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25.11.2005 | Von:
Christopher Daase

Terrorgruppen und Massenvernichtungs-
waffen

Motive des MVW-Terrorismus

Warum wollen Terrorgruppen Massenvernichtungswaffen einsetzen? Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil es nur wenige Fälle gibt, in denen dies tatsächlich geschehen ist. Unter den über achttausend gezählten Fällen, in denen Terroranschläge geplant, angedroht oder verübt wurden, sind weniger als sechzig, bei denen nukleares, chemisches, biologisches oder radiologisches Material im Spiel war.[10] Deshalb konzentrieren sich die Analysen häufig auf den Giftgasanschlag der japanischen Aum-Sekte und ihre Versuche, biologische und nukleare Waffen herzustellen. Allerdings ist diese Gruppe mit ihrer apokalyptischen Ideologie in keiner Weise typisch für die weltweit aktiven Terrorgruppen. Verallgemeinerungen, dass mit den Anschlägen von Tokio, bei denen zwölf Menschen starben und über 3000 verletzt wurden, ein neues Zeitalter des postmodernen Terrorismus begonnen habe, verbieten sich deshalb.[11]

Man muss also hypothetisch fragen: Warum sollten Terrorgruppen Massenvernichtungswaffen einsetzen wollen? Oder noch allgemeiner: Warum sollten sie sich Massenvernichtungswaffen verschaffen wollen, denn der Erwerb dieser Waffen ist nicht identisch mit ihrem Einsatz? Massenvernichtungswaffen sind zunächst ein nahe liegendes Mittel, um in stark asymmetrischen Konflikten eine Art Gleichgewicht herzustellen. Sie sind deshalb die "Waffen der Schwachen", um sich gegenüber einem übermächtigen Gegner zu behaupten.[12] Insofern gibt es für nichtstaatliche Gewaltakteure tatsächlich einen abstrakten Anreiz, sich Massenvernichtungswaffen zu verschaffen.

Die entscheidende Frage ist jedoch, ob diese Waffen erworben werden, um mit ihnen zu drohen oder um sie tatsächlich einzusetzen. Im ersten Fall kann es zunächst um Abschreckung gehen: Terrorgruppen könnten versuchen, durch die Androhung von MVW-Terrorismus die Ausweitung einer Antiterrorkampagne zu verhindern. So hat eine tschetschenische Widerstandsgruppe im November 1995 radioaktives Material in einem Moskauer Park vergraben und die russische Presse alarmiert. Die Botschaft war klar: Der tschetschenische Widerstand ist in der Lage, so genannte "schmutzige Bomben" zu bauen, und dementsprechend kann der Krieg mit Russland jederzeit eskalieren. Auf die Frage, ob die Tschetschenen tatsächlich bereit wären, eine nukleare Bombe zu zünden, antwortete der Guerillaführer Aslan Dudajew: "Wir werden sie nicht einsetzen, solange Russland nicht Nuklearwaffen einsetzt."[13]

Ähnlich hat sich auch Osama bin Laden über die Rolle von Massenvernichtungswaffen geäußert. In einem Interview betonte er 1998, es sei seine "religiöse Pflicht", sich alle denkbaren Waffensysteme für die Verteidigung der Muslime verfügbar zu machen. Drei Jahre später erklärte er: "Wenn Amerika chemische und nukleare Waffen gegen uns einsetzt, dann könnten wir mit chemischen und nuklearen Waffen antworten. Wir haben die Waffen zur Abschreckung."[14]

Bis heute ist nicht klar, über welche MVW-Kapazitäten Al Kaida tatsächlich verfügt. Die Drohung steht jedoch im Raum, und die Absicht, nukleare, chemische und biologische Waffen zu beschaffen, ist unbestreitbar. Auch von palästinensischer Seite ist öffentlich die Forderung erhoben worden, durch biologische und chemische Waffen das militärische Ungleichgewicht mit Israel zu überwinden.[15] Aber würden diese Waffen auch eingesetzt, wenn sie zur Verfügung stünden? Welche Ziele könnten jenseits der Abschreckung mit einem Einsatz von Massenvernichtungswaffen verfolgt werden?

Das Kennzeichen von Massenvernichtungswaffen ist ihre große Zerstörungskraft im Verhältnis zur Menge des aufgewendeten Kampfstoffes. Je nach Verwendung sind in dicht besiedelten Gebieten hohe Opferzahlen möglich. Akteure, die die Vernichtung eines Gegners beabsichtigen, könnten versucht sein, Massenvernichtungswaffen zum Zwecke eines Völkermords einzusetzen. In diesem Sinne hatte der ehemalige Führer der Hisbollah im Libanon, Hussein Mussawi, verkündet: "Wir kämpfen nicht, damit uns der Feind anerkennt und uns etwas bietet. Wir kämpfen, um den Feind auszulöschen." Doch trotz dieser Rhetorik hat die Hisbollah ihre Terroranschläge stets mit konventionellen Mitteln verübt. Mit ihren jüngsten Wahlerfolgen im Libanon und der Entwicklung zu einer politischen Partei liegt Terrorismus - und erst recht MVW-Terrorismus - immer weniger im Interesse der Hisbollah.

Auch den palästinensischen Gruppen Islamischer Dschihad und Hamas wird nachgesagt, sie strebten Massenvernichtungswaffen an. 1999 hatte ihr geistlicher Fürsprecher in Großbritannien, Omar Bakri Mohammed, erklärt, dass jede Art von Waffen gerechtfertigt sei, wenn sich Muslime gegen westliche Besatzer verteidigen. Doch auch diese Gruppen haben Zurückhaltung gezeigt, wenn es um MVW-Terrorismus geht, sei es aus militärischen Nützlichkeitserwägungen oder politischem Kalkül. Ismail Abu Shannab, enger Vertrauter von Sheikh Yassin und Führungsmitglied der Hamas, erklärte sogar, dass die Verwendung von Giftgas der islamischen Lehre widerspreche.[16] Auch für Hamas und Islamischen Dschihad gilt, dass sie in dem Maße von radikalen Terrorstrategien und der Rhetorik der Vernichtung Abstand nehmen müssen, in dem sie Teil des politischen Prozesses in Palästina werden wollen.

Man kann sich aber auch begrenztere Ziele vorstellen als die gezielte Vernichtung des Gegners. Schon durch kleine MVW-Anschläge könnte die Bevölkerung zutiefst verstört und die staatliche Regierung zu weit reichenden Zugeständnissen gezwungen werden. Angeblich hat selbst die RAF zeitweise darüber phantasiert, wie eine Nuklearwaffe ihre Wirkungskraft verstärken würde.[17] Und in der Tat könnte ein Staat gezwungen sein, in die Freilassung von Gefangenen einzuwilligen, wenn er mit der Drohung eines MVW-Anschlags konfrontiert wäre. Die Frage ist freilich, wie glaubhaft die Drohung ist und wie hoch die langfristigen Kosten für den Staat wären, auf die Forderung einzugehen.

Solange Terrorgruppen mit ihren Aktionen nicht nur Menschen töten, sondern auch einen politischen Zweck erreichen wollen, müssen sie mit ihren Aktionen eine Nachricht kommunizieren, um politische Unterstützung zu erhalten.[18] Das setzt dem Terrorismus und insbesondere der Verwendung von Massenvernichtungswaffen gewisse Grenzen. Denn die Tabus, die den Einsatz nuklearer, chemischer und biologischer Waffen umgeben,[19] könnten sich leicht gegen Terrorgruppen auswirken, die diese brechen.

Gruppen allerdings, deren Ziele nicht weltlich-politischer Natur, sondern transzendent-religiös sind, nehmen auf die Reaktion eines "zu interessierenden Dritten" keine Rücksicht.[20] Damit entfallen auch alle Einschränkungen, denen sich ein terroristischer Akteur im Einsatz seiner Gewaltmittel unterworfen fühlt. Es liegt deshalb nahe zu vermuten, dass religiöse Fanatiker eher als politische Extremisten bereit sein werden, unbeschränkte Gewalt anzuwenden und hohe Opferzahlen in Kauf zu nehmen.[21] Wenn das stimmt, dann kommt der Verwurzelung einer Terrorgruppe in der Gesellschaft eine wichtige moderierende Funktion zu, und klassische Kleinkriegsstrategien, die auf die Trennung der Kämpfer von ihrer sozialen Basis zielen, müssten überdacht werden.

Für die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit eines MVW-Anschlags ist es deshalb wichtig, genauer festzustellen, in welchem Maße eine Terrorgruppe religiösen oder weltlichen Zielen folgt. Dabei muss die Oberflächenrhetorik von der wirklichen Motivation unterschieden werden. Al Kaida wird zum Beispiel häufig als islamistische Organisation dargestellt, deren Ziele rein religiös und außerweltlich seien: Eine politische Absicht jenseits der Zerstörung gebe es nicht. Eine genaue Lektüre ihrer Verlautbarungen sowie der Interviews ihrer Führer zeigt jedoch, dass ihr eine klare politische Strategie mit abgestuften Zielen zu Grunde liegt. Auch für Al Kaida gilt deshalb, dass Gewalt strategisch eingesetzt wird. Ein Beleg dafür ist der unlängst veröffentlichte Brief von Ayman Al Zawahiri, dem zweiten Mann der Al Kaida, an Abu Musab Al Zarkawi, den im Irak agierenden Kaida-Statthalter.[22] In diesem Brief warnt Zawahiri davor, durch wahllosen Terrorismus die Unterstützung der Bevölkerung im Irak zu verspielen, ohne die die langfristigen Ziele der Al Kaida nicht erreicht werden könnten. Noch, so darf man folgern, hat Al Kaida die letzten Bindungen zur - islamischen - Gesellschaft nicht gekappt und operiert nicht ohne Blick auf die Bevölkerung.[23]

Ob der Einfluss groß ist, den die Al Kaida-Führung auf Terroristen wie Al Zarkawi hat, die weitgehend auf eigene Rechnung handeln, kann bezweifelt werden. Auch wenn MVW-Anschläge augenblicklich nichts ins Kalkül der Al Kaida zu passen scheinen, muss das Al Zarkawi, dessen Versuche mit chemischen Kampfstoffen bekannt sind,[24] nicht von einem MVW-Attentat abhalten, sei es im Irak oder in Europa. Denn in dem Maße, in dem sich einzelne Terroristen verselbständigen, werden auch die Bindungen an die gemeinsamen Ziele und Strategien schwächer.


Fußnoten

10.
Vgl. Bruce Hoffman, Viewpoint: Terrorism and WMD: Some Preliminary Hypotheses, in: Nonproliferation Review, 4 (1997) 1, S. 45 - 52.
11.
Vgl. Walter Laqueur, Postmodern Terrorism, in: Foreign Affairs, 75 (1996) 5, S. 24 - 36.
12.
Richard K Betts, The New Threat of Mass Destruction, in: Foreign Affairs, 77 (1998) 1, S. 26 - 41.
13.
Terms of War and Peace, in: Time vom 4. März 1996.
14.
Wrath of God, in: Time Magazine Asia vom 11. Januar 1999; BBC News, Bin Laden has nuclear weapons vom 10. November 2001.
15.
Vgl. Gary Ackerman/Laura Snyder, Would They If They Could?, in: Bulletin of the Atomic Scientists, 58 (2002) 3, S. 40 - 47.
16.
Vgl. John Parachini, Putting WMD Terrorism into Perspective, in: The Washington Quarterly, 26 (2003) 4, S. 37 - 50, hier S. 45.
17.
Vgl. Nadine Gurr/Benjamin Cole, The New Face of Terrorism. Threats from Weapons of Mass Destruction, London-New York 2002.
18.
Vgl. Daniel S. Gressang, Audience and Message: Assessing Terrorist WMD Potential, in: Terrorism and Political Violence, 13 (2001) 3, S. 83 - 106, hier S. 94.
19.
Vgl. Christopher Daase, Der Anfang vom Ende des nuklearen Tabus. Zur Legitimitätskrise der Weltnuklearordnung, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 10 (2003) 1, S. 7 - 41.
20.
Vgl. Herfried Münkler, Asymmetrische Gewalt. Terrorismus als politisch-militärische Strategie, in: Merkur, 56 (2002) 1, S. 1 - 12.
21.
Vgl. Bruce Hoffman, "Holy Terror": The Implications of Terror Motivated by a Religious Imperative, in: Studies in Conflict and Terrorism, 18 (1995) 4, S. 271 - 284.
22.
Vgl. Zawahiri schreibt Zarkawi, in: Neue Zürcher Zeitung vom 12. Oktober 2005.
23.
Vgl. Michael F. Morris, Al Qaeda as Insurgency, in: Joint Forces Quarterly, (2005) 39, S. 41 - 50.
24.
Vgl. Bruno Schirra, Der gefährlichste Mann der Welt, in: Cicero, (2005) 4, S. 24 - 27.