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30.6.2005 | Von:
Dietrich Thränhardt

Entwicklung durch Migration: ein neuer Forschungsansatz

Die Übertragbarkeit der optimierenden Netzwerk-Strukturen

Inwiefern und inwieweit ist dieser Paradefall einer remigrations- und netzwerkgestützten Entwicklung auf andere Länder und auf andere Produktionszweige übertragbar? Gibt es Parallelen in anderen Ländern, die Erfolge und Misserfolge demonstrieren?

Drei spezielle Charakteristika der indischen Software-Entwicklung lassen sich herausstellen:

  • die Ausbildung einer großen Zahl qualifizierter Spezialisten auf Weltniveau;
  • die Entscheidung der Regierung Bill Clinton, die Einwanderung von Computerspezialisten faktisch nicht zu beschränken, also die Spielregeln des freien Marktes in diesem Bereich auf die Migration anzuwenden;
  • die Eigenschaft von Software-Produkten, sich protektionistischen Maßnahmen und behördlichen Blockaden sowohl von Seiten des Entwicklungslandes wie des entwickelten Landes weitgehend zu entziehen. Man denke dabei auf der indischen Seite an die extrem entwickelte und korruptionsanfällige Bürokratie und auf der amerikanischen an die Neigung, bei wirtschaftlichen Problemen protektionistische Maßnahmen zu ergreifen. Ein Beispiel dafür sind die einseitigen Stahlzölle, die im Jahr 2004 nach einer Entscheidung der Welthandelsorganisation zurückgenommen werden mussten, den europäischen und asiatischen Stahlexporteuren aber geschadet haben. Software ist über das Internet transportierbar und insofern kaum durch behördliche Restriktionen zu erfassen.
Es gibt Parallelen des hier für die indische IT-Wirtschaft beschriebene Beitrags von Rückwanderern - sowohl in der historischen Rückschau wie in den letzten Jahrzehnten: In Deutschland haben die Emigranten von 1849 eine entsprechende Rolle gespielt.[27] Für die letzten Jahrzehnte lassen sich entsprechende Effekte für Südkorea und für Taiwan nachweisen, im letzteren Fall in Bezug auf die Hardware-Industrie.[28] Ein besonders interessantes Beispiel ist in jüngster Zeit Vietnam. Hier haben die ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter mit bundesdeutscher Unterstützung wirtschaftliche Dynamik ausgelöst; gleichzeitig sind Migrationsketten entstanden, die zu Studienzwecken und mit wirtschaftlichen Zielen weiter nach Deutschland drängen. Überraschend ist dabei, dass dieses einzige positive Beispiel in Bezug auf das heutige Deutschland ausgerechnet mit produktiven Netzen aus der DDR-Vergangenheit zusammenhängt, und zwar mit der Rolle der DDR als "Juwel" im Ostblock, wie dies Richard von Weizsäcker einmal bezeichnet hat.[29]

Zugleich lässt sich aufzeigen, dass es anderen Ländern nicht gelungen ist, entsprechende Entwicklungen anzustoßen und die Vielzahl ausgewanderter Spezialisten für das Herkunftsland produktiv zu machen. Dies gilt beispielsweise für Mexiko, das ein spezielles staatliches Programm zur Rückwerbung ausgewanderter Spezialisten unterhält, das aber allem Anschein nach mit problematischen Eigeninteressen der Elite und insbesondere der Programm-Zuständigen belastet ist.[30]


Fußnoten

27.
Vgl. Benedikt Köhler, Ludwig Bamberger. Revolutionär und Bankier, Stuttgart 1999. Für Schweden vgl. Per Olof Grönberg, International Migration and Return Migration of Swedish Engineers in the 1990s, in: Uwe Hunger/Susanne In der Smitten (Hrsg.), Migration und Entwicklung. Ergebnisse der Konferenz für Nachwuchswissenschaftler und Studierende, Münster 2003 (Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster: Civil-Society Network 2004. http://www. civil-society-network.org/download/Hunger_InDer Smitten_Migrationskonferenz.pdf).
28.
Vgl. A. Saxenian (Anm. 11.).
29.
Vgl. Richard von Weizsäcker, Vier Zeiten. Erinnerungen, Berlin 1999. Zu Vietnam vgl. den Beitrag von Karin Weiss in diesem Heft.
30.
Vgl. Utta Groß-Bölting, Der "Brain Drain" in Mexiko und die Auswirkungen auf den Entwicklungsprozess, Magisterarbeit, Institut für Politikwissenschaft , Universität Münster 2003.