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5.9.2005 | Von:
Rudolf Tippelt
Aiga von Hippel

Weiterbildung: Chancenausgleich und soziale Heterogenität

Weiterbildungsbeteiligung

Die Betrachtung der Weiterbildungsquoten unterschiedlicher sozialer Gruppen kann Hinweise auf Heterogenität in der Bildung erbringen. Damit ist nicht nur die Teilnahme an formaler Weiterbildung in anerkannten Weiterbildungsinstitutionen (oftmals mit Zertifikaten) gemeint, sondern auch die Nutzung informeller Weiterbildung, die beispielsweise das selbst gesteuerte Lernen am Computer oder das Lesen von Fachbüchern umfasst. Formale und informelle Formen der Weiterbildung sind zentrale Bestandteile des Konzepts des lebenslangen Lernens. Im Folgenden werden zunächst die Teilnahmequoten anWeiterbildung und die soziodemographischen Einflussfaktoren dargestellt. Danach wird das Weiterbildungsverhalten aus Sicht der sozialen Milieuforschung analysiert.

Die positive Einstellung der Bevölkerung gegenüber Weiterbildung steht im Gegensatz zu den tatsächlichen Weiterbildungsquoten, die sehr viel geringer ausfallen. Während 94 Prozent der Deutschen der Meinung sind, dass jeder bereit sein sollte, sich ständig weiterzubilden, haben weniger als die Hälfte, nämlich 41 Prozent der 19- bis 64-Jährigen auch tatsächlich formalisierte Angebote zur allgemeinen und/oder beruflichen Weiterbildung genutzt.[17] Deutschland liegt damit international im Mittelfeld; in Dänemark, Finnland und Schweden sind die Teilnahmequoten höher.[18] Die Weiterbildungsbeteiligung wies in den letzten zwei Jahrzehnten eine starke Expansion auf, in den letzten Jahren ist jedoch ein leichter Rückgang zu verzeichnen.[19] 26 Prozent der Deutschen haben sich im Jahr 2003 an allgemeiner Weiterbildung[20] beteiligt, die Teilnahmequote für beruflicheWeiterbildung lag ebenfalls bei 26 Prozent.[21]

Die Beteiligung an informellem beruflichen Lernen liegt über der an formalisierter beruflicher Weiterbildung; so haben sich 61 Prozent der Erwerbstätigen im Jahr 2003 an einer oder mehreren Formen des informellen beruflichen Kenntniserwerbs beteiligt.[22] Die Reichweite der informellen beruflichen Weiterbildung ist zwar größer als die der formal organisierten, die gruppenspezifischen Unterschiede in der Weiterbildungsbeteiligung ähneln einander jedoch bei beiden Formen des Kenntniserwerbs.[23] Die bildungspolitische Forderung, benachteiligte Gruppen beim informellen Lernen zu unterstützen, ist somit schwer einzulösen. Gerade diejenigen, die informelles Lernen produktiv nutzen, weisen auch hohe Bildungsabschlüsse und hohe Teilnahmequoten in der formal organisierten Weiterbildung auf. Es öffnet sich hier also eine doppelte Weiterbildungsschere.[24] Man kann diese in Beziehung zur Bildungsexpansion und zur Hypothese der wachsenden Wissenskluft (knowledge gap)[25] setzen.

Die Bildungsexpansion hat zwar insgesamt zu einer Anhebung der Bildungsabschlüsse der Bevölkerung geführt, aber Gruppen mit höherem sozioökonomischen Status haben stärker davon profitiert.[26] Michael Vester geht davon aus, dass die Bildungsexpansion nicht zu einer vertikalen Mobilität über Schichtgrenzen hinweg, sondern vielmehr zu einer horizontalen Differenzierung innerhalb einer Schicht geführt hat.[27] Die Hypothese der wachsenden Wissenskluft besagt, dass Personen mit höherem sozioökonomischen Status einen größeren Nutzen aus medialen Informations- und Wissensangeboten - die man auch der informellen Form der Weiterbildung zurechnen kann - ziehen. Die Schere geht auf, das heißt, die Unterschiede zwischen sozialen Gruppen werden im Zeitverlauf auch durch die (Nicht-)Teilnahme an formaler und informeller Weiterbildung eher größer als kleiner (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).


Fußnoten

17.
Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (Hrsg.), Berichtssystem Weiterbildung IX - Ergebnisse der Repräsentativbefragung zur Weiterbildungssituation in Deutschland, Berlin 2005, S. 92.
18.
Vgl. OECD (Anm. 7), S. 278.
19.
Vgl. BMBF (Anm. 17), S. 13.
20.
Zur allgemeinen Weiterbildung zählen z.B. Kurse zu Themen wie Gesundheit, Kultur, Sprachen.
21.
Vgl. BMBF (Anm. 17), S. 21.
22.
Vgl. ebd., S. 53.
23.
Vgl. ebd., S. 57.
24.
Vgl. Rudolf Tippelt/Meike Weiland/Sylva Panyr/Heiner Barz, Weiterbildung, Lebensstil und soziale Lage in einer Metropole: Studie zu Weiterbildungsverhalten und -interessen der Münchener Bevölkerung, Bielefeld 2003, S. 152f.
25.
Vgl. Peter Winterhoff-Spurk, Auf dem Weg in die mediale Klassengesellschaft? Psychologische Beiträge zur Wissenskluft-Forschung, in: medien praktisch, (1999) 3, S. 17 - 22.
26.
Vgl. M. Vester (Anm. 5), S. 15.
27.
Vgl. ebd., S. 25.