APUZ Dossier Bild

30.6.2005 | Von:
Dietrich Thränhardt

Entwicklung durch Migration: ein neuer Forschungsansatz

Ende traditioneller Entwicklungspolitik

Die Entwicklungspolitik ist an einer Scheidelinie angelangt. Einerseits sind wichtige asiatische Länder wie Indien, China und vor allem Malaysia, Singapur, Taiwan und Südkorea keine bedürftigen Entwicklungsländer mehr. Indien, jahrzehntelang das größte Empfängerland, hat die neue Situation im Jahr 2003 scharf markiert, indem es seinen Verzicht auf weitere Entwicklungshilfe erklärte. Nach der Tsunami-Katastrophe hat es diesen Verzicht auf Hilfe wiederholt und sich selbst als helfenden Akteur ins Spiel gebracht. Ähnliches gilt für die führenden Länder Lateinamerikas wie Chile und Brasilien. Noch mehr als in der Vergangenheit sind die ökonomischen Beziehungen der entwickelten Länder zu diesen Schwellenländern von wirtschaftlichen Eigeninteressen bestimmt, insbesondere dem Interesse an der Vermarktung hochwertiger technischer Systeme oder von Dienstleistungskomplexen. Japan, die USA und die EU bemühen sich um Freihandelsabkommen mit wichtigen Schwellenländern, vor allem in Lateinamerika.

Andererseits sind vor allem viele afrikanische Länder in ihrer Entwicklung nicht nur nicht entscheidend weitergekommen, sondern ihre staatlichen Strukturen lösen sich tendenziell auf, so dass die Voraussetzungen für Entwicklung und Investitionen kaum mehr gegeben sind. Wie die sehr unterschiedliche Interventionsneigung der USA in Staaten wie dem Irak und Liberia mit großer Deutlichkeit zeigt, ist der Stellenwert von Ländern ohne wichtige Ressourcen für die USA, die einzige Supermacht der Welt, und auch für die anderen großen Länder mit dem Ende der Konkurrenzsituation des Kalten Krieges entscheidend gesunken, so dass der traditionellen Entwicklungspolitik auch von dieser Seite die politische Dynamik fehlt.

Zugleich muss konstatiert werden, dass gerade Länder, die hohe Entwicklungsleistungen erhalten haben, in ihrer Entwicklung stagnierten oder sogar zurückgefallen sind, während andere Länder mit wenig oder gar keinen "Finanzspritzen" entscheidend weitergekommen sind. China, Indien und Brasilien haben in den letzten vierzig Jahren weniger als ein Prozent ihres Bruttosozialprodukts an Hilfe erhalten, aber dessen ungeachtet in den Jahren 1965 bis 2002 ihr Pro-Kopf-Einkommen vervielfacht: China von 85 auf 940 $, Indien von 90 auf 480 $ und Brasilien von 200 auf 2 850 $. Länder, die sehr hohe Entwicklungshilfesummen erhalten haben, die zum Teil sogar ihr gesamtes Bruttosozialprodukt übertrafen, haben sich demgegenüber nicht entwickeln können. Dies gilt insbesondere für Länder in Afrika südlich der Sahara.

So lag etwa das Pro-Kopf-Einkommen Ghanas zum Zeitpunkt seiner Unabhängigkeit über dem Chinas, Indiens und Südkoreas. Es belief sich 1992 immer noch auf 440 $, im Jahr 2002 aber - ungeachtet außergewöhnlich hoher Unterstützung durch westliche Länder - nur noch auf 270 $. Der Entwicklungshilfespezialist Heinrich Langerbein, der diese Vergleichsdaten zusammengestellt hat, weist erklärend darauf hin, dass die meisten Entwicklungshilfegelder in die Industrieländer zurückfließen - vor allem wenn sie projekt- und liefergebunden sind - und dass große Summen von "kleinen Macht-Eliten kassiert und als Fluchtgeld ins Ausland gebracht" werden.[16] Der langjährige kongolesische Diktator Mobutu ist für ein solches Verhalten ein bekanntes Beispiel. Als Fazit muss festgehalten werden, dass Entwicklungshilfe wenig effektiv gewesen ist. Dagegen ist anzunehmen, dass private Transfers von Migranten in ihre Heimatländer die Adressaten zielgenauer erreichen.

Hinzu kommt ein quantitatives Argument. Im erwähnten Ausschuss-Bericht des Britischen Unterhauses wird festgestellt, dass die Migration aus entwicklungspolitischer Sicht zugleich ein enormer Devisenbringer für die Entwicklungsländer ist und in dieser Funktion die staatlichen Finanztransfers in der Entwicklungshilfe inzwischen weit übertrifft (vgl. Schaubild 2 der PDF-Version) [17]. Es wird argumentiert, dass eine kontrollierte Erhöhung der Migration aus den armen in die reichen Länder weit bedeutsamere Entwicklungseffekte haben werde als alle absehbaren Anstrengungen der Entwicklungshilfe, ganz abgesehen von deren Durchsetzbarkeit in den wohlhabenden Ländern.


Fußnoten

16.
Heinrich Langerbein, Je mehr Hilfe, desto größer die Armut. Die erfolgreichsten Staaten kamen fast ganz ohne Unterstützung aus, in: Süddeutsche Zeitung vom 23. 3. 2004. Zu einem ganz ähnlichen Schluss kommen Gary S. Becker/Guity Nashat Becker, Die Ökonomik des Alltags, Tübingen 1998, S. 326 - 328, S. 349.
17.
Vgl. House of Commons. International Development Committee, Migration and Development: How to work for poverty reduction. Sixth Report of Session 2003 - 04, The Stationary Office London, London 2004.