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30.6.2005 | Von:
Uwe Hunger

Vier Thesen zur deutschen Entwicklungshilfepolitik für Indien

Entwicklung Indiens

Indien gilt heute als eine der wichtigsten ökonomischen Wachstumsregionen der Erde. In dem Land, das im Jahr 2000 noch zu den 50 ärmsten Ländern der Welt gehörte,[5] herrscht heute trotz aller offensichtlichen, ungelösten Probleme Aufbruchstimmung. Es gibt viele hoffnungsvolle Zeichen der Modernisierung und Entwicklung, vor allem in den aufsteigenden Technologiezentren wie Bangalore und Hyderabad, aber auch in Kalkutta, das bisher als Symbol der Verelendung Indiens galt.[6] Angesichts dieser positiven Entwicklung hat die indische Regierung im vergangenen Jahr bereits offiziell den Verzicht auf internationale Entwicklungshilfegelder verkündet. Das Land will die weitere Entwicklung ohne fremde Hilfe in Angriff nehmen. Dies wurde auch bei der Tsunami-Katastrophe zum Jahreswechsel 2004/05 deutlich, als Indien, das ebenfalls von den Zerstörungen der Flutwelle, unter anderem in Chennai, betroffen war, zu den Hilfegebern und nicht zu den Hilfeempfängern zählte.

Eine Schlüsselrolle im indischen Entwicklungsprozess nimmt die indische IT-Wirtschaft ein, die seit Beginn der 1990er Jahren zweistellige Wachstumsraten verzeichnet und weltweite Beachtung auf sich gezogen hat. Viele multinationale Großkonzerne der Branche wie Microsoft und SAP haben bereits Teile ihrer Softwareproduktion nach Indien verlagert, um dort von der großen Zahl hoch qualifizierter Softwarespezialisten und den für ein Entwicklungs- bzw. Schwellenland typisch günstigen Lohnkosten zu profitieren. Im Vergleich zu den USA betragen die Lohnkosten für einen Softwareprogrammierer in Indien etwa nur ein Viertel bei vergleichbarer Qualifikation. Auch andere Branchen außerhalb der IT-Wirtschaft folgen diesem Trend und versuchen von diesem komparativen Kostenvorteil der indischen Softwareindustrie zu profitieren, indem sie einen wachsenden Anteil ihrer Geschäftsprozesse in Indien abwickeln lassen.[7]

Dieser erfolgreiche Aufbau der indischen Softwarewirtschaft ist ebenso wie der amerikanischen IT-Boom im kalifornischen Silicon Valley sehr eng mit der Migration hoch qualifizierter Spezialisten verbunden. So wie im Silicon Valley in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre jedes vierte Unternehmen von Einwanderern aus Indien, China und Taiwan gegründet worden ist, so ist in Indien mindestens jedes zweite Softwareunternehmen von Migranten, und zwar von ehemaligen indischen Auswanderern in die USA, gegründet worden bzw. wird heute von ihnen im Topmanagement geleitet. Wie die "indischen" Unternehmen im Silicon Valley erwirtschaften diese Unternehmen einen großen Anteil der Gesamtumsätze und schaffen viele Arbeitsplätze in Indien.[8] Von den 20 erfolgreichsten indischen Unternehmen, die im Jahr 2000 ca. 40 Prozent der Gesamtumsätze der indischen Softwarewirtschaft erwirtschafteten, wurden zehn Unternehmen von ehemaligen Auswanderern aus den USA, so genannten Non-Resident Indians (NRI), gegründet, und in neun weiteren waren ehemalige NRIs jeweils in den Topmanagements vertreten.

Auch die zentralen Branchen-Organisationen, die ebenfalls eine wichtige Rolle beim Aufschwung des indischen Softwaresektors gespielt haben, wurden unter Beteiligung der NRIs in den USA ins Leben gerufen. Die wichtigste Organisation ist die "National Association of Software and Service Companies" (NASSCOM), die seit Beginn des Softwarebooms als Lobby-Organisation wesentlichen Einfluss auf politische Liberalisierungsinitiativen ausübt und zudem großen Anteil am Aufbau eines Marktes für Venture Capital (Risiko- oder Wagniskapital) in Indien hatte, wodurch die Entstehung von neuen Unternehmen in Indien beschleunigt wurde. Eine zweite wichtige Organisation ist "The Indus Entrepreneur" (TIE), die Anfang der 1990er Jahre von den im Silicon Valley ansässigen indischen Unternehmern gegründet wurde und es sich zur Aufgabe gemacht hat, jungen indischen Unternehmern beim Aufbau ihrer Unternehmen zu helfen. Ihre Strukturen wurden inzwischen von den USA (wo bereits 18 Niederlassungen im gesamten US-Gebiet unterhalten werden) nach Indien und in andere Länder übertragen. In Indien trägt die TIE zusätzlich zu ihrer ursprünglichen Netzwerkfunktion auch zur Finanzierung der erwähnten IITs, den zentralen IT-Ausbildungszentren, bei.[9]

Die Bedeutung der aus den USA nach Indien remigrierten Softwarespezialisten für den Erfolg der Softwarewirtschaft in Indien lässt sich auch daran ablesen, dass der Aufschwung der indischen Softwareindustrie wesentlich von Exporten in die USA getragen wurde. Im Finanzjahr 2003 bis 2004 gingen über 70 Prozent der Gesamtumsätze der indischen Softwarewirtschaft in Höhe von über neun Milliarden US-Dollar auf Exporterlöse zurück, von denen fast zwei Drittel auf Nordamerika entfielen. Niederlassungen indischer Softwareentwicklungshäuser in den USA haben hierbei eine wichtige Funktion als Marketing-Agenturen (front office), die die notwendigen Aufträge für die indische Softwarewirtschaft akquirieren, während die Niederlassungen in Indien (back office) lediglich zur Auftragsabwicklung dienen. Mehr als die Hälfte der indischen Softwareunternehmen verfügt heute über eine entsprechende Konstruktion.[10]

Auch wenn natürlich nur ein kleiner Teil der indischen Auswanderer aus den USA wieder nach Indien zurückkehrt und wiederum nur ein Teil dieser Rückkehrer ein Unternehmen in Indien gründet (oft nur als Zweigniederlassung eines bereits in den USA bestehenden Unternehmens), so sprechen diese Ergebnisse dennoch dafür, dass Indien von seinem Brain Drain in die USA heute profitiert. Zwar werden die Kosten der gegenwärtigen Abwanderung in die USA als Ergebnis der verloren gehenden Ausbildungsinvestitionen mit jährlich etwa zwei Milliarden US-Dollar kalkuliert,[11] aber allein die indischen Exporterlöse im IT-Bereich aus den USA übersteigen diese Summe bei weitem. Ohne die Existenz der NRIs in den USA wäre der indische Aufschwung in diesem Bereich mit Sicherheit nicht in dieser Form realisierbar gewesen. Der Brain Drain hat sich in diesem Fall tatsächlich in einen Brain Gain umgedreht.

In dieser Perspektive sind die deutschen Entwicklungshilfegelder für das IIT Chennai letztlich doch noch Indien zugute gekommen, wenn auch auf einem ganz anderen Weg als ursprünglich gedacht. Hieraus ergeben sich weiter gehende Überlegungen. Denn letztlich hat sich die amerikanische Einwanderungspolitik für den Erfolg der indischen Softwarewirtschaft als von größerer Bedeutung erwiesen als die deutschen Entwicklungshilfegelder, die im Übrigen die traditionellen amerikanischen Entwicklungshilfegelder für Indien deutlich überstiegen. Im Jahr 2003 betrug die deutsche Entwicklungshilfe 159 Millionen US-Dollar im Vergleich zu 149 Millionen US-Dollar aus den USA.[12] Dies führt zur dritten, wiederum etwas überspitzten These: Migrationspolitik ist die "bessere" Entwicklungspolitik.


Fußnoten

5.
Gemessen am Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen, in: Human Development Report, Making New Technologies Work for Human Development, New York-Oxford 2001.
6.
Vgl. Erich Follath, Ein Moloch erwacht, in: Der Spiegel, Nr. 21 vom 23.5. 2005, S. 126 - 136.
7.
Hierzu gehört auch das sog. "business process outsourcing" (BPO), das einen wachsenden Anteil der Aufträge ausmacht. In Deutschland steckt dieses Thema noch in den Anfängen. Indien wird bisher kaum als Outsourcing-Alternative betrachtet. Vgl. Das Auslagern ganzer Geschäftsprozesse ist noch selten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Juni 2005, S. 18.
8.
Vgl. Uwe Hunger, Vom brain drain zum brain gain. Die Auswirkungen der Migration von Hochqualifizierten auf Abgabe- und Entsendeländer, Friedrich-Ebert-Stiftung (Arbeitskreis "Migration und Integration"), Bonn 2003; ders., Indian IT-Entrepreneurs in the US and India. An Illustration of the "Brain Gain Hypothesis", in: Journal of Comparative Policy-Analysis, (2004) 2, S. 99 - 109.
9.
Über diese Organisationen hinaus haben sich in den USA weitere private Initiativen gebildet, die in Indien Entwicklungshilfe z.B. in Form von Alphabetisierungsprogrammen leisten; vgl. in diesem Zusammenhang etwa die Organisation "Asha for Education", Berkeley, Calif. Das IIT Mumbai (früher: Bombay) hat in diesem Zusammenhang eine eigene Alumni-Organisation ins Leben gerufen, mit deren Hilfe innerhalb weniger Jahre mehrere Mio. US-$ in den USA gesammelt werden konnten; vgl. hierzu Paula Chakravartty, The Emigration of Highly Skilled Indian Workers to the United States: Flexible Citizenship and India's Information Economy, in: W. A. Cornelius/T. J. Espenshade/I. Salehyan (Anm.4), S. 325 - 350. Zusätzlich sind Zeitungen und Informationsportale entstanden, die über aktuelle Entwicklungen im US-amerikanischen und indischen Softwaresektor informieren (vgl. etwa www. siliconindia.com).
10.
Vgl. U. Hunger (Anm. 8).
11.
So der Wert für das Jahr 2000. Vgl. Human Development Report (Anm. 5), S. 5.
12.
Zahlen der OECD, zitiert in: Thorsten Jochem, Migration, Brain Drain and Macroeconomic Effects on Developing Countries. With an Empirical Study on Brain Drain Effects of the Exodus of Indian IT-Experts to the United States of America, Diplomarbeit, Fachhochschule Karlsruhe, Fakultät für Wirtschaftsinformatik, 2005, S. 85.