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25.10.2005 | Von:
Peter Reichel

"Onkel Hitler und Familie Speer" - die NS-Führung privat

Hitlers letzte Tage als "Big-Bunker-Story"

Der Untergang mag ein spannender Film sein für alle, die grelle Farben, schrille Töne, Artillerie- und Maschinengewehrfeuer, Blut, zerfetzte Leiber, Sentimentalität, Fressorgien, Gruppensex und Gruppenselbstmord unterhaltsam finden. Da sich diese Ereignisse aber vor dem Hintergrund eines wichtigen Abschnitts der jüngeren deutschen Geschichte abspielen, ist er auch ein fragwürdiger Film. Zumal Regisseur Oliver Hirschbiegel uns einredet, auch der private Hitler, dem Tode nah, sei eine interessante historische Figur. "Kein schöner Land" singen die Goebbels-Kinder für "Onkel Hitler" - bevor sie von der hysterisch-kalten Magda, der "Mutter der Nation", vergiftet werden. Das ist Todeskitsch, mehr nicht.

Warum musste dieser Film überhaupt produziert werden, warum sollten wir ihn sehen? Warum wurde das Publikum vorab durch eine peinlich lobhudelnde Pressekampagne mobilisiert, mit Bild, FAZ und Spiegel als Leitmedien? Und warum hat sich sogar der international renommierte britische Hitler-Biograf Ian Kershaw vor diesen kommerziellen Kino-Karren spannen lassen und sich nicht gescheut, den Untergang allen Ernstes als "ein grandioses historisches Drama" zu bezeichnen?[14] Der Film ist für jeden, der in der audio-visuellen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus mehr als bloße Unterhaltung sucht, eine Zumutung, er ist auf obszöne Weise belanglos. Denn er verhält sich gegenüber dem gleichzeitigen Untergang der Opfer und den vielen Orten des Mordens, Leidens und Sterbens eigentümlich ignorant. Das Ende von Auschwitz und Bergen-Belsen? Das Massensterben, das in vielen Lagern noch nach ihrer Öffnung durch Amerikaner und Russen andauerte, als das Untergangsspektakel in Berlin längst zu Ende war? Die Widerstandskämpfer, die noch im April 1945 in Flossenbürg und Plötzensee ermordet wurden? All dies kommt in Der Untergang nicht vor. Was entschieden zu wenig ist, zumal Regisseur Oliver Hirschbiegel sich selbst gern einen "Kenner der Geschichte des Dritten Reiches`" nennt und seinen Film als einen "historischen Auftrag" verstanden hat.[15] Mehrere Fragen und Vermutungen drängen sich auf.

Erzählt der Film uns etwas Neues über Hitlers letzte Tage, sofern das überhaupt ein irgendwie relevantes Thema ist? Das Wichtigste darüber wissen wir bereits, seit uns Hugh Trevor-Roper Hitlers letzte Tage (1947) näher brachte. Anton Joachimsthaler hat in jüngerer Zeit Details überprüft, ergänzt und alles noch einmal genau aufgeschrieben. Joachim Fest schrieb einen Essay zum Thema, der dem Film Text und Titel gab. Zudem haben uns die so genannten "Zeitzeugen" durch ihre Erinnerungsbücher Einblick in ihre (spätere) Sicht der Dinge gegeben. Auch auf sie stützt sich das Drehbuch, ebenso auf Albert Speer, auf Hitlers Leibarzt Ernst Schenck und schließlich auf Hitlers Schreibkraft Traudl Junge. Junge ist schon in Nürnberg als Zeugin befragt worden und hat auch an dem ersten deutschen Endzeitfilm mitgewirkt, unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst (Der letzte Akt, 1955).

Wollte der Film von Starschauspieler Bruno Ganz profitieren und diesem zugleich dazu verhelfen, sein vielseitiges Rollenrepertoire zu erweitern? Der Faust- und Mephisto-Darsteller als Hitler-Karikatur? Die Imitation von Politikern ist im Allgemeinen nicht Sache der großen Bühnen-Mimen, sondern des politischen Kabaretts. Bruno Ganz hätte, so lesen wir in den meinungsbildenden Blättern, zusammen mit Produzent und Regisseur, Hitler ein "zweites Mal erfunden".[16] Und wer wäre für die originäre Erfindung des "Gröfaz" verantwortlich? Joachim Fest? Die Chefpropagandisten des "Dritten Reiches", Goebbels, Hoffmann und Riefenstahl? Oder doch jene Millionen Deutsche, die ihn wählten, die an ihn glaubten oder sich von seinen vermeintlichen "Leistungen und Erfolgen" (Sebastian Haffner) überwältigen ließen? - sodass Hitler 1936 in Nürnberg in der Pose des Volksführers und Heilsbringers ausrufen konnte: "Ihr habt einst die Stimme eines Mannes vernommen, und sie schlug an eure Herzen, sie hat euch geweckt (...). Das ist das Wunder unserer Zeit, daß ihr mich gefunden habt (...) unter so vielen Millionen! Und daß ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück!"[17]

Nicht das Ende Hitlers, das die Welt aufatmen und die Deutschen verstört zurück ließ, Anfang und Aufstieg dieser vielleicht bedeutendsten Unperson der Epoche sind das deutsche Thema. Das wird in Der Untergang völlig verkannt. Sprecher der Nation konnte Hitler nur werden, weil er weitgehend das war, was er vorgab zu sein: ein typischer Vertreter seines Volkes. Dessen Sehnsüchte, Ressentiments und Weltkriegserfahrungen kannte er sehr genau, denn es waren die seinen. Und was den epochalen Verbrecher irritierend groß erscheinen lassen mag und die Biografen und Filmemacher immer wieder angezogen hat, kann der Film nicht einmal andeuten. Hitler war Person, Politiker, Mythos oder - moderner gesprochen - Markenname zugleich.

Was muss da alles zusammengedacht und zusammengesehen werden: zunächst Hitlers demagogische Begabung, schnelle Auffassungsgabe und vorzügliches Gedächtnis, menschenverachtende Brutalität und verhaltener Charme, sein plebiszitäres Erfolgscharisma, die außenpolitischen Triumphe und militärischen "Blitzsiege", seine Architektur-, Technik- und Wagner-Begeisterung, die Wiener Jahre und die Weltkriegserfahrung, seine Leit- und Feindbilder und nicht zuletzt sein Verhältnis zu Frauen sowie seine immer wieder strapazierte Tierliebe. "Hitler wie keiner ihn kennt", so wurde er früh volkstümlich mit Schäferhund auf dem Obersalzberg ins Bild gesetzt. Auch im Film spielt Blondi eine Rolle - als der letzte wahrhaft "treue Freund" Hitlers. Hermann (Göring) und der "treue Heinrich" (Himmler) sind längst als "Verräter" verstoßen. Entstehung und Verfall desFührer-Mythos und seine gesellschaftlichen Grundlagen kann dieses brutale Rührstück einer Big-Bunker- und Suizidgesellschaft nicht verständlich machen. Stattdessen zieht es das Publikum effektvoll mit Terror und Intimität in seinen Bann - halb (selbst-) mörderisches Schlachtfest, halb Walpurgisnacht, halb Familienidyll.

Hitler ist zu den Deutschen von außen gekommen. Und von außen ist er ihnen auch wieder genommen worden. Wirklich befreit haben wir uns bis heute nicht von ihm. Daran ändert auch Der Untergang nichts. Die "gewisse angewiderte Bewunderung", die schon Thomas Mann für dieses "Lebensphänomen" empfand und als ebenso beschämend wie unvermeidlich ansah, dauert bis heute an. Es geht in Deutschland heute sehr viel weniger um das politische Interesse an der so lange gegenwärtig gebliebenen, weil kontrovers gedeuteten Vergangenheit. Als Legitimation für die politische Ordnung und die nationale Identitätsbildung der Deutschen hat sie offenbar ausgedient.

Die Vermarktung der Vergangenheit und ihres bloßen Unterhaltungswertes steht jetzt im Vordergrund. Das erlebnishungrige Kinopublikum fragt nach dem Privaten und Intimen der historischen Figuren. Der Untergang soll Geld in die Kinokassen bringen, das die Constantin-Film AG, die ihn produzierte und deren Aufsichtsratsvorsitzender Bernd Eichinger ist, dringend benötigt. Als der Film für den Oscar nominiert war, durfte sie zumindest zeitweilig hoffen, dass er in den lukrativen internationalen Vertrieb kommen würde. Der Untergang sollte indes nicht nur ein kommerzielles, sondern auch ein Kulturereignis sein. Einige der meinungsmachenden Medien haben sich dabei kräftig ins Zeug gelegt. Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung sprach von einem "Meisterwerk".


Fußnoten

14.
Ian Kershaw, Der Führer küßt, der Führer ißt Schokolade, in: FAZ vom 17.9. 2004. Vgl. dagegen mit seiner dezidierten Kritik Martin Meyer, Gleichschritt in den Operntod, in: Neue Zürcher Zeitung vom 22.9. 2004.
15.
Vgl. das Interview mit Oliver Hirschbiegel, "Daher kommen wir", in: Berliner Zeitung vom 11.9. 2004.
16.
Frank Schirrmacher, Die zweite Erfindung des Adolf Hitler, in: FAZ vom 15.9. 2004.
17.
Zit. nach Peter Reichel, Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Faschismus, München und Wien 1991, S. 143.