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30.6.2005 | Von:
Dietrich Thränhardt

Entwicklung durch Migration: ein neuer Forschungsansatz

Die deutsche "Green Card"

Die traditionelle deutsche Entwicklungspolitik war mit einer expliziten Nichteinwanderungsdoktrin verbunden. Fachpersonal aus den Entwicklungsländern sollte ausgebildet werden und nach der Ausbildung in das jeweilige Land zurückkehren. Dies war eine in sich schlüssige Doktrin, die durchaus auch mit Erfolgen verbunden war. Dieses Paradigma lässt sich nicht mehr halten. Mit der Proklamation der "Green Card" ist es in einer gezielten öffentlichen politischen Aktion aufgegeben worden.[18] Andere europäische Staaten sind dieser Initiative gefolgt.

Wie in den USA tut sich heute auch in Deutschland eine Nachwuchslücke bei den Fachkräften im naturwissenschaftlichen Sektor auf. Die Universitäten und Unternehmen beginnen, gezielt Studierende aus Mittelosteuropa und Asien anzuwerben. Nach wie vor wandern viele befähigte und gut ausgebildete Wissenschaftler aus Deutschland in die USA aus. Die Ursachen dafür liegen einerseits in der Dynamik des tertiären Sektors in den USA, der als einer der entscheidenden Boom-Sektoren der amerikanischen Wirtschaft bezeichnet werden kann, andererseits in der Stagnation oder sogar Kontraktion des Hochschulsektors in Deutschland, der staatsmonopolitisch organisiert und eingeschränkt ist und in den letzten Jahren mit einer Serie von Stellenstreichungen kleiner gemacht wurde. Symbolisch steht dafür die Weiterwanderung des ersten Green-Card-Inhabers mangels einer dauerhaften Perspektive in Deutschland. Die traditionelle Nichteinwanderungs- und Anti-Brain-Drain-Politik lässt sich in Zukunft nicht länger durchhalten. Zu den genannten pragmatischen und entwicklungstheoretischen Gründen kommt hinzu, dass sich bei fehlenden Niederlassungs- und Karrieremöglichkeiten von Migranten aus armen Ländern keine Kettenmigrationseffekte einstellen können, die für die Dynamik von Migrationsprozessen entscheidend sind. Wegen seiner demographischen Defizite braucht Europa diese Art Zuwanderung zudem dringend.

Deutschland konkurriert, wie die Süssmuth-Kommission "Zuwanderung" bemerkt hat, mit anderen Ländern um die besten und fähigsten Spezialisten und Wissenschaftler.[19] Es ist dabei mit zwei Handikaps belastet: Englisch ist in Deutschland nicht die dominante Sprache, und das deutsche Forschungs- und Hochschulsystem ist im Vergleich zu den USA unterfinanziert. Mit der neuen restriktiven Visumspolitik der USA könnten allerdings die Chancen wachsen, dass europäische Länder stärker aufgesucht werden.


Fußnoten

18.
Vgl. Uwe Hunger/Holger Kolb (Hrsg.), Die deutsche "Green Card". Migration von Hochqualifizierten in theoretischer und empirischer Perspektive (IMIS-Beiträge, Themenheft Nr.22), Osnabrück 2003; Holger Kolb, Einwanderung zwischen wohlverstandenem Eigeninteresse und symbolischer Politik. Das Beispiel der deutschen "Green Card", Münster 2004.
19.
Vgl. Zuwanderung gestalten, Integration fördern. Bericht der Unabhängigen Kommission "Zuwanderung", Berlin 2001.