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25.11.2005 | Von:
Christopher Daase

Terrorgruppen und Massenvernichtungs-
waffen

Probleme internationaler Risikoabschätzung

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts sind an die Stelle alter Bedrohungen neue Risiken getreten. Ganz oben auf der Liste der Sicherheitsgefährdungen stehen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und der Terrorismus. Die Schwierigkeit der gegenwärtigen Sicherheitspolitik besteht darin, dass sich Risiken weniger leicht bestimmen lassen als Bedrohungen.[6] Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, den Handlungsbedarf genau zu bemessen und Erfolgskriterien für die Sicherheitspolitik aufzustellen. Genau das ist das Problem beim MVW-Terrorismus: Nur wenn wir einschätzen können, wie groß die Gefahr wirklich ist, können wir adäquate politische Maßnahmen treffen.

Zwei Methodologien sind bisher benutzt worden, um das Terrorismusrisiko zu bestimmen.[7] Zum einen haben Terrorismusexperten und Regionalspezialisten die Motivationsstrukturen von terroristischen Gruppen analysiert, um aus dem Verhalten der Vergangenheit auf zukünftiges Verhalten schließen zu können. Das Problem dieser Methode liegt darin, dass neue Entwicklungen und die spontane Veränderung von Motivationen nicht erfasst werden können. Auch die Entführung von Flugzeugen, um sie als Raketen gegen Wolkenkratzer einzusetzen, war eine neue Form des Terrorismus. Diese so genannte Extrapolationsmethode läuft deshalb Gefahr, die Risiken des Terrorismus zu verharmlosen.

Die zweite Methode basiert auf der klassischen Risikoanalyse und wird von politischen Praktikern bevorzugt. Das Risiko (R) wird dabei als ein ungewisser Schaden definiert und als das Produkt aus Schadenshöhe (S) und Eintrittswahrscheinlichkeit (W) berechnet: R = S * W. Doch auch dieses Verfahren ist problematisch. Wenn nämlich die Konsequenzen eines Anschlages zum Beispiel durch nuklearen Terrorismus als "inakzeptabel hoch" eingestuft werden, ist es gleichgültig, wie groß die Wahrscheinlichkeit eines solchen Anschlags ist: Das Risiko wäre immer noch enorm. Die klassische Risikokalkulation neigt deshalb dazu, die Gefahr von MVW-Terrorismus zu übertreiben.

Es liegt nahe, für eine realistischere Einschätzung die Verbindung beider Methoden und die Kombination qualitativer und quantitativer Parameter zu fordern.[8] Ich möchte deswegen im Folgenden von der Definition des Risikos als ungewisser Schaden ausgehen, aber die Faktoren Wahrscheinlichkeit und Schaden differenzieren. Denn die Wahrscheinlichkeit (W) eines Anschlags ergibt sich nicht aus statistischen Erhebungen, sondern aus der Kombination von konkreten Motiven (M) eines sozialen Akteurs und den Gelegenheiten (G), die sich seinem Handeln bieten. Gleichfalls ist der Schaden keine beliebig festlegbare Größe. Er errechnet sich aus der Verwundbarkeit (V) des Opfers und den Kapazitäten (K) des Täters. Um das Risiko des MVW-Terrorismus zu bestimmen, müssen also Motive, Gelegenheiten, Verwundbarkeit und Kapazitäten gleichermaßen in die Kalkulation einfließen: R = S(V,K) * W(M,G).

Eine derartige Gleichung suggeriert eine Objektivität und Berechenbarkeit, die es so in der Realität nicht gibt. Zwar sind Qualifizierungen und Quantifizierungen denkbar, doch ist immer zu beachten, dass die Wahrnehmung von Risiken - auch die wissenschaftliche - gesellschaftlich und kulturell geprägt ist.[9] Sie gewinnt aber in dem Maße an Präzision, in dem sie den Besonderheiten von Akteuren und Situationen Rechnung trägt.


Fußnoten

6.
Vgl. Christopher Daase, Internationale Risikopolitik. Ein Forschungsprogramm für den sicherheitspolitischen Paradigmenwechsel, in: ders./Susanne Feske/Ingo Peters (Hrsg.), Internationale Risikopolitik, Baden-Baden 2000, S. 9 - 35.
7.
Vgl. Richard Falkenrath, Analytic Models and Policy Prescription: Understanding Recent Innovation in U.S. Counterterrorism, in: Studies in Conflict and Terrorism, 24 (2001) 3, S. 159 - 181.
8.
Vgl. dazu den Vorschlag von Wilhelm Gmelin/ H.Nackaerts, Notes on the Integrated Safeguards System (ISS), Paper presented at the ISS Consultant Meeting, Wien, 7.-14. Dezember 1998.
9.
Vgl. Mary Douglas/Aaron Wildavsky, Risk and Culture: An Essay on the Selection of Technical and Environmental Dangers, Berkeley 1982.