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13.10.2005 | Von:
Oliver Decker
Elmar Brähler

Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland

Erklärungsansätze

Der Klassiker der Einstellungsforschung, "The Authoritarian Personality",[4] hatte zum Ziel, antidemokratische Haltungen in der Bevölkerung zu erfassen. Dabei wurde primär zwischen demokratischer und autoritärer Orientierung unterschieden. Die Autoren um Theodor W. Adorno stellten fest, dass unabhängig von der Parteizugehörigkeit oder von direkt geäußerten politischen Einstellungen bei den von ihnen Befragten antidemokratische Einstellungen vorhanden sein konnten. So konnten sie sowohl bei Anhängern rechtsextremer Parteien wie auch bei jenen demokratischer Parteien autoritäre Einstellungen nachweisen. Die autoritär Orientierten wurden dabei als auf Stärke und Mächtige fixiert beschrieben, dabei gleichzeitig aggressiv gegenüber Minderheiten und Schwachen. Die Autoren der Studie verstanden auf der Grundlage der psychoanalytischen Persönlichkeitstheorie Autoritarismus als Ausdruck verborgener Züge der individuellen Charakterstruktur, die in der Sozialisation erworben wurden. Zur Erfassung der Probanden entwickelten die Autoren auf Grundlage von Forschungsinterviews einen Fragebogen, die so genannte F-Skala, mit der sie Populationen hinsichtlich der Ausprägung autoritärer Einstellungen beschrieben.[5]

Diese entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen Implikationen und die geringe Differenzierbarkeit zwischen unterschiedlichen antidemokratischen Positionen führten relativ früh zur Kritik an der Studie.[6] Der als Berater an der Studie beteiligte Milton Rokeach setzte aus heutiger Sicht eher auf kognitionstheoretische Erklärungen der antidemokratischen Einstellungen, wenn er den Autoritarismus mit offenen oder geschlossenen Wertesystemen konfrontiert.[7] Wie das Autoritarismuskonzept, so ist auch das Dogmatismuskonzept von Rokeach unabhängig vom politischen Links/Rechts-Schema: Autoritäre oder dogmatische Einstellungen können in jeder Partei oder sozialen Gruppierung angetroffen werden. Die mangelnde Differenzierbarkeit zwischen rechts- und linksextremen Positionen führte in der Forschung teilweise zu einer Abkehr vom Autoritarismus- und vom Dogmatismuskonzept.

Auch wenn in verschiedenen Ansätzen die Sozialisationstheorie in der Tradition der Berkeley-Gruppe noch heute Zustimmung findet[8] und ihr Erklärungsgehalt für rechtsextreme Einstellungen Bestätigung erhält,[9] fokussiert die Forschung nicht mehr auf autoritäre Charakterstrukturen, sondern stärker auf rechtsextreme Einstellungen.[10] Auch ist die Diskussion weniger von sozialpsychologischen als von politik- bzw. sozialwissenschaftlichen Konstrukten geprägt. Als solche Ansätze zur Erklärung des Rechtsextremismus sollen hier jene Modelle bezeichnet werden, die die Ausprägung rechtsextremer Einstellungen von der Zugehörigkeit der Individuen zu bestimmten Gruppen oder Gesellschaftsschichten ableiten.

Ein bedeutender Ansatz sieht im bedrohten sozialen Status den Auslöser für rechtsextreme Einstellungen. Diese auf Richard Hofstadter und Seymour M. Lipset zurückgehende Forschungstradition sieht im Rechtsextremismus eine Reaktion auf drohende oder vollzogene gesellschaftliche Deklassierung:[11] Menschen, die ihren sozialen Status in Gefahr sehen bzw. einen Status einnehmen, der unter einem gewünschten oder erwarteten liegt, neigen eher dazu, rechtsextreme Positionen zu vertreten. Als aktuelle Rezeption dieser Statusmodelle kann etwa die Desintegrationstheorie bezeichnet werden.[12] Der Nachteil dieses Ansatzes besteht in der Tatsache, dass Statusunsicherheit zwar sehr wohl zu einer rechtsextremen Orientierung führen kann, aber eben nicht muss. Damit bleiben notwendige Bedingungen rechtsextremer Orientierung im Dunkeln.

Neben diesen theoretisch orientierten Untersuchungen sind in jüngerer Zeit auch Studien durchgeführt worden, um einzelne Phänomene der rechtsextremen Szene zu erklären, etwa den Geschlechterunterschied sowohl bei rechtsextrem motivierter Gewalt als auch bei rechtsextremer Einstellung.[13] So werden als Datenbasis sowohl mediale Produkte wie Zeitungen, Fernsehsendungen oder das Internet herangezogen,[14] als auch persönliche Zeugnisse wie Briefe, um Rechtsextremismus oder Teilaspekte wie den Antisemitismus zu untersuchen.[15]

Abschließend muss die Heterogenität der empirischen Herangehensweise festgestellt werden. Berücksichtigen wir die sehr unterschiedlichen theoretischen Fassungen und die Heterogenität rechtsextremer Phänomene, so verwundert es nicht, dass die methodischen Zugänge zur empirischen Erfassung ebenfalls sehr unterschiedlich sind. Die oben genannten theoretischen Erklärungsansätze zur Entstehung rechtsextremer Einstellungen und Ideologien haben jeweils eine hohe Plausibilität, weisen jedoch auch spezifische Schwächen auf, die hier nur kurz angedeutet werden konnten. Empirisch lassen sich für die Zugänge in der Regel jeweils auch Anhaltspunkte finden, allerdings scheitert der Bezug der Erklärungsansätze aufeinander auch an der Heterogenität der eingesetzten Instrumente. Die Forschungsinstrumente sind häufig für die jeweilige Studie entworfene und nicht standardisierte Fragebögen. Der Rückbezug der so empirisch gewonnenen Ergebnisse auf andere Studien ist daher zumeist schwierig.

Hinzu kommt die in den empirischen Sozialwissenschaften existierende Trennung zwischen qualitativen (Forschungsinterviews) und quantitativen (Fragebögen) Zugängen; hierin zeigt sich in der Rechtsextremismusforschung die für die sozialwissenschaftliche Forschung immer noch paradigmatische methodologische Zweiteilung. Es verwundert vor diesem Hintergrund nicht, dass auch die Ergebnisse der Rechtsextremismusforschung sehr heterogen sind. So konnte in der bisherigen empirischen Forschung beispielsweise ein Ost/West-Unterschied zwar für einzelne Aspekte der Einstellung isoliert werden, dabei waren die Ergebnisse aber häufig widersprüchlich.[16]


Fußnoten

4.
Th. W. Adorno u.a. (Anm. 2).
5.
Vgl. Oliver Decker, Autoritarismus und Persönlichkeit, in: Texte aus dem Colloquium Psychoanalyse, 5 (1999), S. 115 - 129; Michael Schwandt, Subjektkonstitution und politische Praxis. Die Stellung der Psychoanalyse in der Kritischen Theorie, in: ebd., S. 98 - 114.
6.
Auch das selbst für heutige Verhältnisse hoch differenzierte methodische Instrumentarium wurde früh kontrovers diskutiert: Richard Christie/Marie Jahoda (Hrsg.), Studies in the Scope and Method of the "Authoritarian Personality", Glencoe 1954.
7.
Vgl. Milton Rokeach, The Open and Closed Mind, New York 1960.
8.
Vgl. Detlef Oesterreich, Ein neues Maß zur Messung autoritärer Charaktermerkmale, in: Zeitschrift für Soziologie, 29 (1998), S. 5 - 64; Christel Hopf/Wulf Hopf, Familie - Persönlichkeit - Politik. Grundfragen der politischen Sozialisation, Weinheim 1997.
9.
Vgl. M. Fuchs, Rechtsextremismus von Jugendlichen. Zur Erklärungskraft verschiedener theoretischer Konzepte, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 55 (2003), S. 654 - 678.
10.
Die ebenfalls persönlichkeitstheoretischen Ansätze, die wie Ronald Inglehart (z.B. Kultureller Umbruch: Wertewandel in der westlichen Welt, Frankfurt/M. 1989) mit seinem Materialismus-Postmaterialismus-Konzept die Werteorientierung in das Zentrum der Analyse stellen, können hier nicht weiter ausgeführt werden; vgl. Helmut Klages/Hans-Jürgen Hippler/Willi Herbert (Hrsg.), Werte und Wandel. Ergebnisse und Methoden einer Forschungstradition, Frankfurt/M. 1992. Auch diese Ansätze gehen nicht vom klassischen Links/Rechts-Schema aus, sondern verorten sicherheits- und ordnungsorientierte Einstellungen wie die ihnen entgegengesetzten toleranzorientierten Einstellungen unabhängig von der manifest geäußerten Parteipräferenz.
11.
Vgl. Seymour Martin Lipset, Soziologie der Demokratie, Berlin 1962; Richard Hofstadter, The Pseudo-Conservative Revolt, in: Daniel Bell (Hrsg.), The Radical Right, Garden City 1964, S. 75 - 95.
12.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft, Frankfurt/M. 1994.
13.
Vgl. Birgit Rommelspacher, Das Geschlechterverhältnis im Rechtsextremismus, in: W. Schubarth/ R.Stöss (Hrsg.) (Anm. 3), S. 199 - 219; Antifaschistisches Netzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (Hrsg.), Braune Schwestern - Feministische Analysen der extremen Rechten, Münster 2005; Renate Bitzan, Selbstbilder rechter Frauen. Zwischen Antisexismus und völkischem Denken, Tübingen 2000.
14.
Vgl. Burkhard Schröder, Neonazis und Computernetze. Wie Rechtsradikale neue Kommunikationsformen nutzen, Reinbek 1995; Astrid Lange, Was die Rechten lesen. Fünfzig rechtsextreme Zeitschriften: Ziele - Inhalte - Taktik, München 1993.
15.
Vgl. Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus?, Bonn 2004.
16.
Vgl. für eine Übersicht: Oliver Decker/Elmar Brähler, Antisemitische und autoritäre Einstellungen im vereinten Deutschland, in: Psychosozial, 23 (2000) 2, S. 31 - 38; Oliver Decker/Oskar Niedermayer/Elmar Brähler, Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland, in: Zeitschrift für Psychotraumatologie und Psychologische Medizin, 1 (2003), S. 65 - 77.