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12.4.2005 | Von:
Markus Gangl

Beschäftigungschancen von Arbeitslosen im internationalen Vergleich

Internationaler Vergleich

Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden einige empirische Ergebnisse zu den Beschäftigungschancen von Arbeitslosen in der Bundesrepublik, in Dänemark und den USA in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre vorgestellt. Die folgenden Analysen beruhen auf Erwerbsverlaufsdaten des Europäischen Haushaltspanels (European Community Household Panel, ECHP) bzw. des amerikanischen Survey of Income and Program Participation (SIPP). Insgesamt wurden Angaben von etwa 1.250 Arbeitslosen in der Bundesrepublik, knapp 2.450 Arbeitslosen in den USA sowie knapp 500 britischen und dänischen Arbeitslosen ausgewertet. Hierbei wurden jeweils nur Frauen und Männer im Alter zwischen 25 und 54 Jahren berücksichtigt, die einen Arbeitsplatz verloren hatten, d. h. vor der Arbeitslosigkeit jeweils beschäftigt waren. Bei den hier betrachteten Arbeitslosen handelt es sich also typischerweise weder um Berufseinsteiger oder -rückkehrerinnen noch um Personen in mehr oder minder verkappter Frühverrentung; vielmehr geht es um die Überwindung von Arbeitslosigkeit durch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die mitten im Erwerbsleben stehen.

Wenn im Folgenden von den Beschäftigungschancen dieser Arbeitslosen die Rede ist, dann ist damit die Wahrscheinlichkeit gemeint, zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder einer bezahlten Tätigkeit - im Sinne der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation - nachzugehen. Es wird dabei nicht weiter zwischen abhängigen oder selbständigen Tätigkeiten, zwischen befristeten oder unbefristeten Vertragsverhältnissen oder nach Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung differenziert. Stattdessen werden wir die Entwicklung der Beschäftigungschancen über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren nach Arbeitsplatzverlust betrachten. Unser Ziel besteht darin, zu ermitteln, wie stark individuelle Beschäftigungschancen in unterschiedlichen Ländern durch eine Arbeitslosigkeit beeinträchtigt werden, aber auch ob und wie rasch wieder eine Angleichung an einen "normalen" Karriereverlauf erfolgt.

Abbildung 2 zeigt die entsprechenden Ergebnisse für die Bundesrepublik. Betrachten wir zunächst den absoluten Verlauf: Hier wird zu vier Zeitpunkten T+0, T+1, T+2 und T+3 Jahre die Beschäftigungsquote von Arbeitslosen in der Bundesrepublik abgetragen. Der Zeitpunkt T+0 liegt unmittelbar vor dem Arbeitsplatzverlust, d.h., alle zukünftigen Arbeitslosen sind noch beschäftigt. Zwischen den beiden Zeitpunkten T+0 und T+1 tritt die Arbeitslosigkeit ein und die rot durchgezogene Linie gibt den Verlauf der tatsächlichen Beschäftigungschancen der Arbeitslosen über die nächsten etwa drei Jahre an. Zum Zeitpunkt T+1, d.h. im Durchschnitt etwa ein halbes Jahr nach Arbeitsplatzverlust, liegt die Beschäftigungsquote nur bei knapp 33 Prozent - die meisten Betroffenen sind also noch arbeitslos, und nur etwa ein Drittel hat bereits wieder eine Beschäftigung gefunden.

Über die Zeit nehmen die Beschäftigungschancen der Betroffenen dann allerdings sukzessive zu. Zum Zeitpunkt T+2 beträgt die Beschäftigungsquote bereits wieder über 50 Prozent und liegt zum Zeitpunkt T+3, d.h. etwa zweieinhalb Jahre nach Arbeitsplatzverlust, knapp unter 60 Prozent. Trotz des allmählichen Anstiegs der Beschäftigungsquote hat einrelativ hoher Anteil der Arbeitslosen in derBundesrepublik aber offenbar erhebliche Schwierigkeiten, wieder eine Beschäftigung zu erhalten - auch nach fast drei Jahren ist fast 40 Prozent der Arbeitslosen der Wiedereinstieg nicht geglückt (oder, soweit er bereits einmal geglückt war, sind die Betroffenen bereits zum wiederholten Mal arbeitslos geworden).

Abbildung 2 zeigt auch, dass dieser tatsächlich beobachtete Beschäftigungsverlauf in keiner Weise dem Karriereverlauf entspricht, den die von Arbeitslosigkeit Betroffenen ohne den Arbeitsplatzverlust eigentlich zu erwarten gehabt hätten. Durch einen statistischen Kontrollgruppenvergleich wurde dazu ermittelt, welche Beschäftigungschancen ansonsten vergleichbare Beschäftigte hatten, die jedoch bis zum Zeitpunkt T+1 nicht arbeitslos geworden waren.[7] Die ohne eine Arbeitslosigkeit zu erwartenden Beschäftigungschancen werden in Abbildung 2 durch die gestrichelte Linie "erwarteter Karriereverlauf" dargestellt. Dabei zeigt sich, dass es wohl auch ohne Arbeitsplatzverlust zwischen T+0 und T+1 vermutlich zu der einen oder anderen Erwerbsunterbrechung gekommen wäre - etwa aufgrund von Kinderbetreuung, wegen Aufnahme eines Studiums, aufgrund von Sabbaticals, Frühverrentung oder einfach aufgrund des Arbeitsplatzverlustes zu einem späteren Zeitpunkt (d.h. bei T+2 oder T+3). Allerdings liegt die Beschäftigungsquote der zunächst nicht von Arbeitslosigkeit Betroffenen zu allen drei Zeitpunkten deutlich über der Quote der (ehemals) Arbeitslosen, deren Beschäftigungschancen durch den Arbeitsplatzverlust also sowohl kurz- als auch mittelfristig beeinträchtigt wurden.

Der Grad der Beeinträchtigung der Erwerbschancen wird am besten in der relativen Betrachtung in Teil b der Abbildung 2 deutlich. Gemessen am zu erwartenden Karriereverlauf ohne Arbeitsplatzverlust liegt die Beschäftigungsquote der von Arbeitslosigkeit Betroffenen zum Zeitpunkt T+1 um gut 55 Prozentpunkte, zum Zeitpunkt T+2 um 27, und bei T+3 um immerhin noch 17 Prozentpunkte unter dem Erwerbspotenzial vergleichbarer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Anhand dieser Differenz zwischen tatsächlichem und erwartetem Erwerbsverlauf - des so genannten statistischen average treatment effect on the treated (ATT) - sehen wir also eine deutliche und nachhaltige Beeinträchtigung der Beschäftigungschancen durch Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik.

Wie stark diese Beeinträchtigung der Erwerbschancen in der Bundesrepublik tatsächlich ausfällt, wird allerdings erst im Vergleich mit der Überwindung von Arbeitslosigkeit in anderen Ländern augenfällig. In Abbildung 3 sind die entsprechenden Ergebnisse für die USA und für Dänemark wiedergegeben. Für beide - arbeitsmarktpolitisch sehr unterschiedlich zu verortende - Länder zeigt sich, dass Arbeitslose wesentlich schneller als in der Bundesrepublik wieder eine Beschäftigung aufnehmen. Zum Zeitpunkt T+1, also etwa sechs Monate nach Arbeitsplatzverlust, sind in beiden Ländern bereits etwa 55 Prozent der Betroffenen wieder in Arbeit - ein Wert, der in der Bundesrepublik gerade mal ein ganzes Jahr später, erst zum Zeitpunkt T+2, erreicht wird (siehe Abbildung 2/Teil a).

Anhand von Abbildung 3 wird allerdings ebenfalls der Sinn der relativen Betrachtungsweise deutlich. Obwohl die Entwicklung der absoluten Beschäftigungschancen in den USA und in Dänemark weitgehend ähnlich verläuft, fällt die durch Arbeitsplatzverlust ausgelöste Beeinträchtigung der Erwerbschancen in den USA wesentlich nachhaltiger aus als in Dänemark. Im außergewöhnlich positiven konjunkturellen Klima in den USA der späten neunziger Jahre wäre nämlich ohne den Arbeitsplatzverlust eine weitgehend durchgängige Vollbeschäftigung zu erwarten gewesen (Linie "erwarteter Karriereverlauf"). Infolgedessen ähnelt die Karrierewirkung des Arbeitsplatzverlustes in den USA durchaus dem deutschen Muster, während in Dänemark die Beschäftigungschancen bereits etwa eineinhalb Jahre nach Arbeitsplatzverlust wieder ein "normales" Niveau erreicht haben.[8]


Fußnoten

7.
Vgl. zu den statistischen Details die ausführlichere Darstellung in: Markus Gangl, Scar effects of unemployment: a cross-national comparison, Mannheim 2004.
8.
Es sollte angemerkt werden, dass sich trotz ähnlicher Gesamtergebnisse die dahinter liegenden Prozesse zwischen den USA und der Bundesrepublik unterscheiden. In der Bundesrepublik dürfte sich hier vor allem die hohe Langzeitarbeitslosigkeit wiederspiegeln, für die USA dagegen vor allem die nachhaltigen Schwierigkeiten, prekäre Beschäftigungssituationen zu vermeiden.