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30.6.2005 | Von:
Dietrich Thränhardt

Entwicklung durch Migration: ein neuer Forschungsansatz

Forschungsdesiderate

Die dynamische Globalisierung der Weltwirtschaft in den Jahren seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich auf den Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen konzentriert und den freien Austausch von Menschen vernachlässigt. Faktisch ist die freie Bewegung innerhalb der OECD-Welt (mit Ausnahme der Türkei und Mexikos) weitgehend gewährleistet; für Angehörige der Entwicklungsländer gilt dies jedoch nicht. Die Analyse von Migrations- und Entwicklungspolitik hat sich mehr oder weniger separiert voneinander vollzogen und Tragweite und Chancen der Migration für die Entwicklung tendenziell vernachlässigt. Stattdessen ist in der Migrationsliteratur ebenso wie in der öffentlichen Debatte der Abschottungs- und Bedrohungsreflex stark spürbar, etwa in dem Terminus migration crisis. Allerdings ist auf Grund der demographischen Rahmenbedingungen völlig klar, dass es große Bevölkerungsbewegungen aus der armen in die reiche Welt geben wird. Fraglich ist nur, wie produktiv und wie konflikthaft diese Prozesse verlaufen werden.

  • Von daher muss sich die Forschung zur Entwicklungspolitik für Migrationsphänomene öffnen und sie als Elemente einbauen. Es ist evident, dass Re-Migranten über viele Fähigkeiten verfügen, die westliche Spezialisten nicht besitzen. Zugleich ist nach dem Ende der Phantasien über autozentriert-isolierende Entwicklungen klar, dass es Anschübe und Übertragungen aus der Außenwelt und insbesondere aus der entwickelten Welt geben muss, um Entwicklungsimpulse auszulösen und insbesondere Kenntnisse über Spitzentechnologien und Märkte weiterzugeben.

  • Die Migrationsforschung sollte sich für die Entwicklungsperspektive "jenseits des brain drain"[31] öffnen. Das ist bislang kaum geschehen. Dies erklärt sich erstens daraus, dass die Idee von Rückkehr und Rückkehrförderung politisch belastet ist. Damit werden fremdenfeindliche Konnotationen verbunden, die vor allem in Deutschland in einem starken Spannungsverhältnis zur Eigenidentifizierung der Forscher standen. Es erklärt sich zweitens aus der sehr verbreiteten Tendenz, Migranten als hilfsbedürftige und "defizitäre Wesen" zu beschreiben. Damit wird - wenngleich in wohlmeinender Absicht - deren Eigeninitiative und Eigendynamik abgewertet. Drittens schließlich ist die Katastrophen- und Krisenbeschreibung anzuführen, mit der Migration nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in weiten Teilen der Literatur immer wieder zusammengebracht wird. Insgesamt ist in dieser Beziehung - wie Gary Freeman es für die amerikanische Literatur einmal beschrieben hat - ein Übergewicht normativer Annahmen und engagierter Beschreibungen, verbunden mit theoretisch-analytischen Defiziten, zu konstatieren.[32]


  • Aufgabe der Forschung muss es sein, das Verhältnis von Migration und Entwicklung zu klären und Optimierungsstrategien und -modelle zu entwerfen. Dazu können Fallstudien dienen, in denen unterschiedliche Verläufe von Migration und Entwicklung verfolgt werden, von dequalifizierend-unproduktiven bis zu qualifizierend-produktiven. Insbesondere sind die Beziehungen zwischen Ländern, die traditionell Studenten nach Deutschland entsenden, und deren Beziehung mit ökonomischer Entwicklung relevant, und zwar für das betreffende Herkunftsland, für Deutschland oder auch für die USA, in die gut ausgebildete Spezialisten vielfach abwandern. Beispiele sind der Iran, die Türkei, Griechenland, aber auch Indonesien und Vietnam - ein Land mit einer langen Tradition universitärer Zusammenarbeit mit der ehemaligen DDR. Speziell zu berücksichtigen ist auch der Aspekt der Geschlechterrollen und ihres Einbaus in die Entwicklungsstrategien der Nationalstaaten. Der Haushalts- und Pflegebereich ist wegen seiner privaten Gestaltung für Dequalifizierung und geringe Bezahlung anfällig und durch informelle Beschäftigungsverhältnisse geprägt, entweder auf Grund gezielter Politik oder auf Grund des Nichteingreifens der Staaten in diesen Bereichen, das den einheimischen Haushalten weitgehende Freiheit lässt.[33]


  • Eine weitere Differenzierung ist in sektoraler Hinsicht notwendig. Dazu gehören die oben erwähnte Software-Entwicklung in Kalifornien und Indien und die Hardware-Entwicklung in Taiwan. Erfolgreiche Entwicklungen zeichnen sich auch im medizinischen Sektor einiger mittelosteuropäischer Länder, in Israel, Thailand und ebenfalls in Indien ab. Dagegen scheint die Abwanderung medizinischen Personals aus Südafrika nach England, Australien und Kanada bisher nur für die Einwanderungsländer vorteilhaft gewesen zu sein. Zu untersuchen wäre dabei, inwiefern und inwieweit die Politiken der entwickelten Länder derartige Prozesse ermöglichen, behindern oder kanalisieren. Normativ kann sich eine derartige Forschungsperspektive an der schrittweisen Entwicklung einer offenen Welt orientieren, in der nicht mehr nur der Warenverkehr frei ist, sondern auch der Personenverkehr. Realpolitisch muss sie die Bedingungen und Wege identifizieren, mit denen Migrations-, Kommunikations- und Austauschprozesse eingeleitet und gefördert werden können, die den Beteiligten auf beiden Seiten nutzen und die ihnen erlauben, ihre Fähigkeiten zu optimieren, Mehrwert zu schaffen und damit Entwicklung zu ermöglichen.

Fußnoten

31.
Felicitas Hillmann/Hedwig Rudolph, Jenseits des brain drain. Zur Mobilität westlicher Fach- und Führungskräfte nach Polen, Discussion Paper FS I 96 - 103 des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Berlin 1996.
32.
Vgl. Gary Freeman, Political Science and Comparative Immigration Politics, in: Michael Bommes/Ewa Morawska (Hrsg.), International Migration Research: Constructions, Omissions and the Promises of Interdisciplinarity, Aldershot 2004, S. 111 - 128.
33.
Vgl. Christine Chin, Organisierte Randständigkeit als staatliches Modell: Frauen und Migration in Südostasien, in: Dietrich Thränhardt/Uwe Hunger (Hrsg.), Migration im Spannungsfeld von Globalisierung und Nationalstaat, Leviathan-Sonderheft 2003, Wiesbaden 2003, S. 313 - 333. Siehe hierzu auch: Giuseppe Sciortino, Einwanderung in einen mediterranen Wohlfahrtsstaat: die italienische Erfahrung, in: ebd., S. 253 - 273.