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5.7.2005 | Von:
Trutz von Trotha

Der Aufstieg des Lokalen

Viele Teile der Erde sind vom Aufstieg des Lokalen bestimmt. Zu seinen Erscheinungen gehören Formen des konstruktiven Staatszerfalls wie im Norden Malis oder in Somaliland, der "Kleine Krieg" oder die lokale Regelung gewaltsamer Konflikte.

Einleitung

Die Geschichte des neuzeitlichen Staates ist eine Geschichte der Staatszentrierung. Politik - das war und ist im Wesentlichen das, was in dem komplexen Gefüge staatlicher Institutionen und derer, die unmittelbar mit ihnen verbunden sind und auf sie einwirken, verhandelt und entschieden wird. Die Geschichte des Kolonialismus ist die Geschichte der Globalisierung dieser Verstaatlichung von Politik. Aber anders als der Diskurs der Globalisierung suggeriert, ist die Geschichte der Globalisierung nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Sie ist stattdessen auch eine Geschichte augenfälligen und dramatischen Scheiterns. In dieser Geschichte hat die der Utopie von der globalen Durchsetzung staatlicher Herrschaft einen prominenten Platz: In weiten Teilen der außerwestlichen Welt sind die Institutionalisierung des Staates und das Bemühen, das etatistische Politikmodell durchzusetzen, am Voraussetzungsreichtum moderner Staatlichkeit - und erst recht von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie - gescheitert. In zahlreichen Veröffentlichungen zum so genannten "Staatszerfall" wird dieser Misserfolg inzwischen eindringlich diskutiert.[1]




Heute hat das nationalstaatliche Selbstverständnis auch in den westlichen Staaten Risse bekommen. Die Stichworte liefert der Globalisierungsdiskurs, der trunken ist von den Anzeichen von Ordnungen jenseits der überkommenen nationalstaatlichen Grenzen und überall "Transnationalisierung", "Translokalität", "globale Vernetzung", "Weltgesellschaft", "Weltinnenpolitik" und mit ihnen gar den "kosmopolitischen Staat" entdeckt. Zweifellos halten diese Stichworte wichtige Umwälzungen fest und formulieren Visionen für visionshungrige wirtschaftliche und politische Eliten und ihre Gefolgschaften. Aber wenn der Umgang mit dem wichtigsten aller politischen Probleme, der Zähmung kollektiver Gewalt und vor allem des Krieges, nicht von vornherein in vielen und vielleicht gerade in den schrecklichsten Fällen zur Erfolglosigkeit verurteilt sein soll, dann gilt es, einen genauen Blick für den Vorgang zu gewinnen, der in unterschiedlichen Graden und auf unterschiedlichen Ebenen zu Staatsbildungsprozessen und zur Globalisierung gegenläufig ist und dabei die politischen Ordnungen in vielen Teilen der Welt, insbesondere im subsaharischen Afrika, verändert: der machtvolle Aufstieg des Lokalen.

Es gehört zu den produktiven Seiten des Globalisierungsdiskurses, dass er nicht nur das Lokale kennt, sondern dem Lokalen sogar neue Relevanz zubilligt. Der Globalisierungsdiskurs schenkt dem Lokalen in fünf Zusammenhängen Aufmerksamkeit: Erstens misst er der Dezentralisierung von Entscheidungen und Entscheidungsprozessen, die sich einst in den nationalstaatlichen Einrichtungen konzentrierten und jetzt in transnationalen und translokalen Einrichtungen erfolgen, große Bedeutung zu. Zweitens bringt Dezentralisierung eine Vervielfältigung von Akteuren auch auf der lokalen Ebene mit sich. In der Entdeckung und im Feiern der "Akteure" der "Zivilgesellschaft" auch dort, wo es sie (wie in weiten Teilen Afrikas) in einem engeren Sinne gar nicht gibt, hat dieser Sachverhalt seinen Platz im Globalisierungsdiskurs gefunden. Drittens verweist die Globalisierungstheorie darauf, dass multinationale Unternehmen und Organisationen sich mit Tochterunternehmen und regionalen Organisationseinheiten wieder re-lokalisieren und, viertens, globalisierte Produkte, Einrichtungen, Normen und Vorstellungen lokal angeeignet werden müssen. Und schließlich münden die Herausforderungen der Globalisierung immer wieder in die Retraditionalisierung lokaler Verhältnisse. Kennzeichnend für alle diese Formen ist jedoch, dass sie unauflöslich Teil des Globalisierungsvorgangs sind. Im Globalisierungsdiskurs ist das Lokale nicht die Grenze der Globalisierung, sondern das Medium, in dem sich Globalisierung vollzieht und durchsetzt. Immer handelt es sich um Erscheinungen der "Glokalisierung", wie man seit der soziologischen Anwendung dieses Begriffs aus der ökonomischen Theorie durch Ronald Robertson[2] die unauflösliche Einheit von Globalität und Lokalität zu bezeichnen pflegt. In der Idee der Glokalisierung ist das Lokale nicht Gegensatz und Widerpart der Globalisierung, sondern eine ihrer Seiten.

Das Lokale ist indes nicht nur ein Aspekt, sondern vielerorts auch Grenze und Widerpart des Globalen. Deshalb geht Ulrich Beck fehl, wenn er sein "Gesetz des nationalstaatlichen Machtverfalls" ausschließlich globalisierungstheoretisch begründet.[3] In vielen und vermutlich den meisten blutigen Fällen des Staatszerfalls ist die Erklärung auf klassischen staatssoziologischen Wegen zu finden, worin die hohe Bedeutung gewaltsamer lokaler Konflikte für den Zerfall von Staaten oder solchen, die sich dafür ausgeben, eingeschlossen ist.[4] Drei eng miteinander verknüpfte Erscheinungen vermitteln für diese Sachverhalte einen Einblick: die Horizontalisierung der postkolonialen Ordnung, der "Kleine Krieg" und die Regelung von gewalttätigen Konflikten über lokale Institutionen.


Fußnoten

1.
Vgl. Robert I. Rotberg (Hrsg.), When States Fail. Causes and Consequences, Princeton, N. J. 2004; William Zartman (Hrsg.), Collapsed States. The Disintegration and Restoration of Legitimate Authority, Boulder, Col. 1995.
2.
Vgl. Ronald Robertson, Globalization. Social Theory and Global Culture, London 1992, S. 173f.
3.
Vgl. Ulrich Beck, Das Meta-Machtspiel der Weltpolitik. Kritik des methodologischen Nationalismus, in: Der Begriff des Politischen, Sonderband 14 der Zeitschrift "Soziale Welt", hrsg. von Armin Nassehi/Markus Schroer, Baden-Baden 2003, S. 45 - 70.
4.
Vgl. anders dagegen Klaus Schlichte, Was kommt nach dem Staatszerfall? Die Gewaltordnungen in Uganda seit 1986, in: afrika spectrum, 39 (2005), S. 83 - 113.