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12.9.2005 | Von:
Stephan Martens

Die Zukunft der transatlantischen Beziehungen

Einleitung

Die tief greifenden Veränderungen in der internationalen Politik wirken sich selbstverständlich auch auf die transatlantischen Beziehungen aus. Seit dem Fall des "Eisernen Vorhangs" im Jahre 1989 haben sich die geostrategischen Rahmenbedingungen, das Verhältnis der Europäer untereinander wie auch ihre Beziehungen zu den USA verändert. Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Wegfall eines gemeinsamen Feindes verschwindet zugleich für Amerika sein Enthusiasmus, die europäische Integration zu unterstützen. Denn heute sind die USA längst nicht mehr so sehr auf Europa angewiesen wie seinerzeit, als der alte Kontinent Schauplatz ihrer Konfrontation mit der Sowjetunion war. Es ist allerdings jenseits des Atlantiks ganz offensichtlich, dass die Bewältigung der strategischen und wirtschaftlichen Herausforderungen eine starke euro-atlantische Zusammenarbeit voraussetzt, insbesondere im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Die "transatlantische Zivilisation" (Gerhard Schröder) wird von denselben Gefahren bedroht. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 hat der islamistische Terrorismus am 11. März 2004 in Madrid und am 7. Juli 2005 in London gezeigt, dass auch Europa jederzeit das Ziel von Terroranschlägen werden kann.






Statt Bipolarität gibt es heute eine komplexe Realität. Die transatlantischen Beziehungen werden sich dieser weltpolitischen Realität anpassen müssen. Auch die stärkere EU wird einen unabhängigeren Weg einschlagen. Der German Marshall Fund befragte jüngst in einer Untersuchung 11 000 Amerikaner und Europäer über ihre Vorstellungen zu den zukünftigen transatlantischen Beziehungen. Die Tendenz war eindeutig: Die Europäer wünschen mehr Unabhängigkeit von Amerika, 71 Prozent befürworten die Entwicklung der EU zu einer ebenbürtigen "Supermacht". Diese Befürwortung sinkt allerdings um 50 Prozent, wenn damit eine Erhöhung der Verteidigungskosten verbunden wäre. Der Irakkrieg und die aus ihm erwachsenen Zerwürfnisse in den transatlantischen Beziehungen haben eine ohnehin auseinander driftende Entwicklung zwischen Amerika und Europa nur noch verstärkt und beschleunigt.[1] Um eine realpolitisch bestimmte Beziehung zu gestalten, müssen die Europäer dies allerdings auch wollen.


Fußnoten

1.
Vgl. The German Marshall Fund of the United States, Transatlantic Trends 2004 Partner: www. transatlantictrends.org (21.6. 2005).