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6.5.2003 | Von:
Günter Thoma

Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen - aber wie?

III. Reform des Beschäftigungssystems

Jugendarbeitslosigkeit ist Teil der gegenwärtig allgemein herrschenden hohen Beschäftigungslosigkeit. Im Gegensatz zu früher ist diese heute weit weniger begrenzt - räumlich wie zeitlich, sektoral wie gruppenbezogen. Waren in der Vergangenheit bestimmte gesellschaftliche Gruppen besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen, so ist heute jede Gruppierung davon tangiert: Männer wie Frauen, Akademiker wie Handwerker, Angestellte wie Arbeiter, ältere wie junge Menschen. In der Vergangenheit war Arbeitslosigkeit konjunkturell bedingt. Eine schlechte Auftragslage bzw. Rezessionen bewirkten einen Beschäftigungsrückgang, der durch wirtschaftliche Belebung allmählich wieder ausgeglichen werden konnte. Die gegenwärtige Beschäftigungslosigkeit ist nicht mehr nur konjunktureller Natur. Trotz Wirtschaftswachstums bzw. Umsatzsteigerungen geht sie nicht zurück, manchmal nimmt sie sogar zu. Die Beschäftigungslosigkeit ist heute im Kern konjunkturresistent. Ursache ist die immer stärkere Rationalisierung der Produktion. Als Folge des technologischen Fortschritts wird menschliche Arbeitskraft systematisch ersetzt. Technologie, bisher hauptsächlich Hilfsmittel für Arbeit und Produktion, wird zunehmend zu einem wertschöpfenden Produktionsfaktor. Kein Arbeitsbereich bleibt davon verschont: Industrie wie Dienstleistungssektor, Staatsbetriebe wie öffentliche Verwaltung werden mit der Einführung jeder neuen technologischen Generation produktiver. Immer mehr Güter und Dienstleistungen können mit immer weniger Menschen hergestellt bzw. erbracht werden. Wir stehen bei dieser Entwicklung noch ganz am Anfang; sie liegt nicht, wie viele meinen, schon hinter uns. Dabei wird die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts und die damit einhergehende Automatisierung der Produktion geradezu sträflich unterschätzt.

Neben der technologisch bedingten Arbeitslosigkeit gibt es die so genannte strukturelle Arbeitslosigkeit. Sie ist auf Mängel im Beschäftigungssystem zurückzuführen. Zu den gravierendsten Mängeln gehört, dass immer mehr Überstunden geleistet werden. Trotz hoher Beschäftigungslosigkeit gelingt es nicht, diese abzubauen und in zusätzliche Arbeitsplätze zu verwandeln.

Des Weiteren ist das "Mismatch"-Problem des Arbeitsmarktes zu nennen. Der Massenarbeitslosigkeit steht eine wachsende Zahl offener Stellen gegenüber, die nicht besetzt werden kann. Das gilt insbesondere für den Informatikbereich und den Lehrerberuf, aber auch in Handwerk und Industrie fehlen Fachkräfte. Offensichtlich ist dieses Mismatch-Problem größer als angenommen. Gerhard Bosch vom Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen schließt: "Der Fachkräftemangel, den wir heute in einigen Bereichen spüren, wäre also noch viel höher, wenn er nicht durch eine Verlängerung der Arbeitszeit bei vielen qualifizierten Arbeitskräften verschleiert worden wäre."[7] Ergänzend zu den jugendspezifischen Maßnahmen bedarf es daher einer grundlegenden Reform des Beschäftigungssystems.

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, auf diese Reform im Einzelnen einzugehen. Es soll lediglich ein zentraler Punkt angesprochen werden: Erwerbsarbeit ist in unserer Gesellschaft der Weg zur Einkommenserzielung und damit zur Bestreitung des Lebensunterhaltes. Daraus folgt die Notwendigkeit, dass alle Erwerbsfähigen die Möglichkeit erhalten müssen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Da Jobs knapper und Beschäftigungsverhältnisse prekärer werden, stellt sich die Frage nach einer Teilung der Arbeit im Sinne einer Arbeitszeitverkürzung. Sie würde nicht nur zur Behebung von Beschäftigungslosigkeit führen. Sie würde zugleich dem Abbau der Überstunden förderlich sein. Damit könnte dem Missstand entgegengewirkt werden, dass Inhaber von Vollzeitarbeitsplätzen tendenziell immer mehr arbeiten - und das angesichts eines Heers von Arbeitslosen, die zum Nichtstun verurteilt sind. Überhaupt würde damit etwas Wirksames getan werden gegen die gesellschaftliche Kluft zwischen denen, die Arbeit haben, und jenen, die keine haben.

Der grundsätzlich irreversible Rückgang von Jobs und Beschäftigung ist des Weiteren auszugleichen durch die oben angesprochene Förderung und gesellschaftliche Verankerung neuer Formen von Arbeit. Jobs werden immer knapper, trotzdem gibt es unendlich viel Arbeit. Das heißt, Vollbeschäftigung ist als Ziel aufzugeben. Ein Beispiel dafür, wie man sich beim Versuch der Annäherung an Vollbeschäftigung andere, nicht minder schwerwiegende Beschäftigungsprobleme einhandelt, liefert das Job-Wunder-Land USA, das mit dem working-poor-Phänomen zu kämpfen hat. Beschäftigungslosigkeit mag auf diesem Wege zurückgehen oder verschwinden, die Krise der Arbeit bleibt.

Jugendarbeitslosigkeit hat viele Auslöser. Das einseitige Betonen einer Ursache, wie es häufig und gern getan wird, wird weder der Sache gerecht noch bringt es uns einer Lösung näher. Bestenfalls dient es dazu, einen Schuldigen ausfindig zu machen, dem man die Misere in die Schuhe schieben kann. Zugleich ist damit gesagt, dass es keinen Königsweg zur Lösung des Problems gibt. Vielmehr bedarf es vielfältiger systemischer und zielgruppenspezifischer Problemlösungen, die heute - wenn überhaupt - erst in Ansätzen vorhanden sind. Erst wenn die vorhandenen Probleme in das Bewusstsein der verantwortlichen Akteure eindringen, wird die herkömmliche Methode der Überwindung von Jugendarbeitslosigkeit eine Richtungsänderung erfahren und dadurch zu einer Fülle neuer Programme führen. Dennoch besteht kein Zweifel, dass es sich um eine große Herausforderung für die Praxis handelt.

Schon die in diesem Artikel vorgetragenen Reformvorschläge für Schule, Berufsberatung, Ausbildung und berufliche Qualifizierung stellen Ansprüche und Anforderungen an das Personal, denen dieses derzeit kaum gerecht werden kann. Lehrer, Berater, Ausbilder, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen erwerben in ihrer Ausbildung kaum die Fähigkeiten, die sie für die Durchführung einer individuellen Bildung und Qualifizierung benötigten. Sie erfahren wenig oder nichts über entsprechende Methoden und Instrumente. Hinderlich ist zuweilen auch die Struktur der arbeitsmarktpolitischen Programme zur Beschäftigungsförderung. So werden nicht selten innovative Vorhaben abgelehnt, weil sie nicht in den vorgegebenen Rahmen passen. Oder sie müssen passend gemacht, d.h. so zurechtgestutzt werden, dass das Innovative auf der Strecke bleibt.

Weiterführende Internetadressen
www.dji.de
www.iq-enterprise.de
www.newwork.net
www.arbeitsamt.de/essen/projekte
www.hiba.de
www.bibb.de
www.imbse.de


Fußnoten

7.
Gerhard Bosch, Die Zukunft der Arbeitsmarktpolitik für Jugendliche in Deutschland, in: Claus Groth/Wolfgang Maennig (Hrsg.), Strategien gegen Jugendarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich, Frankfurt/M. 2001.