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13.10.2005 | Von:
Kurt Lenk

Rechtsextreme "Argumentationsmuster"

Kein geschlossenes Weltbild

Im Blick auf die Gemeinsamkeiten rechtsextremer Einstellungen wird mitunter von der Existenz eines "geschlossenen Weltbildes" gesprochen, so, als bedürfe es einer systematischen Schulung, um als Rechtsextremist zu gelten. In Wirklichkeit gab und gibt es eine solche Geschlossenheit nicht. Von einem geschlossenen Weltbild kann höchstens im Sinne von closed mindedness gesprochen werden, was im Kontext angelsächsischer Forschung so viel wie Engstirnigkeit, Voreingenommenheit und Eingleisigkeit eines Denkens bedeutet, das sich mit Immunisierungsstrategien gegen irritierende Erfahrungen verpanzert.

An solcher Unansprechbarkeit für konkrete Erfahrungen erweist sich eine der ideologischen Funktionen rechtsextremer Einstellungen: Stets werden negativ bewertete gesellschaftliche Verhältnisse (etwa Krisenerscheinungen, Arbeitslosigkeit oder Inflationen) personalisierend bestimmten Akteuren oder Akteursgruppen zur Last gelegt, wodurch undurchschaubar erscheinende gesellschaftliche Strukturen sich in die ersehnte Unmittelbarkeit intersubjektiver Beziehungen verwandeln lassen. Man scheidet die komplexe Welt in die klare Eindeutigkeit von Freund und Feind, da, wie es scheint, nur auf diesem Wege Sicherheit zu gewinnen sei. Die dichotomische Scheidung der Welt in Gut und Böse ist seit je ein Kennzeichen erfahrungsresistenter Weltwahrnehmung und deshalb auch Grundlage nicht bloß des Rechtsextremismus, sondern vielfältiger Fundamentalismen. Von solch einem "archimedischen Punkt" her lassen sich allemal "böse Übeltäter" ausmachen, deren gewaltsame Beseitigung dann als Notwehr ausgegeben wird.