, Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Jugendpolitik. Diese Strategie soll in neu geschaffenen Job-Centern realisiert werden, die primär die Aufgabe haben, die Vermittlung von Praktikums-, Ausbildungs- und Arbeitsstellen jugendlicher Arbeitslose zu optimieren.

VI. Forschungsausblick

Die Ergebnisse der YUSEDER-Studie verweisen darauf, dass Arbeitslosigkeit ein zentraler Risikofaktor für soziale Exklusion bei Jugendlichen ist. Langfristig wird damit die soziale Integration in die Gesellschaft gefährdet. Die Untersuchungen in den südeuropäischen Ländern und in Schweden untermauern die zentrale Funktion familiärer Unterstützung (sowohl finanziell als auch emotional) im Hinblick auf das Risiko des sozialen Ausschlusses jugendlicher Langzeitarbeitsloser. Auch die finanzielle Situation der Eltern hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Exklusionsrisiko jugendlicher Arbeitsloser.

Die Studien für Belgien und Deutschland zeigen, dass in diesen Ländern die Familie nicht zentral als soziale Unterstützungsinstanz gesehen wird. Die Ergebnisse beider Untersuchungen lassen vermuten, dass Jugendliche ihr allgemeines soziales Umfeld (Freunde und Bekannte) als wichtiger erachten als familiäre Hilfe. In Südeuropa könnten zunehmende Prozesse der Individualisierung ebenfalls zur Schwächung des Puffereffekts durch Familienunterstützung beitragen. In diesen Ländern sollte eine Verbesserung der institutionellen Unterstützung den Modernisierungseinflüssen entgegenwirken. Die Akzeptanz der Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen und die Verlängerung der familiären Abhängigkeit, einer Abhängigkeit, die nicht den Entwicklungsbedingungen von jungen Menschen entspricht, wie auch der größtenteils tolerierte Bereich irregulärer Beschäftigung beeinflussen massiv die individuellen Erfahrungen.

Zukünftig sollte sich sozialwissenschaftliche Forschung vermehrt mit den sich verändernden Beschäftigungsformen, deren Chancen und Gefährdungen auseinander setzen. Der Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt wird zunehmend stärker von bruchhaften Verläufen, der Notwendigkeit flexibler Anpassungsprozesse sowie der Schaffung von Brücken von der Qualifizierung in den Arbeitsmarkt gekennzeichnet sein.

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Fußnoten

1.
Das Konzept der sozialen Exklusion stammt aus der französischen Soziologie und wurde bislang überwiegend als Politikbegriff (insbesondere auf EU-Ebene) verwendet und weniger als differenziertes wissenschaftliches Konzept eingeführt. Seit einigen Jahren finden sich aber sowohl international als auch national theoretische Arbeiten, empirische Studien und eine Vielzahl von Aufsätzen, die sich mit diesem Themenfeld beschäftigen. Vgl. Serge Paugam, Le salarié de la précarité, Paris 2000; Martin Kronauer, Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus, Frankfurt/M. 2002; Hilary Silver, Social exclusion and social solidarity. Three paradigms, in: International Labour Review, 133 (1994), S. 531-578.
2.
Vgl. Martin Kronauer/Berthold Vogel/Frank Gerlach, Im Schatten der Arbeitsgesellschaft. Arbeitslose und die Dynamik sozialer Ausgrenzung, Frankfurt/M. 1993.
3.
Vgl. Berthold Vogel, Am Rande der Arbeitsgesellschaft, in: Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis, 3 (2000), S. 359-366.
4.
Vgl. European Commission, The Employment Guidelines for 2002, Brussels 2001.
5.
Rat der Europäischen Union, Gemeinsamer Bericht über die soziale Eingliederung, Brüssel 2001, S. 6.
6.
Vgl. ebd., S. 8.
7.
An dem Projekt waren unter Leitung von Thomas Kieselbach (Universität Bremen) sechs Länder, drei nordeuropäische (Belgien, Deutschland und Schweden) und drei südeuropäische (Griechenland, Italien und Spanien), beteiligt.
8.
Vgl. Thomas Kieselbach (Hrsg.), Youth unemployment and health. A comparison of six European countries, Opladen 2000; ders. (Hrsg.), ders./Gert Beelmann, Youth unemployment and health in Germany, in: Kieselbach, ebd. Youth unemployment and social exclusion. A comparison in six European countries, Opladen, 2000.
9.
Vgl. Andreas Witzel, Das problemzentrierte Interview, in: Gerd Jüttemann (Hrsg.), Qualitative Forschung in der Psychologie. Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder, Weinheim-Basel-Heidelberg 1985.
10.
Vgl. Martin Kronauer, Social exclusion and underclass - new concepts for the analysis of poverty, in: Hans-Jürgen Andreß (Hrsg.), Empirical poverty research in a comparative perspective, Aldershot 1998.
11.
Vgl. Thomas Kieselbach/Kees van Heeringen/Michele La Rosa/Louis Lemkow/Katerina Sokou/Bengt Starrin (Hrsg.), Living on the edge. An empirical analysis on long-term youth unemployment and social exclusion in Europe, Opladen 2001.
12.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Günter Thoma in diesem Heft.
13.
Vgl. Gert Beelmann/Thomas Kieselbach, Finding good practices for interventions to combat long-term youth unemployment, in: Simo Mannila/Mika Ala-Kauhaluoma/Sari Valjakka (Hrsg.), Good practice in finding good practice. International workshop in evaluation, Helsinki 2001, S. 85-96.
14.
Vgl. Hans Dietrich, JUMP, das Jugendsofortprogramm. Unterschiede in den Förderjahrgängen 1999 und 2000 und Verbleib der Teilnehmer nach Maßnahmeende, in: IAB Werkstattbericht, (2001) 3.
15.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch die Beiträge von Günther Schmid und Rudolf Hickel in dieser Ausgabe.