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30.6.2005 | Von:
Dietrich Thränhardt

Entwicklung durch Migration: ein neuer Forschungsansatz

Das indische IT-Beispiel

Entwicklung ist in der globalisierten Welt nicht mehr nachholende Entwicklung, wie dies für die fünfziger Jahre gelten konnte, als deutsche, sowjetische und amerikanische Ingenieure im Wettbewerb Stahlwerke in Indien nach ihren jeweiligen Mustern bauten, während gleichzeitig die Stahlmärkte weitgehend gegeneinander abgeschottet blieben. Vielmehr findet Entwicklung heute in vernetzter Form statt, sie zielt auf immer offenere weltweite Märkte und nutzt die spezifischen Standort- und Kostenvorteile der einzelnen Länder. Weniger entwickelte Länder können dabei auf ihre niedrigeren Lohn- und Kostenstrukturen setzen, entwickeltere auf ihre Infrastruktur, ihre fortgeschrittenen Technologien und ihre höhere Effizienz.

Optimale Kosten-Nutzen-Effekte treten dann auf, wenn beides vereint wird: die Effizienz der entwickelten Länder mit den Kostenvorteilen der weniger entwickelten. Dies setzt eine enge Kooperation und Durchlässigkeit voraus, und zwar nicht nur bei der Technik, sondern vor allem beim Personal. Personal aus den Entwicklungsländern kann in den entwickelten Ländern arbeiten und sich deren Arbeitsweisen und Standards aneignen. Im Falle einer Rückkehr werden die erworbenen Kenntnisse und Arbeitsweisen mit der intimen Kenntnis der Situation des Heimatlandes verbunden. Darüber hinaus können Netzwerke aufgebaut werden, die über Firmenstrukturen, Verwandtschaftsverhältnisse oder andere Verbindungen laufen und die entwickelte Welt mit der weniger entwickelten verbinden. Viele Länder, u.a. auch Deutschland, haben derartige Personalaustausche im Rahmen von Inter-Company-Transfers erleichtert, was allerdings nur Großunternehmen zugute kommt.[20]

Das Paradebeispiel derartiger produktiver Beziehungen ist sicherlich die indische Computerindustrie. Hier hat zunächst eine Ausbildung qualifizierter Ingenieure in Indien über den aktuellen Bedarf hinaus stattgefunden.[21] Ein Teil dieser Fachkräfte wanderte seit den sechziger Jahren in die USA aus und trug später entscheidend zur Dynamik der IT-Wirtschaft in den USA bei.[22] Insbesondere in den neunziger Jahren gab es keine Begrenzungen auf Seiten des Personals. Die IT-Wirtschaft konnte Erhöhungen der Einwanderungsquoten durchsetzen, sobald die bestehenden Quoten erschöpft waren.[23] Wichtig war ferner die Arbeitsenergie und -intensität dieser Gruppe von Einwanderern im besten Arbeitsalter. Darüber hinaus machten sich viele aus Indien eingewanderte IT-Ingenieure in den USA selbständig, es existiert sogar ein eigener Verband für diese Gruppe.[24]

In einem zweiten Schritt wanderte ein Teil dieser Gruppe von IT-Spezialisten zurück, und es wurden Kooperationsnetze zwischen IT-Unternehmen in den USA und in Indien geknüpft. Die IT-Wirtschaft im Raum Bangalore blühte auf und entwickelte mit großer Dynamik Software.[25] Getragen wurde sie ganz überwiegend von Unternehmern, die aus den USA zurückgewandert waren.[26] Die weltweite Krise der IT-Wirtschaft seit dem Jahr 2002 führte schließlich dazu, dass die indischen Produktionsanteile weiter anstiegen, weil die indischen Unternehmen in einem schrumpfenden Weltmarkt ihre komparativen Kostenvorteile voll ausspielen konnten, entweder als Zulieferer amerikanischer Firmen oder als selbständige Akteure. Die indische IT-Wirtschaft produziert auf höchstem Niveau - mit den Kostenvorteilen eines Entwicklungslandes.


Fußnoten

20.
Vgl. Holger Kolb, Pragmatische Routine und symbolische Inszenierungen - zum Ende der "Green Card", in: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik, (2003) 7, S. 231 - 235.
21.
Vgl. Jürgen Wiemann, Von Indien lernen! Entwicklungspolitische Bewertung der Anwerbung qualifizierter Arbeitskräfte aus Entwicklungs- und Transformationsländern, Berlin 2000.
22.
Vgl. A. Saxenian (Anm.11).
23.
Vgl. Vivian Hermann/Uwe Hunger, Die Einwanderungspolitik für Hochqualifizierte in den USA und ihre Bedeutung für die deutsche Einwanderungsdiskussion, in: U. Hunger/H. Kolb (Anm.18), S. 81 - 98.
24.
Vgl. A. Saxenian (Anm. 11).
25.
Vgl. Martina Fromhold-Eisebith, Internationale Migration Hochqualifizierter und technologieorientierte Regionalentwicklung. Fördereffekte interregionaler Migrationssysteme auf Industrie- und Entwicklungsländer aus wirtschaftsgeographischer Perspektive, in: IMIS-Beiträge, (2002) 19, S. 21 - 41.
26.
Vgl. Uwe Hunger, Vom Brain Drain zum Brain Gain. Die Auswirkungen der Migration von Hochqualifizierten auf Abgabe- und Aufnahmeländer. Expertise im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung: Gesprächskreis Migration und Integration, Bonn 2003. Siehe hierzu auch: ders., Indian IT-Entrepreneurs in the US and India. An Illustration of the "Brain Gain Hypothesis", Journal of Comparative Policy-Analysis 2004, S.99 - 110.