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25.11.2005 | Von:
Christopher Daase

Terrorgruppen und Massenvernichtungs-
waffen

Die Gelegenheit zu MVW-Terrorismus

Die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags mit Massenvernichtungswaffen ergibt sich aber nicht allein aus der Motivation der Terrorgruppe oder einzelner Terroristen. Es bedarf auch einer Gelegenheit zum Erwerb und zum Einsatz dieser Waffen. Allerdings kann Motivation nach Gelegenheiten suchen, und Gelegenheiten können Motivation erzeugen.

Das letztere war der Fall, als im Juni 1990 eine Gruppe der Widerstandsbewegung Tamil Tigers auf Sri Lanka Chlorgas einsetzte, um eine Stellung der Armee anzugreifen. Sechzig reguläre Soldaten wurden verletzt und die Befestigung gestürmt. Allerdings hatten die Rebellen das Gas offenbar nur aus Verlegenheit benutzt, weil ihre konventionellen Waffen aufgebraucht waren und sie in einer nahe gelegenen Industrieanlage Gasbehälter gefunden hatten. Seither hat der tamilische Widerstand nicht wieder chemische Waffen eingesetzt, angeblich aufgrund der Befürchtung, die Unterstützung der Bevölkerung zu verlieren.[25]

Nach solchen Zufallsgelegenheiten ist die "einfachste" Art, wie Terrorgruppen an Massenvernichtungswaffen kommen, durch Staaten, die sie mit entsprechenden Kampfstoffen ausstatten. Allerdings war schon während des Kalten Krieges umstritten, wie groß das Problem der so genannten "Staatssponsoren" wirklich ist. Zwar ist denkbar, dass Staaten versuchen, Terrorgruppen als Stellvertreter zu benutzen, um Schaden anzurichten. Doch ob Staaten das Risiko eingehen, der Weitergabe von Massenvernichtungswaffen überführt zu werden, ist fraglich. Die Fokussierung amerikanischer Sicherheitspolitik auf dieses Problem scheint deshalb übertrieben. Ernstzunehmende Hinweise, dass ein Staat nukleare, biologische oder chemische Kampfstoffe an Terroristen weitergegeben hat, gibt es jedenfalls nicht.[26] Und bislang ist die amerikanische Regierung auch den Beweis für die angebliche Beziehung des Iraks zu Al Kaida schuldig geblieben.

Es muss allerdings nicht unbedingt ein Staat sein, der eine Terrorgruppe unterstützt; einflussreiche Parteien oder Einzelpersonen reichen völlig aus. In dem Maße, in dem die zivile Kontrolle etwa des Militärs oder der Geheimdienste versagt, ergeben sich Gelegenheiten für Terrorgruppen, durch Korruption oder politische Sympathie an gefährliche Materialien zu gelangen. Von pakistanischen Atomwissenschaftlern ist bekannt, dass sie ihr Wissen nicht nur - wie Abdul Quader Kahn - an zweifelhafte Regime wie Iran, Libyen und Nordkorea weitergegeben, sondern auch Osama bin Laden über den Bau von Nuklearwaffen informiert haben. Sultan Bashiruddin Mahmood, der ehemalige Vorsitzende der pakistanischen Atomenergiekommission, wurde 2001 verhaftet, nachdem bekannt geworden war, dass er mit Osama bin Laden und seinem Stellvertreter Al Zawahiri den Bau von Nuklearwaffen erörtert hatte.[27] Ob Al Kaida auch das dazu notwendige waffenfähige Uran oder gar Plutonium besitzt, ist unklar.

Insbesondere aus Russland und den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion wird gemeldet, dass seit Ende des Ost-West-Konflikts größere Mengen waffenfähigen Materials gestohlen worden sind.[28] In Kasachstan stieß ein amerikanisches Untersuchungsteam auf waffenfähiges Material, das in Blechschuppen mit Holztüren gelagert und nur durch einfache Vorhängeschlösser gesichert war. Auch Berichte über die Entwendung ganzer Nuklearwaffen hat es gegeben, die jedoch regelmäßig dementiert worden sind. Seit 1991 hilft das amerikanische Verteidigungsministerium im Rahmen der "Initiative zur kooperativen Bedrohungsreduktion" den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die Sicherheit ihrer Nuklearbestände zu erhöhen.

Über die Situation in anderen Ländern, insbesondere denen, die sich nicht den Sicherheitsstandards der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) unterworfen haben (etwa Nordkorea, Indien, Pakistan und Israel), ist wenig bekannt. Auch bei biologischen und chemischen Kampfstoffen ist die Lage unübersichtlich, weil diese Industrien nur in geringerem Maße staatlich kontrolliert werden. Die Vermutung liegt nahe, dass chemische und biologische Kampfstoffe leichter gestohlen werden können als nukleare.[29]

Es besteht die Gefahr, dass Mitarbeiter von militärischen oder zivilen Einrichtungen, die mit MVW-Kampfstoffen umgehen, aus finanziellen oder ideologischen Erwägungen Material entwenden und auf dem internationalen Schwarzmarkt anbieten oder es gezielt an Terrorgruppen weitergeben könnten. Lange war umstritten, ob ein wirklicher Schwarzmarkt für Nuklearwaffen existiere oder ob er nicht eher ein Produkt sei, das die künstliche Nachfrage von westlichen Geheimdiensten erst geschaffen habe. Doch inzwischen hat die IAEA seit 1993 über 650 Fälle von illegalem Handel mit radioaktivem Material aufgedeckt,[30] und die Aktivitäten von A. Q. Khan haben gezeigt, dass zumindest für Staaten der illegale Erwerb von fortgeschrittener Nukleartechnologie möglich ist.

Auf Grund der schwierigen Identifizierung von chemischen und biologischen Kampfstoffen sind die Grenzen zwischen legaler und illegaler Beschaffung bei diesen Substanzen fließend.[31] 1995 erregte der amerikanische Mikrobiologe Larry Harris, der rechtsradikalen Gruppen nahe steht, Aufsehen, als sein Versuch, Pesterreger zu bestellen, nur durch Zufall scheiterte. Auch die Aum-Sekte experimentierte mit biologischen und chemischen Materialien in den USA zunächst völlig offen. Für Terroristen bieten sich demnach vielfältige, aber abgestufte Gelegenheiten, um an Massenvernichtungswaffen zu gelangen.


Fußnoten

25.
Vgl. J. Parachini (Anm. 16), S. 43 - 44.
26.
Vgl. N. Gurr/B. Cole (Anm. 17), S. 199.
27.
Vgl. Bruno Schirra, Wo steckt er?, in: Cicero, (2005) 9, S. 20 - 24, hier S. 23.
28.
Vgl. Harald Müller, Nuklearschmuggel und Terrorismus mit Kernwaffen, in: Kurt R. Spillmann (Hrsg.), Zeitgeschichtliche Hintergründe aktueller Konflikte VI, Zürich 1997.
29.
Vgl. Jean Pascal Zanders, Assessing the Risk of Chemical and Biological Weapons Proliferation to Terrorists, in: The Nonproliferation Review, 6 (1999) 4, S. 17 - 34.
30.
Vgl. http://www.iaea.org/NewsCenter/Features/RadSources/Fact_Figures.html.
31.
Vgl. Frank Barnaby, Instruments of Terror: Mass Destruction Has Never Been So Easy, London 1996.