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12.4.2005 | Von:
Markus Gangl

Beschäftigungschancen von Arbeitslosen im internationalen Vergleich

Im internationalen Vergleich führen Arbeitsplatzverluste in der Bundesrepublik zu besonders nachhaltigen Beschäftigungsproblemen. Empirische Analysen belegen die Vorzüge einer ausgewogenen Balance von Flexibilität und Sicherheit im Arbeitsmarkt des skandinavischen Modells.

Einleitung

Das Problem der Arbeitslosigkeit berührt in vielfältiger Weise unser Verständnis und unsere Wertvorstellungen über die Funktionsweise moderner Gesellschaften, ihrer Arbeitsmärkte und Erwerbssysteme, aber auch der gesellschaftlichen Solidarität und der gerechten Verteilung von Lebenschancen. Arbeitslosigkeit bedeutet für die unmittelbar Betroffenen und ihre Familien zunächst den Verlust bisheriger Sicherheiten und eines geregelten Erwerbseinkommens. Damit gehen nicht selten anhaltende psychische und familiäre Probleme einher, die aus dieser Situation der Unsicherheit resultieren. Es handelt sich jedoch nicht nur um ein individuelles, sondern potenziell immer auch um ein soziales Problem. Aus volkswirtschaftlicher Sicht signalisiert Arbeitslosigkeit das Brachliegen individuellen Humankapitals und damit ungenutzten volkswirtschaftlichen Potenzials, gesellschaftspolitisch stellt sich unmittelbar das Problem des angemessenen sozialen Ausgleichs sowie der Vermeidung des erwerbsgesellschaftlichen Teufelskreises von hoher Arbeitslosigkeit und fehlender sozialer Integration.




Aus diesen gänzlich unterschiedlichen Motivlagen ergibt sich das Ziel der - individuell und kollektiv - möglichst raschen und nachhaltigen Bewältigung von Arbeitslosigkeit als praktisch unstrittiges arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisches Ziel. Der Vielfalt der Perspektiven entspricht, dass ebenso vielfältige arbeitsmarkt-, wirtschafts- oder sozialpolitische Lösungsstrategien angeboten werden, deren Ausrichtung und Umfang, aber auch prinzipielle Möglichkeit, Notwendigkeit oder gar Wünschbarkeit jeweils kontrovers diskutiert werden.

Zu selten gerät dabei in den Blick, dass die realen Arbeitsmärkte in den verschiedenen Industrienationen aus historischen Gründen recht unterschiedlich politisch reguliert sind und sich beispielsweise im Hinblick auf Stärke und Umfang von Arbeitsmarktregulierung, im Ausmaß der sozialstaatlichen Absicherung von Arbeitslosigkeit oder auch im Hinblick auf die Rolle der aktiven Arbeitsmarktpolitik unterscheiden. Die Erfahrungen, die in anders verfassten Arbeitsmärkten mit der Bewältigung von Arbeitslosigkeit gemacht werden, können also idealerweise dazu beitragen, die politische Debatte zu versachlichen, indem Grenzen und Chancen alternativer politischer Gestaltungsmöglichkeiten in der Realität ausgelotet werden.

In diesem Sinne werden im Beitrag einige empirische Ergebnisse zur Bewältigung von Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik, in den USA, sowie in Dänemark diskutiert. Die Analysen konzentrieren sich dabei auf die arbeitsmarkt- und sozialpolitisch bedeutsame Frage nach den Beschäftigungschancen von Arbeitslosen im Sinne einer sowohl raschen wie nachhaltigen Überwindung von Beschäftigungslosigkeit. Dabei wird sich zeigen, dass die Bewältigung von Arbeitslosigkeit in den verschiedenen Ländern unterschiedlich gut gelingt, jedoch gerade in der Bundesrepublik ein ausgesprochen großes Problem darstellt. Aus den arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen der erfolgreicheren Länder lassen sich somit wichtige Rückschlüsse für die Überwindung der Arbeitslosigkeit in Deutschland ziehen.

Arbeitsmarktpolitische Rahmenbedingungen

Vor Betrachtung der empirischen Daten ist allerdings die Frage zu beantworten, welche theoretischen Argumente dafür angeführt werden können, dass bzw. in welche Richtung die Beschäftigungschancen von Arbeitslosen durch arbeitsmarktpolitische Interventionen beeinflusst werden. Aus ökonomischer Sicht treten Personen, die durch Arbeitsplatzverlust arbeitslos geworden sind, zunächst in Konkurrenz zu anderen Gruppen als Arbeitsuchende im externen Arbeitsmarkt auf. Ihre Aussichten, die Arbeitsuche durch Einmündung in ein neues Beschäftigungsverhältnis zu beenden, sind dabei nach der ökonomischen Suchtheorie im Wesentlichen von drei Faktoren abhängig:[1] erstens der Arbeitsangebotsrate, d.h. der Häufigkeit, mit der Stellenangebote von Firmen in den Markt gelangen; zweitens den realen Arbeitsanreizen, d.h. der Wahrscheinlichkeit, dass Arbeitslose sich durch Annahme vorhandener Stellenangebote subjektiv besser stellen als durch den Verbleib in der Arbeitslosigkeit, sowie drittens der relativen Sucheffektivität (bestimmter Gruppen) von Arbeitslosen, d.h. von der Wahrscheinlichkeit, vorhandene Stellen auch tatsächlich angeboten zu bekommen, im Vergleich zu anderen Bewerbergruppen wie etwa Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die sich aus einer bestehenden Beschäftigung heraus beruflich verändern möchten, Berufseinsteigern oder aus der Erziehungspause wieder in den Arbeitsmarkt zurückkehrenden Müttern und Vätern.

Offensichtlich sind diese Größen in vielfältiger Weise und durch verschiedenste Instrumente potenziell politisch beeinflussbar, wenn auch sicher nicht determiniert. Es ist beispielsweise leicht vorstellbar, dass die Arbeitsangebotsrate im externen Arbeitsmarkt direkt von der konjunkturellen Lage abhängt und damit von geeigneten fiskal- oder industriepolitischen Maßnahmen beeinflusst werden kann. Im Folgenden soll allerdings der gesamte Bereich makroökonomischer Politik zugunsten der Frage nach den geeigneten arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen im engeren Sinn zurückgestellt werden. Diese stellen zum einen selbst ein sehr wichtiges originäres Feld der öffentlichen wie wissenschaftlichen Debatte dar, zum anderen erlauben die in dieser ländervergleichenden Studie zur Verfügung stehenden Daten vergleichsweise informativere Aufschlüsse über den empirischen Zusammenhang zwischen den Beschäftigungschancen von Arbeitslosen einerseits und den arbeitsrechtlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen von Arbeitsmärkten andererseits.

Wie Abbildung 1 anhand der Länderunterschiede in der sozialen Absicherung der Arbeitslosen sowie der Stärke des Kündigungsschutzes zeigt, lassen sich allein innerhalb der Länder der Europäischen Union vier grundsätzlich verschiedene Strategien der arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Regulierung des Arbeitsmarktgeschehens ausmachen.[2] Für die Bundesrepublik ist kennzeichnend, dass Arbeitnehmer nach wie vor auf beide Schutzmechanismen vertrauen können: Trotz einiger Lockerungen seit Mitte der achtziger Jahre genießen (vor allem unbefristet) Beschäftigte im internationalen Vergleich relativ weitgehende Schutzrechte vor Entlassungen bzw. greifen relativ großzügige Abfindungs- und Sozialplanregelungen im Falle einer eventuellen betriebsbedingten Kündigung. Im Falle des Arbeitsplatzverlustes sichert vor allem das Arbeitslosengeld für die weit überwiegende Mehrheit der Betroffenen für einen - im internationalen Vergleich - ebenfalls großzügig bemessenen Zeitraum den materiellen Lebensstandard zumindest hinreichend ab.

Innerhalb der Europäischen Union ist diese Form des Arbeitnehmerschutzes sowohl im Arbeitsrecht als auch durch eine adäquate soziale Absicherung vor allem in den kontinentaleuropäischen Ländern verbreitet, neben der Bundesrepublik etwa in Frankreich. Im Unterschied dazu verfügen die skandinavischen Länder - in der Grafik und in der unten folgenden Analyse durch Dänemark vertreten - zwar über ein mindestens ähnlich umfassendes System der sozialen Absicherung von Arbeitslosen, dieses existiert aber im Rahmen eines deutlich flexibleren, d.h. rechtlich weniger stark regulierten Arbeitsmarktes.

Genau das entgegengesetzte Modell des Arbeitnehmerschutzes verfolgen die meisten südeuropäischen Staaten, in denen die sozialstaatliche Absicherung von Arbeitslosen nur rudimentär, Arbeitnehmerschutzrechte dagegen sehr stark ausgebaut sind. In Abbildung 1 ist Italien ein Beispiel eines Arbeitsmarktes, in dem Kernbelegschaften noch einmal stärker vor Entlassung geschützt sind als etwa in der Bundesrepublik, in dem atypische Erwerbsformen, etwa befristete Verträge oder Zeitarbeit, nur sehr beschränkt möglich sind, wo aber gleichzeitig eine adäquate soziale Absicherung der Arbeitslosen praktisch völlig fehlt.

Ein viertes und letztes Regulierungsmodell wird schließlich in den angelsächsischen Ländern umgesetzt, in denen Arbeitnehmerschutz - in den USA traditionell, in Großbritannien seit den marktliberalen Reformen ab den achtziger Jahren - weder in Form arbeitsrechtlicher Regelungen noch durch eine adäquate sozialstaatliche Absicherung einen politischen Ausdruck erfährt, sondern das Arbeitsmarktgeschehen relativ weitgehend dem Spiel der Marktkräfte überlassen wird.

Hinter diesen unterschiedlichen Regulierungsmodellen stehen durchaus unterschiedliche Annahmen darüber, welche institutionellen Rahmenbedingungen der Überwindung von Arbeitslosigkeit zuträglich sind. Oder anders ausgedrückt: Es lassen sich theoretische Gründe dafür anführen, dass infolge der jeweiligen Rahmenbedingungen die Anreizstrukturen im Arbeitsmarkt im Sinne einer nachhaltigen Verbesserung der Beschäftigungschancen von Arbeitslosen gesetzt werden. Im Hinblick auf die Rolle der Arbeitslosenversicherung betont die ökonomische Theorie beispielsweise, dass Anreize zur (schnellen) Arbeitsuche durch Transferzahlungen verändert werden: Bei finanzieller Unterstützung der Arbeitslosen werden diese nur selektiv nach einer mehr oder minder adäquaten Wiederbeschäftigung suchen, wodurch sich gleichzeitig auch die Dauer der Arbeitslosigkeit tendenziell verlängert.[3]

Die soziale Absicherung von Arbeitslosen kann individuell wie volkswirtschaftlich positive oder negative Effekte haben. Welcher Effekt eintritt, hängt entscheidend davon ab, ob dabei die relative Verlängerung der Arbeitslosigkeitsdauer oder die besseren Ergebnisse einer selektiven Arbeitsplatzsuche den für die erfolgreiche Überwindung von Arbeitslosigkeit empirisch entscheidenden Effekt darstellt.[4]

Theoretisch ähnlich ambivalent sind potenzielle Effekte der Arbeitsmarktregulierung zu sehen. Ein stärker ausgeprägter Kündigungsschutz führt zunächst einmal sowohl zu einer Reduzierung als auch zu einer Umverteilung des Risikos von Arbeitsplatzverlusten: Bei einem institutionell starken Schutz der Kernbelegschaften verringert sich deren Arbeitslosigkeitsrisiko, gleichzeitig zeigen Ergebnisse empirischer Studien, dass Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Unsicherheit dann in der Regel verstärkt auf periphere Gruppen im Arbeitsmarkt - etwa auf Berufseinsteiger - abgewälzt werden.[5] Verteilungspolitisch könnte dies sogar bis zu einem gewissen Grad sinnvoll sein, wenn dadurch Arbeitslosigkeit vor allem auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer konzentriert würde, die diese relativ leicht überwinden können. Negativer ist dabei allerdings, dass mit einem stärkeren Kündigungsschutz auch eine insgesamt geringere Arbeitsmarktdynamik sowie ein eher risikoarmes Einstellungsverhalten von Arbeitgebern einhergeht, wodurch sich die Beschäftigungschancen von Arbeitslosen jeweils tendenziell verschlechtern würden.[6]

Sowohl für die Rolle der Arbeitsmarktregulierung als auch für die Auswirkungen der sozialen Sicherung lässt sich Folgendes feststellen: Weder die Relevanz der unterschiedlichen und zum Teil konträren Effekte arbeitsmarktpolitischer Instrumente noch ihre schlussendliche Nettowirkung oder gar die Folgen des Zusammenwirkens unterschiedlicher Institutionen lassen sich einfach theoretisch erschließen. Sie können nur durch eine empirische Analyse der ganz realen Schwierigkeiten von Arbeitslosen, diesen Zustand unter unterschiedlichen arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen nachhaltig wieder zu überwinden, geklärt werden. Dabei sollte gerade der internationale Vergleich zwischen institutionell sehr unterschiedlich verfassten Arbeitsmärkten Aufschluss darüber geben, welche Kombination arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Instrumente am ehesten einer raschen wie nachhaltigen Überwindung von Arbeitslosigkeit zuträglich ist.

Internationaler Vergleich

Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden einige empirische Ergebnisse zu den Beschäftigungschancen von Arbeitslosen in der Bundesrepublik, in Dänemark und den USA in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre vorgestellt. Die folgenden Analysen beruhen auf Erwerbsverlaufsdaten des Europäischen Haushaltspanels (European Community Household Panel, ECHP) bzw. des amerikanischen Survey of Income and Program Participation (SIPP). Insgesamt wurden Angaben von etwa 1.250 Arbeitslosen in der Bundesrepublik, knapp 2.450 Arbeitslosen in den USA sowie knapp 500 britischen und dänischen Arbeitslosen ausgewertet. Hierbei wurden jeweils nur Frauen und Männer im Alter zwischen 25 und 54 Jahren berücksichtigt, die einen Arbeitsplatz verloren hatten, d. h. vor der Arbeitslosigkeit jeweils beschäftigt waren. Bei den hier betrachteten Arbeitslosen handelt es sich also typischerweise weder um Berufseinsteiger oder -rückkehrerinnen noch um Personen in mehr oder minder verkappter Frühverrentung; vielmehr geht es um die Überwindung von Arbeitslosigkeit durch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die mitten im Erwerbsleben stehen.

Wenn im Folgenden von den Beschäftigungschancen dieser Arbeitslosen die Rede ist, dann ist damit die Wahrscheinlichkeit gemeint, zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder einer bezahlten Tätigkeit - im Sinne der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation - nachzugehen. Es wird dabei nicht weiter zwischen abhängigen oder selbständigen Tätigkeiten, zwischen befristeten oder unbefristeten Vertragsverhältnissen oder nach Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung differenziert. Stattdessen werden wir die Entwicklung der Beschäftigungschancen über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren nach Arbeitsplatzverlust betrachten. Unser Ziel besteht darin, zu ermitteln, wie stark individuelle Beschäftigungschancen in unterschiedlichen Ländern durch eine Arbeitslosigkeit beeinträchtigt werden, aber auch ob und wie rasch wieder eine Angleichung an einen "normalen" Karriereverlauf erfolgt.

Abbildung 2 zeigt die entsprechenden Ergebnisse für die Bundesrepublik. Betrachten wir zunächst den absoluten Verlauf: Hier wird zu vier Zeitpunkten T+0, T+1, T+2 und T+3 Jahre die Beschäftigungsquote von Arbeitslosen in der Bundesrepublik abgetragen. Der Zeitpunkt T+0 liegt unmittelbar vor dem Arbeitsplatzverlust, d.h., alle zukünftigen Arbeitslosen sind noch beschäftigt. Zwischen den beiden Zeitpunkten T+0 und T+1 tritt die Arbeitslosigkeit ein und die rot durchgezogene Linie gibt den Verlauf der tatsächlichen Beschäftigungschancen der Arbeitslosen über die nächsten etwa drei Jahre an. Zum Zeitpunkt T+1, d.h. im Durchschnitt etwa ein halbes Jahr nach Arbeitsplatzverlust, liegt die Beschäftigungsquote nur bei knapp 33 Prozent - die meisten Betroffenen sind also noch arbeitslos, und nur etwa ein Drittel hat bereits wieder eine Beschäftigung gefunden.

Über die Zeit nehmen die Beschäftigungschancen der Betroffenen dann allerdings sukzessive zu. Zum Zeitpunkt T+2 beträgt die Beschäftigungsquote bereits wieder über 50 Prozent und liegt zum Zeitpunkt T+3, d.h. etwa zweieinhalb Jahre nach Arbeitsplatzverlust, knapp unter 60 Prozent. Trotz des allmählichen Anstiegs der Beschäftigungsquote hat einrelativ hoher Anteil der Arbeitslosen in derBundesrepublik aber offenbar erhebliche Schwierigkeiten, wieder eine Beschäftigung zu erhalten - auch nach fast drei Jahren ist fast 40 Prozent der Arbeitslosen der Wiedereinstieg nicht geglückt (oder, soweit er bereits einmal geglückt war, sind die Betroffenen bereits zum wiederholten Mal arbeitslos geworden).

Abbildung 2 zeigt auch, dass dieser tatsächlich beobachtete Beschäftigungsverlauf in keiner Weise dem Karriereverlauf entspricht, den die von Arbeitslosigkeit Betroffenen ohne den Arbeitsplatzverlust eigentlich zu erwarten gehabt hätten. Durch einen statistischen Kontrollgruppenvergleich wurde dazu ermittelt, welche Beschäftigungschancen ansonsten vergleichbare Beschäftigte hatten, die jedoch bis zum Zeitpunkt T+1 nicht arbeitslos geworden waren.[7] Die ohne eine Arbeitslosigkeit zu erwartenden Beschäftigungschancen werden in Abbildung 2 durch die gestrichelte Linie "erwarteter Karriereverlauf" dargestellt. Dabei zeigt sich, dass es wohl auch ohne Arbeitsplatzverlust zwischen T+0 und T+1 vermutlich zu der einen oder anderen Erwerbsunterbrechung gekommen wäre - etwa aufgrund von Kinderbetreuung, wegen Aufnahme eines Studiums, aufgrund von Sabbaticals, Frühverrentung oder einfach aufgrund des Arbeitsplatzverlustes zu einem späteren Zeitpunkt (d.h. bei T+2 oder T+3). Allerdings liegt die Beschäftigungsquote der zunächst nicht von Arbeitslosigkeit Betroffenen zu allen drei Zeitpunkten deutlich über der Quote der (ehemals) Arbeitslosen, deren Beschäftigungschancen durch den Arbeitsplatzverlust also sowohl kurz- als auch mittelfristig beeinträchtigt wurden.

Der Grad der Beeinträchtigung der Erwerbschancen wird am besten in der relativen Betrachtung in Teil b der Abbildung 2 deutlich. Gemessen am zu erwartenden Karriereverlauf ohne Arbeitsplatzverlust liegt die Beschäftigungsquote der von Arbeitslosigkeit Betroffenen zum Zeitpunkt T+1 um gut 55 Prozentpunkte, zum Zeitpunkt T+2 um 27, und bei T+3 um immerhin noch 17 Prozentpunkte unter dem Erwerbspotenzial vergleichbarer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Anhand dieser Differenz zwischen tatsächlichem und erwartetem Erwerbsverlauf - des so genannten statistischen average treatment effect on the treated (ATT) - sehen wir also eine deutliche und nachhaltige Beeinträchtigung der Beschäftigungschancen durch Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik.

Wie stark diese Beeinträchtigung der Erwerbschancen in der Bundesrepublik tatsächlich ausfällt, wird allerdings erst im Vergleich mit der Überwindung von Arbeitslosigkeit in anderen Ländern augenfällig. In Abbildung 3 sind die entsprechenden Ergebnisse für die USA und für Dänemark wiedergegeben. Für beide - arbeitsmarktpolitisch sehr unterschiedlich zu verortende - Länder zeigt sich, dass Arbeitslose wesentlich schneller als in der Bundesrepublik wieder eine Beschäftigung aufnehmen. Zum Zeitpunkt T+1, also etwa sechs Monate nach Arbeitsplatzverlust, sind in beiden Ländern bereits etwa 55 Prozent der Betroffenen wieder in Arbeit - ein Wert, der in der Bundesrepublik gerade mal ein ganzes Jahr später, erst zum Zeitpunkt T+2, erreicht wird (siehe Abbildung 2/Teil a).

Anhand von Abbildung 3 wird allerdings ebenfalls der Sinn der relativen Betrachtungsweise deutlich. Obwohl die Entwicklung der absoluten Beschäftigungschancen in den USA und in Dänemark weitgehend ähnlich verläuft, fällt die durch Arbeitsplatzverlust ausgelöste Beeinträchtigung der Erwerbschancen in den USA wesentlich nachhaltiger aus als in Dänemark. Im außergewöhnlich positiven konjunkturellen Klima in den USA der späten neunziger Jahre wäre nämlich ohne den Arbeitsplatzverlust eine weitgehend durchgängige Vollbeschäftigung zu erwarten gewesen (Linie "erwarteter Karriereverlauf"). Infolgedessen ähnelt die Karrierewirkung des Arbeitsplatzverlustes in den USA durchaus dem deutschen Muster, während in Dänemark die Beschäftigungschancen bereits etwa eineinhalb Jahre nach Arbeitsplatzverlust wieder ein "normales" Niveau erreicht haben.[8]

Diskussion der Ergebnisse

Welche Rückschlüsse lassen sich aus diesem Ländervergleich für die Ausgestaltung der arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen in der Bundesrepublik ziehen? Nun, sicherlich hat eine moderne Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik nicht allein auf das Ziel einer möglichst erfolgreichen Überwindung von Arbeitslosigkeit ausgerichtet zu sein. Dennoch scheint das Ergebnis, dass die Bewältigung von Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik offenkundig besonders schlecht gelingt, im Hinblick auf die wirtschafts- und gesellschaftspolitische Bedeutung derselben doch bedenkenswert.

Die vorliegenden Ergebnisse sollten allerdings auch nicht als arbeitsmarkt- und sozialpolitisch determiniert missverstanden werden. Tiefer gehende Analysen zeigen, dass sich Beschäftigungschancen von Arbeitslosen immer aus dem Zusammenspiel wirtschaftlicher und institutioneller Rahmenbedingungen ergeben: Die Bewältigung von Arbeitslosigkeit gelingt leichter in Zeiten (und Ländern) mit höherem wirtschaftlichen Wachstum und schwächerem wirtschaftlichen Strukturwandel - aber eben auch unter bestimmten arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen. Die Entwicklung einer geeigneten makroökonomischen Politik wie einer adäquaten Arbeitsmarktpolitik sind somit keine unvereinbaren Gegensätze, sondern können sich in ihren Wirkungen sinnvoll ergänzen und potenziell sogar verstärken.[9]

Wie aber sähen geeignete arbeitsmarktpolitische Rahmenbedingungen zur raschen wie nachhaltigen Überwindung von Arbeitslosigkeit aus? Nach den hier vorgestellten Ergebnissen sind die skandinavischen Länder besonders erfolgreich, weil sie auf eine angemessene Balance zwischen Flexibilität und Sicherheit im Arbeitsmarkt setzen. Im Rahmen einer sozial abgesicherter Flexibilität gelingt offenbar die Bewältigung des wirtschaftlichen Wandels vergleichsweise besser als im angelsächsischen Modell weitgehend fehlenden Arbeitnehmerschutzes einerseits, aber eben auch im kontinentaleuropäischen Modell des stark regulativen wie sozialpolitischen Schutzes der Arbeitnehmer andererseits.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Hartz-Reformen der Bundesregierung damit insgesamt als verdienstvoll, um die Notwendigkeit von arbeitsmarktpolitischen Reformen zu signalisieren und insbesondere durch verstärktes "Fordern und Fördern" verbesserte Anreize zur Bewältigung von Arbeitslosigkeit zu schaffen. Wenn nach der entsprechenden Neugestaltung der sozialen Absicherung nun auch noch in der nächsten Zeit eine entsprechende Neuausrichtung der arbeitsmarktpolitischen Programme der Bundesagentur gelingt, dann dürfte ein erhebliches Maß arbeitsmarktpolitischer Reformarbeit geleistet worden sein, ohne dass dadurch die soziale Absicherung von Arbeitslosen wesentlich beeinträchtigt wird. Die Ergebnisse der hier vorgestellten Studie legen aber gleichzeitig nahe, dass die nächste Aufgabe der Bundesregierung lauten muss, nach Möglichkeit nun auch die zweite Seite der Medaille in den Blick zu nehmen: die Ausgestaltung eines modernisierten und vereinfachten Kündigungsschutzes, der Arbeitnehmerschutz unter den Bedingungen einer sich wandelnden Wirtschaft realisieren kann, ohne einerseits diese Wandlungsprozesse zu behindern oder andererseits legitime Schutzrechte der Arbeitnehmer aufzugeben.

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Fußnoten

1.
Die im Beitrag vorgestellten empirischen Arbeiten beruhen auf Daten des amerikanischen Survey of Income and Program Participation sowie des European Community Household Panel Survey. Diese Datensätze wurden freundlicherweise durch das Bureau of the Census, Washington D.C., bzw. durch Eurostat zur Verfügung gestellt. Beide Institutionen tragen selbstverständlich keine inhaltliche Verantwortung für die hier vorgestellten Analysen und Ergebnisse. Der Beitrag entstand im Rahmen des vom Autor geleiteten ESF-DFG-Projektes Human Capital Effects of the Welfare State.Vgl. z.B. Christopher A. Pissarides, Job search and the functioning of labour markets, in: Derek Carline u.a. (Hrsg.), Labour Economics, London 1985, zu einer ausführlicheren Darstellung der ökonomischen Suchtheorie und verwandter Modelle des Arbeitsmarktes.
2.
Vgl. dazu z.B. G?sta Esping-Andersen, Social Foundations of Postindustrial Economies, Oxford 1999.
3.
Vgl. etwa Anthony B. Atkinson/John Micklewright, Unemployment compensation and labor market transitions: a critical review, in: Journal of Economic Literature, 24 (1991) 4, S. 1679 - 1727.
4.
Vgl. zur Diskussion etwa Daron Acemoglu, Good Jobs versus Bad Jobs, in: Journal of Labor Economics, 19 (2001) 1, S. 1 - 21; zum Nachweis positiver Sucheffekte der Arbeitslosenunterstützung siehe Markus Gangl, Welfare states and the scar effects of unemployment, in: American Journal of Sociology, 109 (2004) 6, S. 1319 - 1364.
5.
Vgl. etwa G?sta Esping-Andersen, Who is harmed by labour market regulations?, in: ders./Mario Regini (Hrsg.) Why deregulate labour markets?, Oxford 2000.
6.
Vgl. zum Zusammenhang von Arbeitsmarktregulierung und Arbeitsmarktdynamik z.B. OECD, Employment Protection and Labour Market Performance, in: OECD Employment Outlook, Paris 1999, S. 49 - 132; zum Zusammenhang von Arbeitsmarktregulierung und Einstellungschancen von Arbeitslosen z.B. Markus Gangl, Institutions and the structure of labour market matching in the United States and West Germany, in: European Sociological Review, 20 (2004) 3, S. 171 - 187.
7.
Vgl. zu den statistischen Details die ausführlichere Darstellung in: Markus Gangl, Scar effects of unemployment: a cross-national comparison, Mannheim 2004.
8.
Es sollte angemerkt werden, dass sich trotz ähnlicher Gesamtergebnisse die dahinter liegenden Prozesse zwischen den USA und der Bundesrepublik unterscheiden. In der Bundesrepublik dürfte sich hier vor allem die hohe Langzeitarbeitslosigkeit wiederspiegeln, für die USA dagegen vor allem die nachhaltigen Schwierigkeiten, prekäre Beschäftigungssituationen zu vermeiden.
9.
Vgl. dazu auch Günther Schmid, Wege in eine neue Vollbeschäftigung, Frankfurt 2002.