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13.10.2005 | Von:
Kurt Lenk

Rechtsextreme "Argumentationsmuster"

Potenziale und Kommunikationsformen

Der gegenwärtige Rechtsextremismus ist in erster Linie keine wählerstatistische Größe; weit wichtiger sind jene diffusen, temporär ansprechbaren Potenziale für die Botschaft von rechtsaußen, vor allem dann, wenn Perioden der "Schönwetter-Demokratie" von "sozialen Verwerfungen" abgelöst werden: Ängste vor Status-Verlust, allgemeine soziale Verunsicherung, beschädigte Sozialmilieus und sonstige Desintegrationserscheinungen im Gefolge ökonomischer Krisen oder politischer Legitimationsdefizite. Rückwärts gewandte rechtsextreme oder populistische Scheinlösungen haben in der Regel dort gewisse Erfolgschancen, wo zentrale Institutionen demokratisch verfasster Gesellschaften ihre Überzeugungskraft eingebüßt haben: etwa Parteien, Parlamente oder Medien. Dass solche Vorgänge nicht bloß ein gesamtdeutsches, sondern ein internationales Problem darstellen, dürfte gerade in letzter Zeit erneut unverkennbar geworden sein: Deutliche Erosionserscheinungen bei der europäischen Integration, akute Schwächesymptome europäischer Regierungen - wie denjenigen Frankreichs, Italiens oder der Bundesrepublik - eröffnen Chancen für gewisse "fundamentalistische" Renationalisierungstendenzen.

Auch hier gilt jene bereits Ende der fünfziger Jahre von Theodor W. Adorno ausgesprochene Warnung: "Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie. Unterwanderung bezeichnet ein Objektives; nur darum machen zwielichtige Figuren ihr come back in Machtpositionen, weil die Verhältnisse sie begünstigen."[5]

Politische und soziale Mythen, nicht logisch nachvollziehbare Argumente sind die typischen Kommunikationsformen in rechtsextremen Diskursen. Sie bilden die Hintergrundfolien für "Argumentationsmuster", wie sie unter anderem als Stereotype etwa zur Person Hitlers, zur deutschen Wehrmacht oder zum Holocaust zirkulieren.[6] Solche Mythen und Symbole sind bereits für sich genommen eine Kampfansage gegen einen als "zersetzend" abgewehrten kritischen Intellekt, weil nur im Medium von Mythen "völkisches Wollen" unmittelbar zur Tat werde. Sie stärkten die kollektive Instinktsicherheit, auf der allein sich Ordnung, Zucht und Stärke gründeten. So gelten Kollektivsubjekte wie "Nation", "Reich" oder "Volksgemeinschaft" als der symbolische Ausdruck eines kollektiven Willens, der einer straffen Führung bedürfe, um sich in einer Welt von Feinden durchzusetzen. Nationale Entscheidungen seien demgemäß nur dann "echt", wenn sie als Ausdruck "nationaler Identität", nicht etwa als Ergebnisse von Kompromissen gefällt würden.

Mit ihrer Symbolik liefert die Sprache selbst einen Zugang zur Mythenwelt des Rechtsextremismus. Deren Metaphorik bewegt sich mit Vorliebe um Topoi wie "Schicksal", "Kampf", "Krieg" oder "Raum". Gemeinsam ist ihnen die Reduktion geschichtlicher Prozesse auf einen eigengesetzlichen Naturprozess, in den die Völker als Kollektivsubjekte unentrinnbar eingebunden seien. Hierin erweist sich die Grundierung des rechtsextremen Weltbildes durch den seit dem 19. Jahrhundert virulenten Sozialdarwinismus. Ihm zufolge beruht das Lebensrecht eines Kollektivs primär auf der Tatsache, dass es sich im ewigen Daseinskampf der Völker zu behaupten vermag. Das Recht zu leben stehe und falle mit der Macht zum Überleben; Schwäche sei faktisch Unrecht. Nur im ehernen survival of the fittest erweise sich die Höher- oder Minderwertigkeit eines Volkes gemäß dem Gesetz der rassisch-biologischen Auslese.

Aus dieser Annahme einer Naturgeschichte ewiger Kämpfe ergeben sich zwei Konsequenzen: Erstens werden den Individuen Eigenrechte nur nach Maßgabe ihrer Integration in ein als homogen gedachtes Volksganzes zugebilligt. Zweitens folgt aus dieser Absolutsetzung einer "völkischen Identität" die Abwehr jeder Form von "Überfremdung", dasie die geforderte Reinheit der Nation, als Bedingung ihrer Überlebenskraft, gefährde.

In der Tat gehört das Begriffsfeld solcher Überfremdungsrhetorik zu den Kernelementen jeder rechtsextrem-ethnozentrischen Propaganda. Sie ist gleichermaßen in antisemitischen Pamphleten seit dem 19. Jahrhundert wie in zahlreichen rechtspopulistischen Bekundungen von heute enthalten.[7] "Überfremdung" soll den vermeintlich drohenden Verlust der ethnischen Identität des eigenen Volkes anzeigen, den der Multikulturalismus mit sich bringe.

Eine weitere Besonderheit rechtsextremer Einstellungen liegt in der Neigung, als positiv gewertete Vergangenheiten zu vergegenwärtigen, sei es durch deren Beschwörungen, sei es als Appell zur "völkischen Erneuerung". Dem liegt ein Zeiterleben zugrunde, das sich als tendenziell wirklichkeitsenthoben kennzeichnen ließe. Denn es gehört zum Spezifikum mythischen Denkens, zeitliches Nacheinander zu negieren, indem man Zeit verräumlicht und verbildlicht, sodass in solcher Optik Geschichte als Abfallbewegung von einem als "rein" gedachten Ursprung erscheint. Das Versprechen einer neuen Ganzheit, die Herstellung einer Volksgemeinschaft und das Streben nach einer "wahren" Gerechtigkeit sind nur verschiedene Aspekte ein- und derselben Sehnsucht nach Harmonie, die sich mit der Losung umschreiben ließe: "Der Ursprung ist das Ziel." In dieses Programm der Wiederherstellung einer verlorenen Einheit fügt sich ein Bestreben nach Revitalisierung von Formen kameradschaftlicher Unmittelbarkeit ein, das heißt: eine radikale Verneinung der in arbeitsteiligen Gesellschaften abstrakt gewordenen sozialen Beziehungen, die bis zur deklarierten Abschaffung von Zins und Börse geht.

Auch der im Rechtsextremismus angelegte aktivistische Impuls entsteht aus der imaginären Inszenierung angeblich heiler Vergangenheiten im Sinne ihrer symbolischen Präsentation. Den fehlenden Bezug zur Gegenwart ersetzt oftmals der Gestus einer männerbündischen Entschlossenheit, Mythen durch die direkte Tat "wahr zu machen". Dieses "Wahrmachen" im Sinne eines "Tatglaubens" gilt primär als eine Frage des kollektiven Willens. Die Rückwendung zum fiktiven Ursprung, zur Reinheit und Einheit des Ganzen kann allerdings nur durch radikale Negation der Geschichte erfolgen, denn diese wird letztlich allein als ein Prozess wachsender Entfernung vom Ursprung und damit als Verfall, sprich "Dekadenz", eingeschätzt, ein Schlüsselbegriff auch heutiger rechtsextremer Manifeste.[8]

Schon in den klassischen Formen faschistischer Entwürfe gehört die Imagination eines "heilen" Ursprungs zum Kernpunkt rechtsextremer Einstellungen. Sie erscheint hier als eine Frage des unbeirrbaren Glaubens an den Sieg der eigenen Sache. Ohne ein solches säkulares Heilsversprechen wäre der Appell von rechtsaußen nicht zu begreifen; erscheint doch die nationale Erhebung als eine Art Rückkehr in die imaginierte Unmittelbarkeit der "Volksgemeinschaft".


Fußnoten

5.
Theodor W. Adorno, Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Eingriffe. Neun kritische Modelle, Frankfurt/M. 1963, S. 126.
6.
Vgl. hierzu Wolfgang Benz (Hrsg.), Legenden Lügen Vorurteile, München 1990, sowie: Markus Tiedemann, "In Auschwitz wurde niemand vergast". 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt, München 2000.
7.
Vgl. hierzu das Stichwort "Überfremdung" in: Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin-New York 1998, S. 615ff.
8.
Die Neigung des Rechtsextremismus zur Gewalt als Lösung politischer und sozialer Konflikte und der daraus entspringende Gewaltkult lässt sich auf das im Dekadenztheorem angelegte Dogma vom Verfall aller Wertordnungen zurückführen. Epochemachend blieb hier nach wie vor der französische Syndikalist Georges Sorel, vgl. ders., Über die Gewalt, Frankfurt/M. 1969.