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12.4.2005 | Von:
Johannes Giesecke
Martin Groß

Arbeitsmarktreformen und Ungleichheit

Empirische Evidenzen

Die vermuteten Auswirkungen der derzeitigen Arbeitsmarktreformen sind empirisch direkt noch nicht belegbar - die Folgen werden sich wohl eher mittel- bis langfristig zeigen. Will man dennoch empirisch basierte Aussagen über die möglichen Konsequenzen der aktuellen Arbeitsmarktreformen treffen, ist es sinnvoll, bereits bestehende flexible Beschäftigungsverhältnisse hinsichtlich ihrer sozio-ökonomischen Effekte zu untersuchen. In dem hier skizzierten Kontext interessieren vor allem solche Flexibilisierungsmaßnahmen, welche die Beschäftigungssicherheit untergraben und so die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer schwächen. Ein besonders geeignetes Beispiel für solche unsicheren Arbeitsverhältnisse ist in der befristeten Beschäftigung zu finden. Beschäftigte in solchen Stellen unterliegen aufgrund des fehlenden Kündigungsschutzes dem erhöhten Risiko eines Statusverlustes und haben wegen der eher kurzen Beschäftigungsdauer überproportional häufig keine oder nur reduzierte Ansprüche auf wohlfahrtsstaatliche Absicherungen.[9] Im Vergleich zu unbefristet beschäftigten ArbeitnehmerInnen ist ihr Verweigerungspotenzial gegenüber Forderungen seitens der Arbeitgeber dementsprechend geringer ausgeprägt. Die vermuteten Folgen der jetzigen Arbeitsmarktreformen - durchschnittliche Lohnverringerung und höhere individuelle Lohnvariation - sollten sich demnach auch für befristete Beschäftigungsverhältnisse, die sozusagen eine Art Vorreiter der jetzt stattfindenden Arbeitsmarktflexibilisierung darstellen könnten, finden lassen.

Die Vermutung, dass sich Arbeitslöhne in unsicherer Beschäftigung von denen in sicherer Beschäftigung bezüglich ihrer Höhe sowie ihrer Variation unterscheiden, lässt sich klar belegen. Abbildung 1 stellt sowohl die durchschnittlichen Bruttostundenlöhne als auch deren durchschnittliche Streuung für unbefristet sowie befristet beschäftigte westdeutsche Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in abhängiger Vollzeitbeschäftigung für den Zeitraum 1995 bis 1999 bzw. 2000 bis 2003 dar.[10] Zu erkennen ist erstens, dass die Löhne befristet Beschäftigter deutlich unter denen unbefristet beschäftigter ArbeitnehmerInnen liegen: Gemittelt über den gesamten Beobachtungszeitraum erhielten unbefristet beschäftigte Männer einen um elf Prozent höheren durchschnittlichen Stundenlohn als befristet Beschäftigte; bei den Frauen betrug die entsprechende Differenz ca. sieben Prozent. Zweitens zeigt sich, dass gleichzeitig die am Durchschnitt normierte Streuung der Löhne (Variationskoeffizient) zumindest für die männlichen befristet Beschäftigten höher ausfiel als die vergleichbaren Streuungen der unbefristet Beschäftigten. Es scheint zunächst also einiges darauf hin zu deuten, dass unsichere Beschäftigungsverhältnisse nicht nur mit Lohnabschlägen, sondern auch mit einer erhöhten Lohnspreizung verbunden sind. Weiterhin lässt sich aus der Abbildung 1 erkennen, dass die Lohnentwicklung für befristet Beschäftigte keineswegs parallel zur Lohnentwicklung unbefristet beschäftigter ArbeitnehmerInnen verlief: Während die (inflationsbereinigten) Bruttostundenlöhne für die unbefristet Beschäftigten zwischen den beiden Beobachtungszeiträumen leicht anstiegen, wiesen die Löhne befristet Beschäftigter sogar eine rückläufige Entwicklung auf. Insgesamt werden zwei scheinbar simultan verlaufende Entwicklungsprozesse in dem Sinne sichtbar, dass sich zeitgleich einerseits die Lohndifferenz zwischen befristeten und unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen erhöhte, es andererseits auch zu einer überproportionalen Zunahme der Spreizung bei den Arbeitslöhnen in befristeten Stellen kam. Die Entstrukturierung der Lohndetermination scheint bei permanent angespannter Arbeitsmarktlage und damit einhergehender sich verschärfender Statusbedrohung voranzuschreiten.

Um nun zu überprüfen, ob und inwieweit sich diese Befunde zwischen einzelnen Bildungsgruppen unterscheiden, sind in Abbildung 2 die Durchschnittslöhne bzw. die Lohnstreuungen getrennt nach dem Bildungsniveau der Beschäftigten dargestellt. Dabei wird zunächst deutlich, dass über alle Bildungsgruppen hinweg die Löhne für befristet Beschäftigte durchschnittlich geringer ausfallen als für unbefristet Beschäftigte, auch wenn sich diese Differenz zwischen den Bildungsgruppen ein wenig unterscheidet. Insofern kann der Lohnabschlag bei befristeten Stellen nur bedingt durch das Bildungsniveau der Beschäftigten erklärt werden. Weiterhin zeigt sich, dass die Zunahme der Lohnstreuung bei den befristeten Beschäftigungsverhältnissen insbesondere durch die angestiegene Lohnspreizung für befristet beschäftigte ArbeitnehmerInnen mit niedriger Bildung hervorgerufen wurde. Für die anderen Bildungsgruppen ist (mit Ausnahme der hoch qualifizierten Männer) ebenfalls eine Zunahme der Lohnstreuung zu beobachten, der Zuwachs bei den niedrig Qualifizierten fällt jedoch insgesamt überproportional aus.

Sind die dargestellten Lohnunterschiede nun tatsächlich auf die geringere Beschäftigungssicherheit befristeter Stellen zurückzuführen, oder ist nicht vielmehr die spezifische Zusammensetzung der Gruppe der befristet Beschäftigten dafür verantwortlich? Zahlreiche Studien machen deutlich, dass der Unterschied im Lohnniveau nicht etwa dadurch erklärt werden kann, dass befristet Beschäftigte weniger qualifiziert sind als unbefristet Beschäftigte oder dass sich befristete Stellen aufbestimmte Branchen beziehungsweise Arbeitsmarktsektoren konzentrieren.[11] Vielmehr deuten Modelle, die eine Vielzahl einkommensrelevanter Merkmale kontrollieren, darauf hin, dass die Minderverdienste in befristeter Beschäftigung zu einem erheblichen Teil auf die Unsicherheit dieser Beschäftigungsverhältnisse zurückgeführt werden können. So verdienen nach den Daten des SOEP befristet beschäftigte ArbeitnehmerInnen im Durchschnitt ca. fünf bis zehn Prozent weniger als unbefristet Beschäftigte, unabhängig von ihrem Bildungsniveau, der Branche, der Dauer ihrer Betriebszugehörigkeit oder anderen für das Einkommen relevanten Merkmalen.

Gleichzeitig zeigt sich, dass die individuellen Unterschiede der Arbeitnehmer in befristeter Beschäftigung stärker in den Löhnen reflektiert werden als bei den unbefristet Beschäftigten. Dies wird in den Einkommensmodellen dadurch sichtbar, dass die Determinationskraft der herkömmlich in diesen Modellen verwendeten soziostrukturellen Merkmale für befristete Beschäftigungsverhältnisse deutlich geringer ausfällt (vgl. die Tabelle, siehe PDF-Version).

So können beispielsweise bei den deutschen Männern mit unbefristeten Arbeitsverträgen ca. 38 Prozent der Variation in den Stundenlöhnen durch die beobachteten Merkmale erklärt werden, während es für die befristet beschäftigten Männer nur 30 Prozent sind.[12] Ein vergleichbares Ergebnis findet sich auch bei den Modellen für die deutschen Frauen. Insofern scheinen für die Lohndetermination von befristet Beschäftigten unbeobachtete Merkmale an Bedeutung zu gewinnen bzw. die "klassischen" Einflussgrößen unwichtiger zu werden. Dieser Befund stützt die These, dass mit zunehmender Beschäftigungsunsicherheit die Strukturierung sozialer Ungleichheit geringer wird.


Fußnoten

9.
Nach den Daten des Mikrozensus 2000 hatten knapp 60 Prozent der befristet Beschäftigten Vertragslaufzeiten von weniger als 18 Monaten (befristete Ausbildungsverhältnisse wurden hier nicht mitgezählt).
10.
Um eine gewisse Vergleichbarkeit zwischen den beiden Beschäftigungsgruppen zu gewährleisten, wurden hier nur Beschäftigte mit weniger als sechs Jahren Betriebszugehörigkeit betrachtet.
11.
Vgl. z.B. Johannes Giesecke/Martin Groß, External Labour Market Flexibility and Social Inequality, in: European Societies, 6 (2004) 3, S. 347-382; Tobias Hagen, Do Temporary Workers Receive Risk Premiums? Assessing the Wage Effects of Fixed-Term Contracts in West Germany by a Matching Estimator Compared with Parametric Approaches, in: Labour: Review of Labour Economics and Industrial Relations, 16 (2002) 4, S. 667 - 705; Antje Mertens/Frances McGinnity, Wages and Wage Growth of Fixed-Term Workers in East and West Germany, in: Applied Economics Quarterly, 50 (2004) 2, S. 139 - 163.
12.
Streng genommen sind die erklärten Variationen nicht direkt miteinander vergleichbar, da die befristet und unbefristet Beschäftigten sich in der Struktur der verwendeten Merkmale unterscheiden. Eine Neuberechnung des R(2) deutet aber darauf hin, dass die Erklärungskraft des Modells für befristet Beschäftigte mit ca. 28 Prozent noch geringer ausfiele, wenn die beiden Gruppen die gleiche Merkmalsstruktur aufweisen würden.