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30.6.2005 | Von:
Uwe Hunger

Vier Thesen zur deutschen Entwicklungshilfepolitik für Indien

Entwicklung durch Migration

Der Erfolg der IT-Branche, die nur einen Anteil von weniger als 10 Prozent des gesamten indischen BIP ausmacht, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Indien weiterhin große Probleme bestehen. Auch heute noch herrscht in dem der Bevölkerung nach zweitgrößten Land der Erde große Armut, gibt es eine hohe Analphabetenrate und vielfältige soziale Probleme. Aber Indien arbeitet mit großem Optimismus an der Lösung dieser Probleme, und die Ansätze einer positiven Entwicklung, die durch die Softwareindustrie angestoßen wurde, sind nicht zu übersehen. Das Land sieht sich selbst auf dem Weg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Nach einer Studie von Goldman-Sachs ist es durchaus denkbar, dass die indische Volkswirtschaft bereits zwischen den Jahren 2020 und 2025 die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland einholen wird. Das Einkommen pro Kopf wird dann zwar noch deutlich geringer sein als in Deutschland, dessen Gesamtleistung der Volkswirtschaft (gemessen als BIP) aber übersteigen.[21] Als einen der Hauptgründe dieser optimistischen Entwicklung sieht Indien seine demographische Entwicklung, die es als eine Art "Goldmine" betrachtet,[22] weil sie der Garant für geringe Löhne bei einer gleichzeitig wachsenden Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte ist.

Die USA profitieren infolge der intensiven Migrationsbeziehungen bereits von Indien als Billiglohnland in einem Hochtechnologiebereich und sichern dadurch die Wettbewerbsfähigkeit ihrer eigenen Volkswirtschaft. Deutschland sieht in Indien dagegen eher einen Konkurrenten als einen Partner. Dies spiegelt sich in der gesamten Migrationsdebatte in Deutschland wider, die nach wie vor äußerst defensiv geführt wird. Dabei lautet die Frage schon lange nicht mehr, wie können wir Migration (sei es aus ökonomischen, sozialen oder entwicklungspolitischen Gründen) verhindern oder kontrollieren, sondern wie können wir von Migration am meisten profitieren, wie es die USA vorgemacht haben. Diese veränderte Fragestellung ist nicht zuletzt angesichts unserer demographischen Entwicklung notwendig. Die Richtlinie kann nicht heißen: "Kinder statt Inder", sondern allenfalls "Kinder und Inder". Indien kann sich mittlerweile auch ohne Deutschland weiterentwickeln, umgekehrt wird die deutsche Wirtschaft, ohne auf den günstigen Produktionsstandort Indien zurückzugreifen, kaum international wettbewerbsfähig bleiben. Wer hätte damit gerechnet, als vor einigen Jahrzehnten in der Bundesrepublik Deutschland die Entscheidung getroffen wurde, als eine zentrale entwicklungspolitische Maßnahme das IIT Chennai finanziell zu unterstützen?


Fußnoten

21.
Vgl. Dominic Wilson/Roopa Purushothaman, Dreaming with BRICs: The Path to 2050, Goldman-Sachs: Global Economics Paper, (2003) 99, S. 3.
22.
Chirdeep Bagga, Youthful India will drive the economy, in: The Times of India vom 25. April 2005, S. 1.