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6.5.2003 | Von:
Günter Thoma

Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen - aber wie?

II. Innovative Qualifizierung und Arbeitsschaffung für junge Arbeitssuchende

Die herkömmliche Qualifizierung ist weder entschieden genug am Potenzial der einzelnen jungen Arbeitsuchenden noch an den entsprechenden Erfordernissen der Arbeitswelt ausgerichtet. Sie vermittelt immer noch zu viel abstraktes Wissen. Die Berufswahlentscheidung der Jugendlichen wird implizit vorausgesetzt, statt sie mit diesen gemeinsam zu entwickeln. Die jungen Menschen werden bestenfalls auf einen anonymen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt vorbereitet. Das Ziel innovativer Qualifizierung besteht darin, dass die Jugendlichen tatsächlich den Übergang in diesen Markt schaffen. Es ist zu realisieren auf dem Wege der

- Vermittlung von Schlüsselqualifikationen - allen voran Eigeninitiative und Unternehmensgeist, damit die Teilnehmer sich selbständig im Arbeitsmarkt bewegen können;

- Förderung des vorhandenen Potenzials ihrer jugendlichen Teilnehmer;

- Förderung und Entwicklung persönlicher Ideen über ihre künftige Tätigkeit und die selbstständige Umsetzung;

- präzisen Analyse des Arbeitsmarktes und seines Bedarfs;

- Unterstützung bei der Entdeckung des formellen wie informellen Arbeitsmarktes;

- Schaffung vielfältiger Beziehungen zwischen den Jugendlichen und der Arbeitswelt.

Außerdem macht es sich die innovative Qualifizierung zur Aufgabe, gemeinsam mit arbeitslosen Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen neue Arbeitsmöglichkeiten zu entwickeln und zu schaffen - vor allem mit jenen, denen der Arbeitsmarkt wenig Möglichkeiten bietet, bzw. mit jenen, die für sich keine Chancen sehen. Ein Beispiel für die Schaffung individueller Arbeit ist das "Projekt Enterprise" in Brandenburg: ein alternatives Existenzgründungsprogramm für junge Arbeitslose, die sich selbständig machen wollen und wirtschaftlich benachteiligt sind: "Mit Enterprise wird jungen Menschen ein neuer Zugang zu Qualifizierungsmöglichkeiten geboten, indem auf deren spezifische Bedarfe zur Verwirklichung ihres Konzepts reagiert wird. Ziel ist es, junge Menschen zu befähigen, eigenständige Erwerbsstrategien zu entwickeln und ihre Lebens- und Berufsbiographien selbst zu gestalten", heißt es in einem Auszug aus der Informationsschrift zu dem Projekt.

Gering qualifizierte und benachteiligte Jugendliche in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu integrieren erfordert besondere Anstrengungen, da dies aus folgenden Gründen immer schwieriger wird:

- Einfache Tätigkeiten fallen der Rationalisierung am stärksten zum Opfer, so dass die Zahl der Stellen für ungelernte Arbeitskräfte stetig abnimmt.

- Geringqualifizierte werden auf dem Arbeitsmarkt von den besser Qualifizierten verdrängt.

- Geringqualifizierte haben genau das nicht, was die meisten Jobs voraussetzen: höhere Bildungsabschlüsse. Sie sind damit von vorneherein von der Mehrheit der Stellen ausgeschlossen.

Nicht selten kommen erschwerende soziale und persönliche Umstände hinzu, wie Erziehungsdefizite und familiäre Probleme. Mehr noch: Wie die Ergebnisse der PISA-Studie zeigen, werden Schüler mit einem schwierigen familiären Hintergrund nicht etwa besonders gefördert, um die Defizite wettmachen zu können. Das Gegenteil ist der Fall. So ist es nicht verwunderlich, dass die Arbeitslosigkeit sozial benachteiligter Jugendlicher in der Schule bereits programmiert ist.

Es stellt sich die Frage, was zu tun ist, wenn es für diese Gruppe junger Menschen tatsächlich keine Vollerwerbsarbeitsplätze mehr gibt. Dann wird es erforderlich, auf Arbeitsformen jenseits von Job und Beschäftigung zurückzugreifen, um den Lebensunterhalt zumindest teilweise durch Arbeit zu sichern. Selbstversorgung ist eine solche Arbeitsform. Durch Verminderung der Lebenshaltungskosten - durch die Verringerung der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Zielgruppe - wird der Zwang reduziert, jeden Monat eine beträchtliche Summe Geld verdienen zu müssen. Der Effekt der Selbstversorgung lässt sich besonders gut am Beispiel der Schaffung von Wohnraum illustrieren. Haben die betroffenen Jugendlichen die Gelegenheit, ihren künftigen Wohnraum selbst zu sanieren, so schaffen sie sich einen Wert, den sie auf dem Wege der Lohnarbeit niemals realisieren könnten. Der Wegfall der Miete verringert die monatliche Kostenbelastung erheblich. Ein Vollzeitjob bzw. ein volles Einkommen ist dann nicht mehr zwingend erforderlich. Dafür stehen den Jugendlichen jetzt andere Optionen am Arbeitsmarkt zur Verfügung, sei es eine Teilzeitarbeit, ein befristetes Beschäftigungsverhältnis oder eine geringfügige Beschäftigung. Anders ausgedrückt: Die Integration der betroffenen Jugendlichen in den Arbeitsmarkt wird nun wieder möglich bzw. fällt leichter. Dazu trägt bei, dass die Einbindung von Jugendlichen in die Sanierungsarbeiten der Wohnung eine arbeitsweltnahe Qualifizierung darstellt. Sie erwerben Fähigkeiten und Kenntnisse, die als Teilqualifikationen zertifiziert werden können und die ihnen auf dem Arbeitsmarkt zugute kommen.[6] Selbstversorgung und Jobarbeit schließen sich also nicht aus, sondern ergänzen sich. Gerade die Gruppen, die auf Grund ihrer persönlichen Voraussetzungen Gefahr laufen, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu werden, könnten mit solchen Modellen aufgefangen werden. Anstatt dauerhaft am Tropf der Arbeitslosen- bzw. Sozialhilfe zu hängen, könnten sie sich selbst versorgen und dadurch unabhängiger werden. Der beschriebene Ansatz, Jobarbeit mit Selbstversorgung zu verknüpfen, der bislang nur punktuell Anwendung findet, sollte besser verbreitet werden.


Fußnoten

6.
Vgl. Gabriele Gabriel, Wohnen durch Arbeit - Jugendliche sanieren ihren künftigen Wohnraum, in: Deutsches Jugendinstitut e. V. (Hrsg.), Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit, München 1998.