APUZ Dossier Bild

30.6.2005 | Von:
Uwe Hunger

Vier Thesen zur deutschen Entwicklungshilfepolitik für Indien

Migrationsbeziehungen zu Ländern wie Indien werden für Deutschland zukünftig wichtiger sein als für diese Länder selbst. So lauten vier Thesen zur Rolle deutscher Entwicklungshilfe in Indien.

Einleitung

Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der Entwicklung Indiens vom Brain Drain (Abwanderung von hoch Qualizierten) zum Brain Gain (Einwanderung von hoch Qualifizierten).[1] Hierbei soll ein Aspekt in den Vordergrund gerückt werden, der bisher wenig beachtet worden ist, aber eine durchaus wichtige Rolle im indischen Entwicklungsprozess spielt und der sehr aufschlussreich im Hinblick auf die entwicklungs- und einwanderungspolitischen Schlussfolgerungen dieser weltweit bedeutsamen Entwicklung Indiens ist: der Beitrag der deutschen Entwicklungshilfepolitik für Indien. Er hat bei der Grundsteinlegung dieser erfolgreichen Entwicklung eine nicht unwichtige Rolle gespielt.

Ein Schwerpunkt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Indien bestand in der Finanzierung von Bildungseinrichtungen, insbesondere in der Unterstützung einer der leistungsstärksten Institutionen der höheren Bildung, des Indian Institute of Technology in Chennai (IIT Chennai), früher Madras.[2] Dieses Institut gehört heute zu den weltweit am meisten anerkannten Einrichtungen seiner Art und kann als Indiens Antwort auf das amerikanische Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bezeichnet werden. Am IIT Chennai wird jährlich eine große Zahl von Absolventen in technischen Berufen ausgebildet, die weltweit nachgefragt werden. Seit jüngstem ist dies auch in Deutschland bekannt, da infolge der Einführung der deutschen "Green Card" ausländische Computerspezialisten insbesondere auch aus Indien für den deutschen Arbeitsmarkt angeworben werden.[3]

Infolge der guten Ausbildungsarbeit in Chennai und in ähnlichen Ausbildungseinrichtungen in Indien verfügt das Land heute über das zweitgrößte englischsprachige Technikpersonal nach den USA. In diesem Prozess hat die deutsche Entwicklungshilfepolitik für Indien eine bedeutende Rolle gespielt. Wenn man sich den Entwicklungsprozess Indiens genauer anschaut, haben die deutschen Entwicklungshilfegelder für das IIT Chennai allerdings einen sehr weiten Weg nehmen müssen, bis die erhoffte Wirkung für Indien tatsächlich erzielt werden konnte. Die Absolventen des IIT Chennai sind wie viele andere Absolventen der weiteren Elite-Hochschulen des Landes nicht in Indien geblieben und haben dort bei der Entwicklung des Landes mitgeholfen, sondern sind zu Hunderttausenden (!) ausgewandert, und zwar vor allem in die USA. Deswegen soll hier als erste von vier - etwas überspitzten - Thesen formuliert werden: Von der deutschen Entwicklungshilfe für Indien haben in erster Linie die USA profitiert.


Fußnoten

1.
Vgl. hierzu Uwe Hunger, Vom "brain drain" zum "brain gain". Migration, Netzwerkbildung und sozio-ökonomische Entwicklung: das Beispiel der indischen "Software-Migranten", in: IMIS-Beiträge, (2000) 16, S. 7 - 22 (IMIS = Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien). Ich danke dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster e. V. für ihre großzügige Unterstützung meiner Forschungsreisen in die USA und nach Indien.
2.
Vgl. Jürgen Wiemann, Von Indien lernen! Entwicklungspolitische Bewertung der Anwerbung qualifizierter Arbeitskräfte aus Entwicklungs- und Transformationsländern (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik), Berlin 2000, S. 7.
3.
Vgl. Uwe Hunger/Holger Kolb (Hrsg.), Die deutsche "Green card". Migration von Hochqualifizierten in theoretischer und empirischer Perspektive, IMIS-Beiträge, (2003) 22.