APUZ Dossier Bild

13.10.2005 | Von:
Kurt Lenk

Rechtsextreme "Argumentationsmuster"

Extremismus der Mitte

Wenn unsere These zutrifft, dass rechtsextreme "Argumentationsmuster" weniger als theoretisch begründete und begründbare Aussagen gelten können, so ist auch das Kriterium für deren Weltanschauung nicht so sehr eine Frage der jeweils formulierten Programme, sondern weit eher eine vor- oder metapolitische Angelegenheit, die sich mit Begriffen wie "Einstellung" oder "Mentalität" umschreiben lässt. Die in gesellschaftlichen Krisenzeiten stets latente, frei flottierende Angst vor einem möglichen Chaos tendiert zu einer panikähnlichen Einschränkung des Wahrnehmungsfeldes besonders bei jenen Mittelschichten, die sich von "Plutokratien" und anonymen bürokratischen Mächten sowie vom Aufkommen proletarischer Massen gleichermaßen in ihrer Existenz bedroht fühlen. Diese "Mitte" ist daher auf Dauer kaum davor gefeit, zum Adressaten propagandistischer Agitation zu werden.

Der Griff zu hilfreich dargebotenen "Erklärungen" undurchschauter gesellschaftlicher Prozesse kann zu einem "Extremismus der Mitte" führen, den der amerikanische Soziologe Seymour Martin Lipset schon in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts diagnostizierte.[12] Diffuse kollektive Ängste sich bedroht fühlender Sozialschichten lassen sich erst recht unter den Bedingungen der heutigen Mediengesellschaft politisch instrumentalisieren. Ein gewisses Potenzial für rechtsextremistische Strömungen liegt grundsätzlich in allen Gesellschaften mit hoher sozialer Dynamik bereit. Allerdings ist der je aktualisierbare Grad der Mobilisierungschancen in den jeweiligen Perioden und Regionen unterschiedlich. Krisensituationen jeglicher Art, ob real oder bloß empfunden, bilden häufig das auslösende Moment zur Mobilisierung politisch vormals apathischer Sozialschichten.

Zwischen der von außen beobachtbaren Stärke der Krisensymptome und den numerisch sich bei Wahlen niederschlagenden rechtsextremen Optionen besteht keinerlei Automatismus. So lässt sich denn auch deren Mobilisierungschance statistisch nur schwer ermitteln, bieten doch selbst Wahlergebnisse - als bloße Momentaufnahmen - für sich genommen noch keinen sicheren Anhaltspunkt für die Streuungsbreite und Intensität rechtsextremer Einstellungsmuster.






















Fußnoten

12.
"Der klassische Faschismus hat seine soziale Grundlage anscheinend in der stets vorhandenen Empfindlichkeit eines Teils des Mittelstandes - insbesondere der kleinen Geschäftsleute und Bauern - gegenüber Großbourgeoisie und machtvollen Arbeiterbewegungen." Seymour Martin Lipset, Soziologie der Demokratie, Neuwied 1962, S. 63; vgl. ebd. die eingehende Analyse Lipsets in Kap. V: "Faschismus" - rechts, links und in der Mitte, S. 131 - 189. Auch nach Umberto Eco "gehörte zu den typischen Merkmalen des historischen Faschismus der Appell an eine frustrierte Mittelklasse (...), die unter einer ökonomischen Krise oder Empfindung politischer Demütigung litt und sich vor dem Druck sozialer Gruppen von unten fürchtete"; ders., Urfaschismus, in: Die Zeit vom 7.7. 1995. Im Blick auf die Anfänge der NS-Bewegung weist M. Rainer Lepsius auf ein analoges Phänomen hin: "Von einer sektenartigen Rechtspartei wandelte sich der Nationalsozialismus zu einer Partei der radikalisierten Mitte. Seine Wählerschaft entstammte denselben Bevölkerungskreisen, die früher die bürgerlich-liberalen Parteien gewählt hatten: in erster Linie also den Angehörigen des sogenannten alten Mittelstandes, den selbständigen Gewerbetreibenden und Bauern sowie den Angestellten des neuen Mittelstandes. Hinzu kamen noch große Gruppen von politisch nicht integrierten Jung- und Nichtwählern, Arbeitslosen sowie, insbesondere im Kader der Partei, seit dem Kriegsende sozial vagabundierende Marginalexistenzen." Ders., Extremer Nationalismus, Strukturbedingungen vor der nationalsozialistischen Machtergreifung, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1966, S. 8.