APUZ Dossier Bild

13.10.2005 | Von:
Britta Schellenberg

Rechtsextremismus und Medien

Durch die Auseinandersetzung mit den Strukturen des öffentlichen Diskurses sowie mit Problemen, die in den Medien selbst liegen, wird ein verbesserter Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus möglich.

Einleitung

Der politische Diskurs zum Thema Rechtsextremismus, die öffentliche und private Einschätzung des Gefahrenpotenzials und schließlich der Umgang mit dem Rechtsextremismus werden maßgeblich durch die Medien geprägt. Gleichzeitig können Themensetzung und -gestaltung nicht unabhängig von öffentlichen und politischen Diskursen verstanden werden. Medienmacher kommen nicht umhin - als Rezipienten und in der Gestaltung von Beiträgen, die sich an Personen in einem spezifisch gesellschaftlichen Umfeld richten - Meinungen und Bilder vom Rechtsextremismus aufzugreifen und zu vermitteln. Die Frage, inwieweit die Medien dem Phänomen Rechtsextremismus gerecht werden, ist daher auch eine gesellschaftliche Frage.






Eine Analyse der Berichterstattung über Rechtsextremismus schließt nicht nur den Blick auf die Qualität der journalistischen Arbeit ein, die sich im Spannungsfeld zwischen Chronistenpflicht und Aufklärung bewegt. Es ist auch zu fragen, wie verschiedene Rezipientengruppen bestimmte Sendungen wahrnehmen und verarbeiten. Neben den Wirkungen einzelner Sendungen ist - mit einem breiteren Blick auf die Entwicklungen in der Berichterstattung über mehrere Jahre hinweg - zu untersuchen, wie präzise die Medien die Ereignislage zum Rechtsextremismus und dessen aktuellen Charakter (etwa Anzahl und Schwere der Gewalttaten oder Verbreitung rechtsextremer Einstellungsmuster) abbilden und inwiefern es ihnen gelingt, ein adäquates Bild des Gefahrenpotenzials zu zeichnen. Ist die Darstellung oder Konstruktion des Rechtsextremismus in den Medien realitätsgetreu? Inwieweit wird das Thema durch die Intensität und die Inhalte der Berichterstattung dramatisiert oder verharmlost? Wird Rechtsextremismus als mediengerechtes Phänomen gestaltet, und kann das Phänomen als Medienstory eine Eigendynamik entwickeln? Wie kann das verhindert werden?[1]

Nach diesen unterschiedlichen Blicken auf das Thema Rechtsextremismus in den Medien ist in einem zweiten Schritt abzuwägen, wie die Berichterstattung gestaltet sein muss, damit sie ein realitätsnahes Bild des Rechtsextremismus bietet und sowohl die Ereignislage nachzeichnet als auch für verschiedene Rezipientengruppen aufklärende Wirkung entfaltet.

Die Herausforderungen einer kompetenten Berichterstattung über Rechtsextremismus bedeuten eine schwierige Gratwanderung für die Verantwortlichen: Journalisten befinden sich in einem vielfältigen Dilemma, zwischen Chronistenpflicht und möglicher kontraproduktiver Wirkung, zwischen politischer Positionierung (oftmals der persönliche Anspruch, die eigene Abneigung gegen Rechtsextremismus auszudrücken), Aufklärerrolle und Zuschauerzahlen. Es wird auf der einen Seite Distanz zum Gegenstand des Berichts verlangt, zum anderen kann ein Beitrag zum Rechtsextremismus nicht ohne eine eigene Positionierung auskommen. Zu dieser problematischen Ausgangsposition gehört auch, dass der Journalist auf allgemeine medienspezifische Rahmenbedingungen Rücksicht nehmen muss: So ist in den vergangenen Jahren ein Rückgang der politischen Berichterstattung zugunsten einer zunehmenden Orientierung an Personen, Emotionen, Unterhaltung sowie "starken" Bildern ("Emotainment") festzustellen. Zudem werden die Nachrichtenfaktoren Negativismus, Konflikthaftigkeit, Kontroverse, Aggression und Schaden von Zuschauern bevorzugt aufgenommen.[2] Auch hier müssen Journalisten eine Gratwanderung zwischen Rücksichtnahme auf eben diese Rahmenbedingungen und einer realitätsgetreuen und sachgerechten Darstellung vollziehen.


Fußnoten

1.
Vgl. Katharina Kleinen-von Königslöw/Bertram Scheufele/Frank Esser, Gewalt- und Berichterstattungswellen als Resonanzeffekte von "Düsseldorf" und "Sebnitz", in: Frank Esser/Bertram Scheufele/Hans-Bernd Brosius (Hrsg.), Fremdenfeindlichkeit als Medienthema und Medienwirkung, Wiesbaden 2002, S. 95 - 142.
2.
Vgl. Christiane Eilders, Nachrichtenfaktoren und Rezeption. Eine empirische Analyse zur Auswahl und Verarbeitung politischer Information, Opladen 1997, S. 68.