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25.10.2005 | Von:
Rainer Rother

Die wichtigste aller Künste?

Das Imperium schlägt zurück

Was bleibt also von dem einmal mit so vielen Ängsten und Hoffnungen befrachteten Film? Vermutlich seine ästhetisch weiterhin prägende Kraft. Mit seinen Bilderfindungen ist der Film anderen audiovisuellen Medien weit überlegen. Vom Fernsehen bleiben Bilder in Erinnerung, die Ereignisse bezeichnen, vom Film aber solche, die ganz ihm gehören - seien es die beiden Hauptfiguren in Volker Koepps Dokumentarfilm Film Frau Zwilling und Herr Zuckermann in ihrer Czernowitzer Wohnung, seien es die auf den spektakulären Effekt hin getrimmten Totalen aus einer beliebigen Großproduktion. Die Beispiele mögen beliebig wirken, doch sie bezeichnen einen wesentlichen Punkt. Seit das "alte" Massenmedium im Grunde nur noch einzelne Filme, ob fiktional oder dokumentarisch, "übermittelt", teilt es mit dem Fernsehen diese spezifische Form und muss über bestimmte Qualitäten verfügen, welche die Konkurrenz so nicht bieten kann. Ob die Produkte dabei auf Filmmaterial oder in einem digitalen Format hergestellt wurden, ist mittlerweile egal. Da das Fernsehen früher oder später so gut wie alle diese Filme irgendwann überträgt, gibt es kein grundlegendes Kriterium, etwas zu einem "Film" (im Gegensatz etwa zu einem "Fernsehspiel") zu deklarieren. Eher schon gibt es Formen, die aus bestimmten Gründen nur im Fernsehen möglich sind, groß angelegte Mehrteiler wie Edgar Reitz' Heimat oder die Doku-Fiktionen von Heinrich Breloer beispielsweise.

Unterscheidbar sind Filme durch ein Angebot an Schauwerten, die auf dem Bildschirm nicht adäquat zu genießen sind - das ist die Attraktion der meisten Großproduktionen. Oder man setzt auf eine experimentelle Qualität, die sich im Fernsehen erst dann vermitteln lässt, wenn sie im Kino reüssierte, wie das für die dänischen "Dogma-Filme" galt, die technisch tatsächlich so unspektakulär daherkamen, dass sie als ursprüngliche Fernsehproduktionen kaum denkbar wären, dafür aber mit Geschichten aufwarten konnten, die im ersten Moment nicht TV-gerecht schienen. Entscheidend ist offenbar, dass die Produkte entweder als "groß" oder als "neu" eingeschätzt werden können - also wie Überbietungen bisheriger Spektakel (das zeigte sich vor allem beim Action-Film) oder wie Entdeckungen des Unbekannten (worauf nicht zuletzt die internationalen Erfolge des asiatischen Kinos zurückzuführen sind).

Selbst in Bezug auf die Reichweitenverluste hat der Film eine Art Kompensation erreicht, die im Wesentlichen durch Diversifikation und Verlagerungen im Vertrieb erzielt wurde. Sie verwandeln das einheitliche System von Produktion und Kinoauswertung, bis in die fünfziger Jahre die einzige Basis des Mediums und in den Jahrzehnten danach weiterhin eine bedeutende Stütze seines Erfolgs, in eine von mehreren Varianten. Dies vollzieht sich einerseits als Maßnahme der Industrie, andererseits weit unterhalb dieses Niveaus.

Amerikanische Studios zielen mit ihren Großproduktionen heute von Beginn an und mit andauerndem Erfolg auf einen weltweiten Markt. Was für die Filmindustrie anderer Länder undenkbar wäre, wurde in Hollywood vor kurzem praktiziert: der Start einer Prestige-Produktion in allen großen Verleihmärkten am gleichen Tag. Steven Spielbergs Krieg der Welten ist aus diesem Grund ein Markstein der Filmgeschichte, seine Platzierung ging ganz offenbar von der Voraussetzung und zugleich der Sicherheit aus, dieses eine Produkt lasse sich an jedem Punkt der Welt mit gleicher Erfolgsaussicht an das Publikum bringen. Nur Hollywood verfügt über diese Sicherheit, und selbst Hollywood wäre ohne den Nimbus Spielbergs nicht so schnell auf das Wagnis verfallen.

Ähnliche Pläne zur gleichzeitigen und weltweiten Präsentation mag es momentan nicht geben. Doch der Regisseur Steven Soderbergh möchte seine nächsten Filme wenigstens in den USA gleichzeitig in Kinos und auf DVD herausbringen. Das zielt auf die Schaffung eines Events, das quasi zeitgleich ein sonst über Monate akkumuliertes Publikum erreicht, und würde die durchaus erfolgreiche Verwertungsstrategie des Produktes Film radikalisieren. Sie zielt bei den "Blockbustern", also den mit hohem Budget in Erwartung riesiger Gewinne produzierten Großproduktionen à la Star Wars, Titanic, Der Herr der Ringe oder Jurassic Park zunächst vor allem auf ein jugendliches Publikum und erst danach auf den DVD-Markt und die Fernsehauswertung. Insofern ist das Kino wie nie zuvor von den Teens und Twens abhängig - eine Entwicklung, die bei ausbleibendem Erfolg der geplanten Kassenschlager finanzielle Probleme für die Studios nach sich zieht. Dies ist im Frühjahr und Sommer dieses Jahres eingetreten und bereitet Hollywood Sorge. Eine Industrie, die den Großteil ihrer Kinoeinnahmen mit einer Hand voll Filme und innerhalb weniger Wochen nach deren Uraufführung erzielt, ist von diesen wenigen und teuren Titeln deutlich abhängiger als jene Industrie der Vergangenheit, die mit geringeren Produktionskosten, längerer Auswertung und breiteren Publikumsschichten rechnete. Möglicherweise ist Soderberghs Vision ein Weg zur Rückgewinnung breiterer Publikumsschichten bei erneut verkürzter Auswertungsdauer.

Sie stellt zudem die reale Konsumsituation von Filmen in den Mittelpunkt einer strategischen Überlegung. Die Filmindustrie hat durch die Diversifikation der Auswertung seine Stellung innerhalb des kulturindustriellen Zusammenhangs durchaus halten können. Dabei verändert die Tatsache, dass Filme ihr Publikum tendenziell nicht mehr primär im Kino finden (sondern auch vor dem Fernsehapparat als Abspielbasis von DVDs), auch das Publikum selbst. Wenn Kracauer die Beziehung des "Kollektivproduktes" zum "Massenpublikum" ins Auge fasste, dann war letzteres in jeder Rezeptionssituation auch tatsächlich als "Masse" vorhanden und versammelt. Das Kino richtet sich an viele, es produziert ein gemeinsames Rezeptionserlebnis. Dagegen erfolgt die Rezeption der DVD individuell, der Raum der Filmwahrnehmung ist anders strukturiert. Das ist entscheidender als die technische Entwicklung selbst. Sie strebt zu einer Art Heim-Kino, in dem die Ton- (Surround-Sound in HiFi-Qualität) und auch die Bildqualität (über größere Flachbildschirme bzw. durch Beamer) annäherungsweise die Qualität der Kinoprojektion nachahmen.

Angesichts dieser Entwicklung muss man von unterschiedlichen, wenn auch jeweils technisch hochwertigen Rezeptionssituationen ausgehen. Im System Film/Kino hat sich seit dem Ende der Schachtelkinos der siebziger Jahre mit den "Multiplexen" ein Standard durchgesetzt, der den Zuschauern eine im Vergleich zu den Maßen der Säle weitaus größere Leinwand bot als je zuvor - "size matters", nicht nur in der Produktion, auch in der Distribution. Nun kann auch das Filmerlebnis Zuhause von entscheidenden Verbesserungen profitieren. Als kommende Hierarchie deutet sich an: 3D-Filme im IMAX für die Spezialinteressen, das Kino für das gemeinsame Erlebnis, die DVD-Projektion als alltäglicher Genuss. Mit Soderberghs Vorhaben, wenn es denn realisiert wird, würde sich schließlich ein in sich differenziertes Publikum versammeln, das in wechselnden Rezeptionssituationen den selben Film annähernd zur selben Zeit sehen würde. Es wäre die moderne Entsprechung zum Kracauer'schen Massenpublikum - nämlich eines, das die Rezeptionsbedingungen selbst wählt. Ob das gemeinsame Erlebnis, das Sehen des Films im Kreis der Familie oder der individuelle Konsum bevorzugt wird, könnte dann jeder von Fall zu Fall entscheiden. Es wäre auch eine Entscheidung über die gewünschte Intensität der Schauwerte. Die Möglichkeit, dass sich diese gegenüber der Handlung verselbständigen, ist ja eine Stärke des Films. Am schwächsten ausgeprägt wird sie auf längere Sicht beim Sehen des Produktes in der Fernsehausstrahlung bleiben.