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13.10.2005 | Von:
Werner Bergmann

Antisemitismus im Rechtsextremismus

Wenn es auch keinen inhaltlich "neuen Antisemitismus" auf der extremen Rechten gibt, so haben doch ideologische Schnittmengen mit der extremen Linken und radikalen Islamisten eine neue Situation geschaffen.

Einleitung

Rechtsextremismus ist der Sammelbegriff für ein ideologisches Weltbild, das verschiedene, eng miteinander verknüpfte Dimensionen besitzt, zu denen die Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur (Führerprinzip), Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und die Verharmlosung des Nationalsozialismus zählen.[1]




Auch wenn man die Fixierung der Forschung auf nationalsozialistische Ideologieelemente, vor allem auf einen biologischen Rassismus mit seinen Überlegenheits- bzw. Minderwertigkeitsvorstellungen, als überholt kritisiert und statt dessen ein ethnopluralistisches Denken als typisch für den modernen europäischen Rechtsextremismus ansieht, der Differenzen kulturalistisch und relativistisch bestimmt,[2] bleibt Antisemitismus zumindest in Deutschland ein für ihn konstitutives Merkmal. Für den Rechtsextremismus stellt die ethnische Homogenität des eigenen Volkes zur Sicherung kultureller, rassischer und nationaler Identität den höchsten Wert dar.

Das rechtsextreme Lager sieht drei zentrale Bedrohungen, gegen die es sich zur Wehr setzt.[3]

Erstens: Die nationale Identität wird durch die pluralistische Demokratie und ein westliches Werteverständnis gefährdet, die den Deutschen nicht adäquat und nach 1945 von "Angloamerikanern" und Juden mittels "Umerziehung" oktroyiert worden seien. Gegen diese "geistige Knechtschaft durch das Besatzungsregime" in "Koalition mit der Holocaust-Industrie", die sich unter anderem solcher Mittel wie Globalisierung und EU-Erweiterung bedienen, setzt sich das rechtsextreme Lager unter dem Etikett der "nationalen Selbstbehauptung" zur Wehr.[4] Der geringe Erfolg verlangt nach einer Erklärung, die verschwörungstheoretisch geliefert wird: Mächtige Gruppen im Hintergrund üben Druck auf die Eliten aus, manipulieren die öffentliche Meinung ("Kartellmedien") und entmündigen das Volk durch Konsumversprechen.[5]

Zweitens: Zuwanderung und ethnische Minderheiten gelten als Bedrohung der ethnischen Homogenität. Antisemitismus kommt hier in doppelter Weise ins Spiel: Juden werden als "fremdvölkische Minderheit" abgelehnt, und man sieht die Einwanderung der vergangenen Jahrzehnte und die multikulturelle Gesellschaft als ein von "Hintergrundkräften" gesteuertes Vorhaben zur Schwächung der ethnischen Substanz Deutschlands.[6] Juden werden nicht nur als Fremde betrachtet, sondern gelten, wie schon für die Nationalsozialisten, geradezu als "Anti-Volk" und als "unser ewiger Feind", dessen "Händlergeist" und "nomadische Lebensweise" sich mit dem "Deutschtum" nicht vertrage.

Drittens: Als Bedrohung wird auch die kritische Aufarbeitung der Geschichte des "Dritten Reiches" gesehen, da sie einem positiven Selbstbild der Deutschen entgegensteht und die NS-Ideologie entwertet, von der sich rechtsextreme Gruppierungen nur partiell verabschiedet haben und mit der sie von außen identifiziert werden. Dabei stellt der Holocaust das größte Problem dar, dem man einerseits durch Verschweigen, Relativieren, Leugnen, andererseits mit antisemitischen Umdeutungen, indem man die Opfer nachträglich zu Schuldigen und die Überlebenden zu Profiteuren des Holocaust-Gedenkens macht, seine historische Bedeutung zu nehmen sucht.

Antisemitismus steht im rechtsextremen Diskurs also in verschiedenen Kontexten und fungiert - anders als Ausländerfeindlichkeit - als Theorie zur Erklärung (fast) aller das nationale Kollektiv schädigenden Phänomene in Gegenwart und Vergangenheit. Antisemitische Annahmen werden einerseits - neuerdings wieder vermehrt - zur Deutung aktueller Erscheinungen (Globalisierung, Irak-Krieg, Terrorismus, Nahostkonflikt) herangezogen, doch haben sie im Rechtsextremismus immer auch eine vergangenheitsbezogene Stoßrichtung, da die Schuld der Deutschen am Holocaust wie auch die Kränkung durch die Niederlage im Zweiten Weltkrieg durch Projektion auf "die Juden" abgewehrt werden müssen.

Insofern bilden antisemitische Erklärungsmuster einen integralen Bestandteil rechtsextremer Geschichtsdeutung. Im Kampf gegen herrschende Geschichtsbilder reagiert die rechtsabweichende, sich als nonkonformistisch begreifende Subkultur auch auf den "Normalismus" der Mehrheitsgesellschaft, in der antisemitische Äußerungen ein zentrales Tabu darstellen.[7] Dies macht die Angriffe auf Juden und die "Vergangenheitsbewältigung" so attraktiv, denn der rechtsextreme Code funktioniert als Negation des Mehrheitsdiskurses, indem er dessen (zum Teil strafbewehrte) Normen durchbricht:[8] Der "verordnete" Philosemitismus wird in einem teilweise rabiaten Antisemitismus negiert und dabei oft ins Lächerliche gezogen.

Antisemitische Positionen werden im gesamten rechtsextremen Spektrum vertreten und haben eine Integrationsfunktion. Dennoch gibt es Unterschiede, sowohl was die Zentralität dieses Ideologieelements als auch was die Offenheit seines Auftretens betrifft.


Fußnoten

1.
Vgl. Oskar Niedermayer/Richard Stöss, Rechtsextreme Einstellungen in Berlin und Brandenburg, Berlin 2005, S. 3.
2.
Vgl. Mathias Brodkorb, Rechtsextremismus im postmodernen Umfeld. Für eine Metatheorie des Rassismus, in: Berliner Debatte Initial, 16 (2005) 3, S. 59 - 69.
3.
Vgl. Werner Bergmann/Rainer Erb, Rechtsextremismus und Antisemitismus, in: Rechtsextremismus. Ergebnisse und Perspektiven der Forschung, Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 27, (1996), S. 330 - 343. Exemplarisch dafür die Website des Berlin-Briefes (9. 3. 2004): "Wir wollen unser Deutschtum erhalten und wehren uns energisch gegen jede weitere Dominanz jüdischer Ideen, Fremdkulturen und Umerziehung. Deutschland muß wieder frei werden, aber nicht mit dem Judentum. Deutsche Menschen sind weder Leibeigene der Bonner Proselyten noch sind sie Untertanen des Judentums." Zit. nach Senatsverwaltung für Inneres, Abt. Verfassungsschutz, Antisemitismus im extremistischen Spektrum Berlins, Berlin 2004, S. 37.
4.
Vgl. Deutsche Stimme, (2004) 8, S. 6; dort wird "BRD" mit "Besatzungs-Republik-Deutschland" übersetzt.
5.
Auf dem NPD-Parteitag 2004 in Leinefelde (Thüringen) wurde auf einem Plakat das ZDF als "Zionistische Desinformations-Fabrik" bezeichnet.
6.
So wird z.B. Michel Friedman vorgeworfen, er verfolge die "Strategie, das ethnisch-kulturelle Immunsystem des deutschen Gastgebervolkes zu schwächen", vgl. Deutsche Stimme, (2002) 7.
7.
Vgl. zu diesem Ansatz: Manfred Lauermann, Der Rechtsradikalismus - eine Form "krimineller Subkultur"?, in: Berliner Debatte Initial, 16 (2005) 3, S. 46 - 58.
8.
Im vom "Deutschen Rechtsbüro" herausgegebenen Band "Mäxchen Treuherz und die juristischen Fußangeln. Rechtsratgeber für den politischen Aktivisten zur Verwirklichung von Grundrechten und Rechtsstaatlichkeit", Oberboihingen o. J., finden sich zahlreiche Hinweise darauf, was man über Juden Negatives straflos äußern darf und was nicht.