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30.6.2005 | Von:
Karin Weiss

Vietnam: Netzwerke zwischen Sozialismus und Kapitalismus

Neuorientierung im vereinten Deutschland

Mit der Vereinigung beider deutscher Staaten verblieben die Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter zunächst in einem rechtlich ungeklärten Raum. Im Gegensatz zu den ausländischen Arbeitnehmern in der Bundesrepublik Deutschland wurden sie nicht als reguläre Arbeitnehmer, sondern als Werkvertragsarbeiter eingestuft und erhielten damit lediglich eine befristete Aufenthaltsbewilligung für die Zeit des ursprünglich vereinbarten Arbeitsvertrages. Viele dieser Arbeitsverträge wurden jedoch im Zuge der "Wende" aufgelöst, da die zusammenbrechende ostdeutsche Wirtschaft die (Staats-)Verträge zwischen der DDR und Vietnam nicht mehr erfüllen konnte.[20] Es kam zu Änderungsverhandlungen mit den Entsendestaaten, denen allerdings durch den am 18. Mai 1990 unterzeichneten Staatsvertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion der beiden deutschen Staaten enge Grenzen gesetzt waren. Vertragsarbeiter, die in ihre Heimat zurückkehrten, erhielten eine Entschädigung von 3 000 DM und freien Rückflug. Da eine Vielzahl der Betriebe der DDR geschlossen wurde, sahen sich auch die Vertragsarbeiter kurz nach der Wende ganz überwiegend der Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Viele nahmen aus diesem Grunde das Angebot war, in ihre Heimat zurückzureisen.

Nach Angaben des Ministeriums für Arbeit, Invalide und Soziales der SR Vietnam kehrten bis 1995 45 000 bis 50 000 vietnamesische Vertragsarbeiter in ihre Heimat zurück.[21] Da fast alle Devisen mit nach Hause brachten, hatten die Rückkehrer für Vietnam eine wirtschaftliche Bedeutung. Sie führten im Schnitt 5 000 bis 7 000 Dollar Devisen mit.[22] Do Huang Phu, Handelsrat an der Vietnamesischen Botschaft in Ost-Berlin, nennt eine Summe zwischen 30 000 bis 40 000 DDR-Mark, die jeder Vertragsarbeiter im Durchschnitt während eines fünfjährigen Arbeitseinsatzes in der DDR sparte.[23] Neben diesen privaten Transfers kam es im Juni 1992 zu einem Abkommen zwischen Deutschland und Vietnam über Finanzierungshilfen zur Existenzgründung und beruflichen Eingliederung der ehemaligen Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen. Die Bundesrepublik stellte dafür insgesamt zehn Millionen DM zur Verfügung. Bis 1996 wurden im Rahmen dieses Abkommens 997 Projekte gefördert und 225 Lehrgänge bzw. 76 Existenzgründerseminare durchgeführt.[24] Vietnam war sich der Bedeutung der Rückkehrer für die Entwicklung des Landes durchaus bewusst. So sah das Ministerium schon 1991 in der Rückführung der Arbeitskräfte die Chance, einerseits mit Hilfe dieser Arbeitskräfte Joint-Venture-Projekte mit Deutschland zu initiieren und andererseits mit dem bereits in der DDR geschulten Personal neue Arbeitskräfteabkommen einzugehen, um weitere Devisen zu erhalten.


Fußnoten

20.
Vgl. dazu u. a. U. Sextro (Anm. 10).
21.
Vgl. Ministerium für Arbeit, Invalide und Sozialwesen des SR Vietnam, Konferenz zur Auswertung der Durchführung des vietnamesisch-deutschen Rückkehrerprogramms, Übersetzung durch die Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Hanoi, Hanoi 1996, S. 1.
22.
Vgl. ebd..
23.
Vgl. M. Dennis (Anm. 8), S. 29.
24.
Vgl. Ministerium für Arbeit, Invalide und Sozialwesen des SR Vietnam (Anm. 21), S. 4 ff.