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4.4.2005 | Von:
Grisha Alroi-Arloser

Deutschland und Israel aus israelischer Sicht

Formalisierung ist nicht gleich Normalisierung

Es hat sich so etwas wie Normalität eingestellt. Junge Israelis besuchen in großer und wachsender Zahl das Goethe-Institut, um Deutsch zu lernen, weil sie sich beruflich etwas davon versprechen, weil sie in Deutschland studieren wollen oder bereits geschäftliche Kontakte pflegen, die vertieft werden sollen. Wenn der deutsche Botschafter zum 3. Oktober in die Residenz in Herzliya einlädt, die weit über tausend Gäste auf Deutsch begrüßt und ein gemischter Chor beide Nationalhymnen singt, gibt es kaum noch jemanden, der sich daran stört. (Einer der prominenten Gäste sagte mir leise, er hätte es persönlich besser gefunden, wenn die Gesangsgruppe statt des deutschen Textes nur "lalala gesungen" hätte, aber er lächelte dabei.)

Tausende Israelis machen pragmatisch von ihrem Recht Gebrauch, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen, da sie so in den Besitz eines europäischen Passes gelangen. Israelische Unternehmen stellen vermehrt auf deutschen Messen aus und gehen Joint Ventures mit deutschen Partnern ein. Israelis investieren mittlerweile doppelt so viel in Deutschland wie Deutsche in Israel. Sie engagieren sich in Deutschlands Hightech-Branche, im Immobilien- und Hotelgewerbe, gründen Niederlassungen und Servicezentren. Das bilaterale Handelsvolumen ist größer als der Handelsumfang der Bundesrepublik mit jedem anderen Land in der Region, einschließlich Iran, Saudi-Arabien und Ägypten.

Die Israelis wissen, dass sie sich im Grunde auf Deutschland verlassen können, und zwar in fast jeder Hinsicht. Die Rolle Deutschlands bei der wirtschaftlichen Festigung des jüdischen Staates ist bekannt. Kaum eine israelische Stadt unterhält keine Städtepartnerschaft in Deutschland. Der Handel blüht, ebenso die Rüstungskooperation. Deutsche Produkte erfreuen sich wachsender Beliebtheit, und wenn es einigermaßen friedlich ist, gibt es einen regen Schüler-, Jugend-, Studenten- und Kulturaustausch. Deutschland vertritt noch am ehesten israelische Interessen in der EU, und 40 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen erweist sich die Formalisierung dieser Beziehungen als überaus gelungen.

Dennoch kann aus israelischer Sicht das F der Formalisierung nicht ohne weiteres gegen ein N der Normalisierung ausgetauscht werden. Israelis stellen sogar ab und an die Frage, ob nicht die verfrühte israelische Bereitschaft zur Formalisierung Tür und Tor geöffnet habe für eine weit weniger wünschenswerte Normalisierung. Sie glauben nämlich, dass es im Grunde keine normalen zwischenstaatlichen Beziehungen geben könne, vor allem dann nicht, wenn Normalität das Ende der Einzigartigkeit dieser Beziehungen bedeutet.

Gerade der Sympathieverlust, den Israel seit der Wiedervereinigung und nochmals verstärkt seit September 2000 in der deutschen Öffentlichkeit erfahren hat, verunsichert die Israelis. Hatte Henryk M. Broder Recht mit seiner provokanten Formulierung "Auschwitz werden uns die Deutschen nie verzeihen"? Wie sonst sei es zu erklären, fragt man sich, dass Israel gerade in Deutschland mittlerweile als eines der unsympathischsten Länder gilt, dass Deutsche in Israel die größte Bedrohung für den Weltfrieden erkennen und Israel allein für den Konflikt im Nahen Osten verantwortlich machen? Wenn das "Normalität" bedeutet, dann muss man sie ablehnen.