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4.4.2005 | Von:
Grisha Alroi-Arloser

Deutschland und Israel aus israelischer Sicht

Kritik aus Deutschland

Die Wahrnehmung Deutschlands in Israel ist und bleibt äußerst selektiv. Rassistische und vor allem antisemitische Vorkommnisse werden sofort zur Kenntnis genommen, deutsche Außenpolitik auf ihre political correctness überprüft, wobei das als richtig gilt, was sich mit Israels Interessen in Einklang bringen lässt, vor allem aber wird genau hingehört, wenn es deutsche Kritik an Israel gibt. Fast immer wird dann die Frage nach der Legitimität solcher Kritik gestellt. Mittlerweile hat man sich zwar daran gewöhnt und ist nicht gleich alarmiert, wenn aus Deutschland verhalten Kritik am israelischen Vorgehen gegen die Palästinenser zum Ausdruck gebracht wird, aber sobald diese Kritik an den Grundfesten israelischen Selbstverständnisses zu rütteln scheint - der Gedanke an Binationalität; das Rückkehrrecht der Palästinenser; Diskussionen über die Verhältnismäßigkeit der Mittel; Infragestellung des israelischen Gründungsethos -, tritt unausweichlich die Vergangenheit auf den Plan. Solche Kritik steht am schnellsten unter Antisemitismusverdacht, wenn sie von Deutschen geäußert wird, auch wenn ähnliche Positionen in Israel selbst als durchaus legitim, zumindest diskussionswürdig gelten.

Israelis begegnen Deutschen dennoch offener als umgekehrt, weil sie ihnen im Normalfall "nur" Vergangenes entgegenhalten können, sich aber dessen bewusst sind, dass es keine persönliche Verantwortung der Nachgeborenen gibt. Deutsche hingegen sind auch einzelnen Israelis gegenüber zunehmend distanzierter, weil sie ihnen kollektive Verantwortung für Gegenwärtiges aufbürden. Das ist deshalb fatal, weil durch das israelische Zugehen bei gleichzeitigem deutschen Zurückweichen die Distanz gleich bleibt oder sogar größer wird.

Es scheint, als stünden beide Seiten ständig auf dem Prüfstand des anderen: Deutschland muss den Israelis beweisen, dass es unumstößlich zum Judenstaat steht - nach allem, was war. Tut es das vermeintlich auch nur ansatzweise nicht, dann hat man es ja immer gewusst. Und Israel muss sich des deutschen Schuldbekenntnisses würdig erweisen. Tut es das nicht, kann die eigene Schuld so groß nicht gewesen sein. Beide Pathologien machen deutlich, dass auch 60 Jahre nach Kriegsende die deutsch-jüdische Katastrophe die Sicht aufeinander und damit das Verhältnis zueinander bestimmt.

Heinrich Heine wandte sich 1831 mit einem Gedicht an den "Rabbi von Bacherach". Wir wissen, dass das lyrische Ich der Jude ist und Edom der Christ. Aber 150 Jahre nach Heines Tod verblüfft das Poem in seiner Aktualität für das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden, mehr noch zwischen Deutschen und Israelis. An Edom! Ein Jahrtausend schon und länger, Dulden wir uns brüderlich, Du, du duldest, dass ich atme, Dass du rasest, dulde Ich. Manchmal nur, in dunkeln Zeiten, Ward dir wunderlich zu Mut, Und die liebefrommen Tätzchen Färbtest du mit meinem Blut! Jetzt wird unsre Freundschaft fester, Und noch täglich nimmt sie zu; Denn ich selbst begann zu rasen, Und ich werde fast wie Du.

Nur wenn Deutsche und Israelis begreifen, dass ein wichtiger Teil ihrer so gegensätzlichen Identitäten und unterschiedlichen Schlussfolgerungen in jenen verdammten zwölf Jahren des Tausendjährigen Reiches begründet sind, gibt es Hoffnung auf gesunde "Normalität" in den Beziehungen. "Normal" in einem derart tragisch verstrickten Beziehungsgeflecht ist aber nichts anderes als die Anerkennung des Außergewöhnlichen, die Akzeptanz des Unnormalen und die Bejahung der Selbstpositionierung des anderen als zumindest nachvollziehbar, auch wenn sie der eigenen diametral entgegengesetzt ist.

Der einzige gangbare Weg, dies zu erreichen, ist der persönliche, unvoreingenommene Kontakt. Nur die menschlichen Beziehungen zwischen Deutschen und Israelis haben die Krisen überdauert. Sie erwiesen sich als verlässlich während des Golfkriegs und in Zeiten offizieller Distanzierung und veröffentlichter Kritik. Es ist bedauerlich, dass die Zahl deutscher Besucher in Israel in den vergangenen Jahren stärker zurückgegangen ist als die aus anderen Ländern. In guten Zeiten machten Deutsche zehn Prozent aller Touristen aus, heute sind es nicht einmal mehr fünf.

Gerade im 40. Jahr der Aufnahme diplomatischer Beziehungen sollten beide Seiten versuchen, mehr Kontaktmöglichkeiten zu schaffen und zu nutzen. In Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Forschung entstehen seit Jahren nachhaltige, enge und schließlich freundschaftliche Beziehungen, die auf Interessengemeinschaft begründet sind. Sie sind lebendig, zukunftsorientiert und belastbar. Auch unter solchen Kooperationspartnern mag es tagespolitische Meinungsverschiedenheiten geben, doch stellen sie den anderen niemals grundsätzlich in Frage und lassen keinen Zweifel an seiner Integrität und Verlässlichkeit aufkommen.

Man sagt, Frauen treten in der Hoffnung vor den Altar, dass ihre Männer sich mit der Zeit verändern, während Männer sich beim Jawort heimlich wünschen, ihre Frauen mögen für immer so bleiben wie an diesem Tag. Vor 40 Jahren war es zwischen Deutschland und Israel wohl ähnlich: Deutsche hofften, dass Israel sich nie verändern würde, und Israelis hegten den Wunsch, dass Deutschland es täte. Es scheint, dass beide Wünsche nicht wirklich in Erfüllung gehen konnten, ganz wie im richtigen Leben. Ist das ein Scheidungsgrund? Wer weiß. Hauptsache, es wird was aus den Kindern, und es geht ihnen gut.