30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

25.10.2005 | Von:
Rainer Rother

Die wichtigste aller Künste?

Der andere Weg

Neben solchen nur für große Kapitalgesellschaften zur Vision taugenden Plänen entwickeln sich zeitgleich neue Vertriebswege, die teilweise sogar ganz auf das Kino verzichten. Zum ersten Mal ist es heute möglich, Filme erfolgreich über die ausschließliche Auswertung als DVD oder im Internet zu vertreiben.

Genutzt wird dies einerseits für typische Formen der Gegenöffentlichkeit. Outfoxed von Robert Greenwald, ein mitten im letzten amerikanischen Wahlkampf veröffentlichter Film über den nur vermeintlich unparteiischen Fernsehsender Fox News, wurde zunächst via Internet als DVD vertrieben, bis der Erfolg dann auch einen Kinostart nahelegte. Dieser Film verstand sich als Gegenreaktion innerhalb eines von den Medien mitbestimmten Wahlkampfes und wäre in keinem Programm eines der großen US-Fernsehsender unterzubringen gewesen. Er war sozusagen die im Internet reüssierende Variante von Michael Moores Filmen.

Andererseits bietet sich dieser Vertriebsweg auch für so genannte kleine Produktionen an, denen der Weg ins Kino versperrt ist, nicht zuletzt durch die in Hunderten von Kopien gestarteten Großproduktionen, aber auch durch die hohen Kosten für die Herstellung von Filmkopien. Für dieses Problem stellt neuerdings die Ausrüstung von Kinos mit qualitativ recht hochwertigen Beamern eine andere Lösung bereit. Für ein spezielles Publikumssegment ist mit der Initiative "delicatessen - Kino Kultur digital" eine Abspielform gefunden worden, die nach ihrem Selbstverständnis vor allem Dokumentarfilme und innovative Werke in bislang etwa 50 deutsche Kinos bringt. Europaweit vernetzt, deutet sich hier eine Möglichkeit an, unabhängig produzierten Filmen wieder ein Kinopublikum zu verschaffen. Die Entwicklung ist durchaus zu begrüßen. Immerhin werden heute gerade Dokumentarfilme international tatsächlich fast ausschließlich digital gedreht, werden unabhängige Filme zum Beispiel aus China schon seit Jahren nicht mehr als 35-mm-Produktionen realisiert, ist die innovative Szene in allen Ländern aus finanziellen und pragmatischen Gründen auf diese Produktionsweise eingestellt.

Auf längere Sicht deutet sich also eine neue Ausdifferenzierung der Arten der Filmpräsentation an. Es wird, hoffentlich, auch weiterhin kommunale Kinos und Kinematheken geben, in denen die alten Werke in ihrem angestammten Format projiziert werden. Zugleich könnte das Kino sich den vermeintlichen Außenseitern (ungewohnt in der Form, aus "fremden" Kinematographien stammend) widmen. Die großen Produktionen aber, der "mainstream", wird möglicherweise noch dominanter präsent und in allen Konsumformen zeitgleich verfügbar sein. Dann wäre Film alles andere als anachronistisch und forderte erneut die Analyse seiner ästhetischen und gesellschaftlichen Relevanz heraus. Sie müsste dafür allerdings die Konsumentenentscheidung und die Medienkompetenz des Publikums in Rechnung stellen.