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5.9.2005 | Von:
Rudolf Tippelt
Aiga von Hippel

Weiterbildung: Chancenausgleich und soziale Heterogenität

Soziale Milieus und Weiterbildung

Die sozial differenzierende Bildungsforschung fragt nach dem Zusammenhang von sozialer Lage und Weiterbildungsverhalten und -einstellungen. Anschließend an die wegweisende Göttingen- und Oldenburg-Studie, untersuchte die Freiburg- und München-Studie[34] u.a. das Weiterbildungsverhalten der sozialen Milieus in diesen beiden Städten. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Studie "Soziale Milieus und Weiterbildung" bildet die gesamtdeutsche Nachfrageseite in der Erwachsenenbildung ab.[35] Mittels einer methodischen Kombination einer Repräsentativbefragung mit 3 008 computergestützten Telefoninterviews (in Kooperation mit Infratest), 160 qualitativen Interviews und 16 Gruppendiskussionen wurden das Weiterbildungsverhalten, die Weiterbildungsinteressen, -einstellungen, -motive und -barrieren der 18- bis 75-jährigen Bevölkerung untersucht.

Die oben genannten soziodemographischen Einflussfaktoren wurden zwar bestätigt, es zeigen sich aber auch Unterschiede im Milieuvergleich. Das Milieu der Modernen Performer - als junge, unkonventionelle Leistungselite - weist mit 67 Prozent die höchste Beteiligung an beruflicher Weiterbildung auf, während die traditionellen Milieus der Konservativen, Traditionsverwurzelten und DDR-Nostalgischen eine unterdurchschnittliche Weiterbildungsbeteiligung von 45 Prozent bzw. 46 Prozent zeigen.[36] Die Teilnahmequote von Angehörigen des Unterschichtmilieus der Konsum-Materialisten liegt mit 61 Prozent vergleichsweise hoch. Diese für ein eher bildungsfernes Milieu erstaunlich starke Beteiligung an beruflicher Weiterbildung lässt sich zumeist auf "erzwungene Maßnahmen", deren Besuch den weiteren Bezug von finanziellen Zuwendungen garantiert, zurückführen.

Die Teilnahmequote an allgemeiner Weiterbildung liegt bei 41 Prozent. Hier sind es die Modernen Performer, Experimentalisten und Postmateriellen, die eine überdurchschnittliche Beteiligung, und die Konservativen, Traditionsverwurzelten und DDR-Nostalgischen, die eine unterdurchschnittliche Beteiligung aufweisen.[37]

Neben der Analyse unterschiedlicher Teilnahmequoten lassen sich mit der Differenzierung nach sozialen Milieus auch unterschiedliche Anbieterpräferenzen, typische Weiterbildungsinteressen und -barrieren sowie Anforderungen an das Bildungsmarketing beschreiben. Dabei stehen Bildungsvorstellungen, Bildungserfahrungen und -erinnerungen in engem Zusammenhang mit Weiterbildungseinstellungen und dem konkreten Weiterbildungsverhalten.[38] Positive Bildungserfahrungen in der Kindheit und Jugend führen zu großer Aufgeschlossenheit gegenüber den verschiedenen Formen lebenslangen Lernens.

Um exemplarisch Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Milieus darzustellen, werden nun die vier modernen Milieus Postmaterielle und Moderne Performer (zwei Milieus der Oberen Mittelschicht/Oberschicht) sowie Konsum-Materialisten und Hedonisten (zwei Milieus der Unteren Mittelschicht/Unterschicht) beschrieben und kontrastiert.

Postmaterielle

Die soziale Lage der Postmateriellen zeichnet sich durch gehobene Einkommen und höchste Bildungsabschlüsse aus. Ihre Grundorientierung ist von postmateriellen Werten geprägt. Sie nehmen durchschnittlich an beruflicher und überdurchschnittlich an allgemeiner Weiterbildung teil. Das lebenslange Lernen, auch in informeller Form, integrieren sie selbstverständlich in ihr Alltagsleben, so zeigen sie sich beispielsweise überdurchschnittlich interessiert am selbstgesteuerten Lernen mit Medien.[39] Auch ihre private, hoch selektive Mediennutzung weist Anteile informellen Lernens auf. Information und Meinungsbildung haben bei ihnen einen höheren Stellenwert als Unterhaltung.[40] Ihr Fernsehkonsum ist unterdurchschnittlich; sie haben eine Vorliebe für Informations- und Reportagesendungen.[41] Mehr als die Hälfte der Postmateriellen nutzt das Internet, im Vergleich zu knapp 30 Prozent im Bevölkerungsdurchschnitt.[42] Das autodidaktische Lernen wird des Öfteren dem Besuch eines Kurses vorgezogen und stellt in dieser Hinsicht eine Weiterbildungsbarriere dar. Auch konkurriert Weiterbildung bei den Postmateriellen mit Familie, Beruf und aktiver Freizeitgestaltung.[43]

Moderne Performer

Die soziale Lage der Modernen Performer zeichnet sich ebenfalls durch gehobene Einkommen und hohe Bildungsabschlüsse aus. Ihre Grundorientierung ist geprägt von Leistungsstreben und Elitebewusstsein. Die Modernen Performer nehmen überdurchschnittlich oft an allgemeiner und beruflicher Weiterbildung teil. Ebenso wie die Postmateriellen integrieren sie das informelle Lernen selbstverständlich in Alltag und Beruf - was sie gegenüber formal organisierter Weiterbildung bisweilen skeptisch werden lässt. Im Milieuvergleich zeigen sie auch das höchste Interesse am Lernen mit (neuen) Medien. Sie nutzen Medien in universeller Weise sowohl zur Weiterbildung als auch um sich zu unterhalten. Ihr Fernsehkonsum ist eher unterdurchschnittlich, allerdings haben sie eine Vorliebe für Unterhaltungssendungen. Fast zwei Drittel der Modernen Performer nutzen das Internet, womit dieses Milieu eine Spitzenposition einnimmt. Als Weiterbildungsbarriere in diesem Milieu erweisen sich Distinktionsansprüche in Form von Distanz gegenüber einer herkömmlichen Teilnehmerschaft und Skepsis gegenüber der Kompetenz der Dozenten.

Der Vergleich der beiden Milieus der Postmateriellen und der Modernen Performer zeigt, dass sich Milieus bei gleicher oder ähnlicher sozialer Lage in ihrer Grundorientierung, im informellen Lernen und in ihren Weiterbildungsbarrieren deutlich unterscheiden.

Konsum-Materialisten

Die soziale Lage der Konsum-Materialisten ist geprägt durch niedrige oder fehlende Einkommen und Bildungsabschlüsse sowie vielfältige soziale Problemlagen. Ihre Grundorientierung zeichnet sich aus durch das Bestreben, mit der breiten Masse mitzuhalten - unter anderem über Konsum. Bei ihnen kommen vielfältige Weiterbildungsbarrieren zum Tragen. Durch meist negative Schulerfahrungen haben sie hohe Schwellenängste. Lernen stellt für sie eine zusätzliche Belastung zum problematischen Alltag dar, das nur aufgenommen wird, wenn ein deutlicher Nutzen für sie ersichtlich ist. Auch ihre finanziellen Möglichkeiten und beruflichen Rahmenbedingungen (wie z.B. Schichtarbeit) stehen einer Weiterbildungsbeteiligung eher entgegen.[44]

Am selbst gesteuerten Lernen mit Medien zeigen sie im Milieuvergleich ein unterdurchschnittliches Interesse. Im Fokus ihrer Mediennutzung stehen Unterhaltung und Ablenkung, der Informationsaspekt ist sekundär. Das Fernsehen nutzen sie über-, das Internet unterdurchschnittlich (20,4 Prozent der Konsum-Materialisten nutzen das Internet).

Hedonisten

Die soziale Lage der Hedonisten ist gekennzeichnet durch niedrige bis mittlere Einkommen und Bildungsabschlüsse. Ihre Grundorientierung ist geprägt durch den Wunsch nach Action und Unterhaltung sowie eine gewisse Leistungsverweigerung und Unangepasstheit. Diese hedonistische Grundhaltung scheint zum Teil auch auf andere Milieus mit höheren Bildungsabschlüssen auszustrahlen. An beruflicher und allgemeiner Weiterbildung nehmen sie durchschnittlich oft teil. Am Lernen mit (neuen) Medien zeigen sie ein durchschnittliches bis überdurchschnittliches Interesse. Ihre private Mediennutzung ist ebenso wie die der Konsum-Materialisten als unterhaltungsorientiert zu bezeichnen. Im Gegensatz zu diesen steht bei ihnen aber die Ablenkung von Problemlagen nicht so sehr im Vordergrund; "Spaß haben" ist ihnen wichtiger. So nutzen sie - wohl aufgrund von Freizeitaktivitäten außer Haus - das Fernsehen eher unterdurchschnittlich,[45] das Internet mit 34 Prozent leicht überdurchschnittlich. Die hedonistische Grundorientierung dieses Milieus steht einer Weiterbildungsbeteiligung teilweise entgegen: Freizeit und Hobbies gehen vor.[46]

Die vorliegenden Befunde decken sich mit der Kritik Helmut Bremers, der darauf hinweist, dass das Leitbild des aktiven, eigenständig Lernenden, das eher an gehobenen Milieus orientiert ist, nicht unreflektiert auf alle Milieus übertragen werden kann, sondern dass "Lernvoraussetzungen, Lernpraxen und Bildungsstrategien unterschiedlicher sozialer Milieus je nach ihrem Habitus verschieden sind".[47]

Vergleicht man die vier Milieus miteinander, so zeigt sich, dass Moderne Performer, Postmaterielle und Hedonisten starkes Interesse am selbst gesteuerten Lernen mit (neuen) Medien haben, während Konsum-Materialisten geringeres Interesse zeigen. Im Bereich der Häufigkeit und der Art und Weise der Internetnutzung kann man von einer digitalen Spaltung (Wissenskluft) sprechen, die zwischen den modernen bzw. gehobenen Milieus einerseits und den eher traditionellen Milieus andererseits besteht.[48] Postmaterielle weisen eine informationsorientierte, Konsum-Materialisten eine starke unterhaltungs- und ablenkungsorientierte Mediennutzung auf.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ältere, formal höher Gebildete bzw. gesellschaftliche Leitmilieus eine stärker informationsorientierte Nutzung von Medien aufweisen, während Jüngere, formal niedriger Gebildete bzw. die hedonistischen Milieus eine stärker unterhaltungsorientierte Mediennutzung aufweisen. Dies bestätigt die oben beschriebene These der Wissenskluft. Gehobenere Milieus profitieren von ihrer selektiven Mediennutzung nicht nur im Sinne der oben beschriebenen These der Wissenskluft, sondern können dadurch auch ihr kulturelles Kapital vergrößern.[49]

Soziale Heterogenität im Bereich der formalen und informellen Weiterbildung spiegelt sich - wie oben gezeigt werden konnte - in einer unterschiedlichen Beteiligung der verschiedenen sozialen Milieus an formalen Weiterbildungsangeboten und in ihrer Nutzung und Wertschätzung informellen Lernens.


Fußnoten

34.
Vgl. R. Tippelt u.a. (Anm. 24).
35.
Vgl. H. Barz/R. Tippelt (Anm. 14, 28).
36.
Vgl. H. Barz/R. Tippelt (Anm. 14), S. 23.
37.
Vgl. ebd., S. 24.
38.
Vgl. dies. (Anm. 28), S. 17.
39.
Vgl. ebd., S. 59.
40.
Vgl. Lycos (Hrsg.), Lycos Sinus-Milieus®, Gütersloh 2002.
41.
Vgl. Maria Gerhards/Walter Klingler, Programmangebote und Spartennutzung im Fernsehen 2002, in: Media Perspektiven, (2003) 11, S. 500 - 509.
42.
Vgl. Michael Schenk/Malthe Wolf, Nutzung und Akzeptanz von E-Commerce, Stuttgart 2003.
43.
Vgl. H. Barz/R. Tippelt (Anm. 28), S. 48.
44.
Vgl. dies. (Anm. 14), S. 132.
45.
Vgl. M. Gerhards/W. Klingler (Anm. 41).
46.
Vgl. H. Barz/R. Tippelt (Anm. 14), S. 160.
47.
H. Bremer (Anm. 16), S. 190.
48.
Vgl. M. Schenk/M. Wolf (Anm. 42), S. 65.
49.
Vgl. auch M. Gerhards/W. Klingler (Anm. 41).