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13.10.2005 | Von:
Kurt Lenk

Rechtsextreme "Argumentationsmuster"

Rechtsextreme Wertetafeln

Wiederholt wurde darauf hingewiesen, dass die gegenwärtige Programmatik rechtsextremer Parteien, Bewegungen und Bünde sich hinsichtlich ihres Kerngehalts nur geringfügig von jener des Rechtsextremismus der frühen Bundesrepublik unterscheidet. In der Tat herrscht hier eine erstaunliche Kontinuität. Womöglich ist es eben diesem "Traditionalismus" geschuldet, dass die Wahrnehmungsfilter solcher Haltung weitgehend immun sind gegen widersprechende Erfahrungen.

Nach wie vor sind es die folgenden vier, von der seitherigen Forschung immer wieder konstatierten "Syndrome", denen die Aufmerksamkeit gelten sollte: ein spezifisch halbierter Antimodernismus, der sich jedoch nicht gegen technische, sondern primär gegen kulturelle Phänomene richtet, zum Beispiel als Anti-Intellektualismus; ein Set von Feindbildern, allem voran Liberalismus, Individualismus, Internationalismus und Multikulturalismus; sowie der Sozialdarwinismus in seinen vielfältigen Schattierungen eines Rassismus, bestimmter Elitenideologien und im Konzept des Ethnopluralismus; ferner Aktivismus, Militanz und "Heroismus" als der Boden einer stets virulenten Gewaltbereitschaft.

Vergleicht man die Befunde dreier in der Faschismusforschung bislang wenig beachteter Autoren wie Julien Benda, Friedrich Hacker und Umberto Eco, so ergeben sich abermals deutliche gemeinsame Schnittmengen im Kernbereich der den Rechtsextremismus dominierenden Mentalität und Weltsicht. Vor allem tritt bei den genannten Autoren die Betonung anthropologischer Konstanten (Säkularisate der Erbsünde) sowie die durch vorgängige Feindprojektion im Rahmen einer manichäisch in Gut und Böse gespaltenen Wirklichkeitswahrnehmung hervor.[9]

Eine vergleichende Analyse europäischer Faschismen kann es nicht beim Befund gemeinsamer Schnittmengen belassen. Vielmehr wäre darüber hinaus eine Strukturierung des weltanschaulichen Umfeldes im Blick auf das jeweilige Verhältnis von Theorie und Praxis vonnöten. Denn die faschistischen Konzepte der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und jener der Nachkriegszeit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterscheiden sich gerade im Hinblick auf die Mittel und Wege, mit denen die Veränderung der Gesellschaft und der politischen Systeme betrieben werden soll.

Es empfiehlt sich daher, eine Unterscheidung nach dem jeweils zeitdiagnostisch erhobenen Ist-Zustand und einem davon abgeleiteten normativen Soll-Zustand vorzunehmen. Letztlich zielen alle Varianten darauf, "das Problem der Dekadenz zu lösen durch die radikale Erneuerung der Nation, verstanden als organisches Ganzes".[10]

Gruppiert man die ideologischen Komponenten der rechtsextremistischen Weltanschauung nach den genannten Kriterien, so ergibt sich - auf der Grundlage eines frühen Textes von Benito Mussolini[11] - das folgende Bild:

Theorie (Ist-Zustand): Dekadenzdiagnose; Irrationalität; Verschwörungstheorie; Apokalyptik.

Werthorizont (Soll-Zustand): Ungleichheit zwischen Führer/Masse; Völker/Nationen/Rassen; Hierarchie/Elitismus/Führerprinzip; Männlichkeitskult; Nationalismus; Idealismus; Heroismus.

Praxis (Mittel zur Herstellung des Soll-Zustands): Homogenisierung des Volkes; Dauermobilisierung der Massen; Totaleinsatz/Aktionismus; Traditionskult; Mythen/Symbole/Totenkult; Gewalt als Konfliktlösung und Purgatorium.


Fußnoten

9.
Vgl. Julien Benda, Der Verrat der Intellektuellen, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1983; Friedrich Hacker, Das Faschismus-Syndrom, Düsseldorf-Wien-New York 1990; Umberto Eco, Der immerwährende Faschismus, in: ders., Vier moralische Schriften, München-Wien 1999.
10.
Roger Griffin, Der umstrittene Begriff des Faschismus, in: DISS-Journal 13, Duisburg 2004, S. 11. Vgl. ders., The Nature of fascism, London 1991. Einen informativen Überblick bietet Wolfgang Wippermann, Faschismustheorien, Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, 7., überarb. Aufl., Darmstadt 1997.
11.
Benito Mussolini, Der Geist des Faschismus, hrsg. von Horst Wagenführ, München 1943.