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30.6.2005 | Von:
Karin Weiss

Vietnam: Netzwerke zwischen Sozialismus und Kapitalismus

Zahlreiche Vietnamesinnen und Vietnamesen wurden in der DDR qualifiziert oder haben dort gearbeitet. Es werden diejenigen Netzwerke geschildert, die diese zwischen Vietnam und Deutschland aufgebaut haben.

Einleitung

Redet man in der Bundesrepublik Deutschland über Zuwanderung aus Vietnam, ist damit meist von den Migrantinnen und Migranten die Rede, die als vietnamesische Kontingentflüchtlinge in den siebziger Jahren unter starker öffentlicher Anteilnahme in der Bundesrepublik aufgenommen wurden.[1] Weit weniger bekannt ist die Einwanderung der Vietnamesen, die als Schüler, Studierende, Auszubildende und Praktikanten seit den frühen fünfziger Jahren in die DDR kamen oder ab Beginn der achtziger Jahre als Vertragsarbeiter in der DDR eingesetzt wurden. Viele von ihnen sind nach Beendigung ihrer Ausbildung bzw. ihres Arbeitseinsatzes nach Vietnam zurückgekehrt und haben Beträchtliches für die Entwicklung Vietnams und der deutsch-vietnamesischen Beziehungen geleistet.[2]




Schon ab 1955 wurden Schülerinnen und Schüler aus Vietnam in der DDR aufgenommen. Sie waren nach einer Gruppe aus Nordkorea die zweite Gruppe von Kindern, die im Rahmen einer Solidaritätsaktion eine schulische und berufliche Ausbildung in der DDR erhielten. 1955/56 reisten die ersten 348 Kinder in die DDR ein und wurden in Dresden und Moritzburg aufgenommen. Viele dieser Kinder, die im Alter von 10 bis 14 Jahren in die DDR gekommen waren, kehrten erst als Erwachsene nach Vietnam zurück. Trotz unterschiedlichster Biographien verbindet sie aber bis heute auch in Vietnam ihr Leben in der DDR, noch heute führen sie den Namen "Moritzburger". Sie treffen sich regelmäßig und haben in ihren unterschiedlichen Berufen und sozialen Positionen die Entwicklung des heutigen Vietnams mit beeinflusst, wie in der Verbleibsstudie von Mirjam Freytag ausführlich dargestellt wird.[3]

Nach den "Moritzburgern" kamen weitere Gruppen von Vietnamesen zur Qualifizierung in die DDR. Insbesondere wurden im Rahmen der Aktion "Solidarität hilft siegen" Mitte der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre viele Studierende, Schüler und Lehrlinge aus Vietnam in der DDR ausgebildet, um das "sozialistische Bruderland" zu unterstützen.[4] Auch nach der Vereinigung der beiden vietnamesischen Staaten gingen weiterhin kontinuierlich Schüler, Studenten, Lehrlinge und Wissenschaftler aus Vietnam zur Qualifizierung in die DDR.


Fußnoten

1.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird der Plural bei Personen männlichen und weiblichen Geschlechts im Text nicht immer korrekt gebraucht. Männliche Formen sollen im Folgenden aber immer auch weibliche Personen mit einschließen.
2.
Die folgenden Aussagen über ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter(innen) und Studierende in der DDR stützen sich zum einen auf die vorliegenden Materialien und Schriften, einschließlich "grauer" Literatur. Zum anderen basieren sie auf Interviews mit Vertretern der Büros der Ausländerbeauftragten, vietnamesischen Vereinen. Die Daten wurden im Rahmen des Forschungsprojektes "From Foreignness to Social Citizenship - the History of Former Contract Workers in East Germany 1980 - 2000" an der Universität Wolverhampton, Großbritannien, erhoben. Leiter des Projektes waren Mike Dennis und Eva Kolinsky.
3.
Vgl. Mirjam Freytag, Die "Moritzburger" in Vietnam: Lebenswege nach einem Schul- und Ausbildungsaufenthalt in der DDR - Vermitteln in interkulturellen Beziehungen, Frankfurt/M. 1998.
4.
Vgl. Günter Wernicke, "Solidarität hilft siegen!" - Zur Solidaritätsbewegung mit Vietnam in beiden deutschen Staaten. Mitte der 60er bis Anfang der 70er Jahre, Hefte zur DDR-Geschichte, Nr. 72, Berlin 2001.