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6.5.2003 | Von:
Wolfgang Hetzer

Globalisierung und Innere Sicherheit

Gesellschaftsordnung und Wirtschaftsverfassung

II. Tatort oder Finanzmarkt?

Nach dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods begann der fast explosive Aufstieg eines Wirtschaftszweiges, der womöglich wie kein anderer das Schicksal der Menschheit beeinflusst: die globale Finanzindustrie. Banken, Fondsgesellschaften, Finanzabteilungen transnationaler Konzerne und Versicherungen haben den Handel mit Devisen und Wertpapieren zum umsatzstärksten Gewerbe der Welt entwickelt. Lange vor dem Internet gab es schon eine weltumspannende elektronische Vernetzung. Im "Cyberspace der Weltfinanz" werden innerhalb von Sekunden Vermögen in Milliardenhöhe aus einem Währungsraum in den anderen verschoben, eine Anlageform in die nächste. Alleine der Handel mit Anleihen erreichte bis zum Jahre 1999 ein jährliches Volumen von 23 Billionen Dollar - das 250fache der Umsätze des Jahres 1970. Im Jahre 1999 verzeichneten die Devisenhändler im Durchschnitt an jedem Handelstag Umsätze von l,2 Billionen Dollar.[13]

Diese Umsatzzahlen beschreiben allerdings nicht die Menge des verfügbaren liquiden Kapitals. Dasselbe Geld wird mehrmals am Tag einmal in die eine, einmal in die andere Richtung bewegt. Ständig wechselnde Informationen verlangen ständige Aktion ("educated gambling"). Gleichwohl lassen die hohen Umsatzzahlen Rückschlüsse auf die Menge des Kapitals zu, das nicht in der Realwirtschaft gebunden ist. Schätzungen belaufen sich auf 80 Billionen Dollar. Das ist mehr als das Dreifache des gemeinsamen jährlichen Bruttoinlandsprodukts der 31 in der OECD organisierten Industrieländer. Nach Meinung mancher Analysten handelt es sich um eine unproduktive Geldschwemme. Sie gilt als das Ergebnis eines ökonomischen Teufelskreises, der mit der Liberalisierung eröffnet worden sei. Die Geldschwemme habe die beteiligten Volkswirtschaften aneinander gekoppelt, Währungsunsicherheit erzeugt und die realen Zinsen an den Kapitalmärkten nach oben getrieben.

Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Die Kapitaleinkommen stiegen, während die Löhne stagnierten und die Investitionen sogar sanken. Die Geldvermögen bei Unternehmen und Privaten wuchsen weit schneller als die Wirtschaft insgesamt. Der Überhang an liquidem Kapital, das weder investiert noch konsumiert wird, lieferte den Rohstoff für die Aufblähung der Finanzbranche und die immer häufigere Bildung von spekulativen Blasen an den Wertpapiermärkten. Es gehörte lange Zeit zu den Standarderklärungen der Akteure an den internationalen Finanzmärkten, dass sie es ermöglichten, das Kapital dorthin fließen zu lassen, wo es am produktivsten investiert werde und so die höchste Rendite bringe.

Wie bereits angedeutet, ist das aber womöglich noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Die Verflechtung der globalen Märkte ist mittlerweile so komplex, dass selbst erfahrene Händler die Folgen ihres Handelns nicht mehr durchschauen können. Die große Mehrzahl der Kursänderungen folgt nicht tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklungen in den verschiedenen Ländern, sondern den kollektiven Vorurteilen der Händler und den Vorgaben der führenden politischen Markthändler, etwa des Präsidenten der US-Notenbank, des jeweiligen amerikanischen Finanzministers sowie den Bewertungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der privaten Rating-Agenturen. Es ist belanglos, ob die jeweiligen Informationen und Analysen tatsächlich fundiert sind oder nicht. Entscheidend ist die Erwartung dessen, was die anderen denken. Es gilt das "Lemminge-Prinzip": Selbst wenn der einzelne Händler noch rational kalkuliert, bewirkt das Kollektiv regelmäßig völlig irrationale Kursverläufe ("Überschießen der Märkte").

Hier ist die Fahrt ins Zeitalter der Finanzkrisen leider nicht nachzuzeichnen, das gleich nach der Freigabe des Kapitalverkehrs und der Wechselkurse begann. Es sei nur daran erinnert, dass zwischen 1974 und 1982 die grenzüberschreitenden Ausleihen der westlichen Banken von 200 Milliarden Dollar um das Fünffache auf über eine Billion anwuchsen. Über die Hälfte davon sollen Diktaturen in Südamerika und Afrika zugute gekommen sein.


Fußnoten

13.
Vgl. Chr. Grefe/M. Greffrath/H. Schumann (Anm. 5), S. 29.