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5.9.2005 | Von:
Rudolf Tippelt
Aiga von Hippel

Weiterbildung: Chancenausgleich und soziale Heterogenität

Soziale Ungleichheit ist auch in der Weiterbildung ein wichtiges Thema. Welche Wege führen – trotz auch gegenläufiger Tendenzen – zu mehr Chancengerechtigkeit im vierten Bildungssektor?

Einleitung

Soziale Ungleichheit beschränkt sich nicht nur auf den Bereich der Schule,[1] sie ist auch in der Weiterbildung ein wichtiges Thema. Wie zeigt sich soziale Heterogenität in der Weiterbildung und welche Wege - trotz auch gegenläufiger Tendenzen - führen zu mehr Chancengerechtigkeit im vierten Bildungssektor?


Unter sozialer Ungleichheit werden die unterschiedlichen Teilhabemöglichkeiten von Personen(gruppen) an gesellschaftlichen Ressourcen (z.B. Einkommen, Bildung) verstanden. Der Begriff der sozialen Heterogenität betont neben der hierarchisch vertikalen Struktur einer Gesellschaft auch die horizontale Differenzierung in soziale Gruppen und Milieus. Eine Dimension sozialer Heterogenität ist (Weiter)bildung. Bildungschancen sind herkunftsbedingt in der Gesellschaft ungleich verteilt. Gleichheit der Bildungschancen bestünde dann, wenn soziodemographische und soziokulturelle Merkmale keinen limitierenden Einfluss auf Bildungsbeteiligung und Bildungsergebnisse hätten.[2]




Der Zusammenhang zwischen benachteiligenden Faktoren und (Weiter-)Bildungsbeteiligung ist zwar über die Jahre hinweg nicht stärker geworden, hat aber heute gravierendere Folgen für Individuen und Gesellschaft.[3] So werden etwa die Beschäftigungsmöglichkeiten für Un- und Angelernte - die auch stark unterdurchschnittlich an Weiterbildung teilnehmen - weiter zurückgehen.[4] Weiterbildung ist für die individuelle Kompetenz, ökonomische Innovation, soziale Integration und politische Partizipation wichtig. Um Chancengleichheit herzustellen, ist die Förderung des lebenslangen Lernens benachteiligter Personengruppen nicht nur eine moralische, die Chancengerechtigkeit betreffende, sondern auch eine wirtschaftliche Frage.[5]

Allerdings wurden die Erwartungen an die Weiterbildung, kompensierend und sozial integrierend zu wirken, eher enttäuscht. Wie die bildungssoziologische Adressaten- und Teilnehmerforschung[6] zeigt, verstärkt Weiterbildung soziale Selektivität zum Teil sogar, da die Erst(aus)bildung - die wiederum mit der sozialen Herkunft zusammenhängt - einen starken Einfluss auf die Weiterbildungsbeteiligung hat.[7] Benachteiligungsprozesse sind somit kumulativ.


Fußnoten

1.
Vgl. Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2003. Der Bildungsstand der Jugendlichen in Deutschland, Münster 2004.
2.
Vgl. Stefan Hradil, Soziale Ungleichheit in Deutschland, Opladen 1999, S. 27.
3.
Vgl. Arbeitsstab Forum Bildung (Hrsg.), Empfehlungen und Einzelergebnisse des Forum Bildung, Bonn 2000, S. 61.
4.
Vgl. ebd., S. 31.
5.
Vgl. Michael Vester, Die sozialen Milieus und die gebremste Bildungsexpansion, in: Report, 27 (2004) 1, S. 15 - 37.
6.
Adressaten sind aktuell und potenziell Teilnehmende an Weiterbildung.
7.
Vgl. OECD (Hrsg.), Bildung auf einen Blick. OECD-Indikatoren 2002, Paris 2002, S. 277.