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25.10.2005 | Von:
Rainer Rother

Die wichtigste aller Künste?

Verlust der Massenbasis

Der Ausdruck "Traumfabrik" fasste einst, bewundernd und abwertend zugleich, zusammen, was der Film vermochte. Seine Wirkung und Verbreitung scheint heute merklich geschwächt, vor allem im Vergleich mit dem Leitmedium Fernsehen. In der Bundesrepublik Deutschland wurden in den vergangenen Jahren jeweils zwischen 150 und 160 Millionen Kinokarten verkauft, was durchschnittlich etwa zwei Kinobesuche pro Jahr und Einwohner ergibt. Ausgesprochen erfolgreiche (in der Regel amerikanische) Kinofilme erreichen in Deutschland gelegentlich um die zehn Millionen Zuschauer. Dagegen sitzen täglich gegen 20 Uhr hochgerechnet 20 Millionen Zuschauer vor dem Fernsehapparat. Einzelne besonders populäre Sendungen wie "Wetten, dass ...?" erreichen ein Publikum von 16 Millionen, das TV-Rededuell zwischen Gerhard Schröder und Angela Merkel sahen sogar mehr als 25 Millionen. Auch unabhängig von Zahlen und Quoten zeigt das Wirkungen: Sendungen werden Tagesgespräch. Nur höchst selten erreichen Filme heute einen vergleichbaren Effekt.

Der Vergleich hinkt selbstverständlich in mehr als einer Hinsicht. Als Leitmedium gilt Fernsehen aus drei Gründen: die große durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer, in Deutschland angeblich 203 Minuten pro Person und Tag; die Menge der gleichzeitig dieselbe Sendung verfolgenden Zuschauer; die Kontinuität dieser Nutzungen über lange Zeiträume. Hinzu kommen saison- oder ereignistypische Übertragungen, die eine spezifische Aktualität besitzen und für die das Fernsehen zum primären Übermittler wird - Sportereignisse, Katastrophen, Kriege.

Während aber Fernsehen ein auf Knopfdruck verfügbarer, per Fernbedienung bequem variierbarer Teil des häuslichen Alltags ist, behielt der Film im Kino immer den Charakter einer Veranstaltung. Bestimmte Angebote stehen zu bestimmten Tageszeiten zur Verfügung. Sie sind nicht abrufbar, das Publikum macht sich zu diesen Angeboten auf den Weg. Deswegen wirkt Film gewissermaßen anachronistisch, er bleibt als Medium, als Mittler, vergleichsweise unflexibel. Ihn kennzeichnet die Aufführung eines eigens für die Abspielstätte Kino hergestellten Produktes. Der Gegenbegriff, der die beherrschende Praxis des Fernsehens kennzeichnet, ist die Übertragung. Ganz analog zum anderen "Rundfunkmedium", dem Radio, kann Fernsehen alles, jede Form und jedes Ereignis, "übertragen" oder transportieren. Nur in einer bestimmten Periode der Filmgeschichte, bis etwa in die sechziger Jahre, versuchte der Kino-Film in seiner Aufführungspraxis Ähnliches. Das Verschwinden von Vorfilm und Wochenschau kann als Einsicht in die eigene Beschränkung aufgefasst werden. Was diese ehemals so wichtigen Bestandteile einer Vorführung leisteten, konnte das Fernsehen deutlich besser. Insofern ist die Epoche, in der Film das herrschende Massenmedium war, seit den Fünfzigerjahren vorüber.

Das bestimmt das heutige Verhältnis - während Fernsehen sozusagen alles ins heimische Wohnzimmer bringen kann, darunter nicht zuletzt Filme, ist Kino an eine ästhetische Form gebunden, den abendfüllenden, meist fiktionalen Film. Die Veränderung im System der Massenmedien ist ein Grund dafür, dass heute niemand mehr den Verderb der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse oder die Rettung aus ihnen vom Film befürchtet respektive erhofft. Weder die Untergangszenarien der Kinoreformer, die im Kaiserreich Sittenverderbnis und politische Subversion vom so jungen und so machtvoll wirkenden Film drohen sahen, noch die Hoffnungen der linken Intelligenz der zwanziger Jahre, er könne als Beschleuniger der Umwälzung wirken, finden heute Nachhall. Auch Reminiszenzen an die Konzeption der Kulturindustrie zielen heute auf andere mediale Systeme ab. Reflexionen über den Zustand der Gesellschaft und die Chancen oder Gefährdungen, die ihr von modernen Medien drohten, beziehen sich zunächst auf das Fernsehen (beginnend mit Günter Anders' "Antiquiertheit des Menschen"), später auf Computer und alle Formen der Digitalisierung sowie das Internet.