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4.4.2005 | Von:
Benyamin Neuberger

Israel und Deutschland: Emotionen, Realpolitik und Moral

Emotionen

Israels frühe Politik gegenüber Deutschland bis 1951 war stark von Emotionen geprägt. Sofort nach der Staatsgründung wurde beschlossen, jedem Deutschen die Einreise und jedem Israeli die Reise nach Deutschland zu verbieten; jeder israelische Pass trug bis 1956 den Vermerk "außer Deutschland"[3]. Israelischen Diplomaten war es untersagt, mit ihren deutschen Kollegen in Kontakt zu kommen.[4] Jeder Handel mit Deutschland war verboten. Als 1950 die Westmächte den Kriegszustand mit Deutschland für beendet erklärten, protestierte Israel und erwog sogar, Deutschland rückwirkend ab der Staatsgründung den Krieg zu erklären.[5] Die deutsche Sprache, immerhin die Sprache Theodor Herzls, wurde als "Nazisprache" aus dem Radio und vom Theater verbannt. An der Hebräischen Universität in Jerusalem wurde bis Ende der fünfziger Jahre kein Deutsch unterrichtet. Die Einfuhr deutscher Bücher, Zeitschriften und Zeitungen war verboten. Es wurde sogar überlegt, Juden die sich nach 1945 in Deutschland ansiedelten, die Einwanderung nach Israel zu untersagen.

Dieser emotionale Boykott Deutschlands betraf auch die historisch unbelastete SPD. Die Arbeiterpartei (MAPAI) boykottierte die SPD und versuchte, ihre Aufnahme in internationale Gremien (z.B. die Sozialistische Internationale und die Internationale Freier Gewerkschaften) zu verhindern.[6] Auf dem Treffen der COMISCO (Committee of International Socialist Conferences) 1947 weigerte sich die MAPAI-Delegierte Golda Meir Kurt Schumacher, der doch zehn Jahre lang in NS-Gefängnissen gesessen hatte, die Hand zu geben.[7] Für sie war jeder Deutsche ein Nazi.[8]

Im Jahre 1952 gefährdete die Auseinandersetzung über das Wiedergutmachungsabkommen die Existenz von Israels junger Demokratie. Das Land war polarisiert zwischen Befürwortern und Gegnern dieses ersten deutsch-israelischen Abkommens. Während der Verhandlungen in Wassenaar war es den israelischen Delegierten verboten, mit den deutschen Delegierten auf Deutsch zu sprechen.[9] Sogar das Rauchen war ihnen untersagt, damit die deutschen Partner ihnen kein Feuer anbieten konnten.[10]

Die Gegner der Verhandlungen kamen von rechts (insbesondere aus der Nationalbewegung Herut unter Menachem Begin), aber auch von der Mitte (Allgemeine Zionisten) und links (MAPAM und Kommunisten). Auch im Regierungslager, vor allem in den orthodoxen Parteien, aber auch in der MAPAI, gab es Opposition. Während der Knesset-Debatte am 7. Januar 1952 mobilisierte Herut Zehntausende von Demonstranten, welche die Knesset mit Steinen bewarfen und zu stürmen versuchten. Es gab über hundert Verletzte. Begin rief damals die Demonstranten auf, die Regierung wenn nötig mit Gewalt zu stürzen, um den "Verrat" am jüdischen Volk zu verhindern.

In der historischen Knesset-Debatte am 8. Januar 1952 sagte der Allgemeine Zionist Josef Sapir, "dass es ein Fehler sein würde, wenn wir den irrationalen Komponenten kein Gewicht gäben, denn sehr oft bestimmen diese die historische Entwicklung"[11]. Sein Fraktionskollege Elimelech Rimalt meinte: "Auch in der Geschichte der Völker gibt es Momente, in denen die kalte Logik nur wie eine schwache Taschenlampe leuchtet. Wären alle Gedanken des Menschen außerhalb des Irrationalen, gäbe es keinen Raum für Diskussion, denn die rationale Logik ist objektiv und ihre Argumente klar und überzeugend. Aber eben nicht alles Denken ist im Rahmen des Rationalen, ein Teil unserer Gedankenkette ist im Rahmen des Irrationalen, und deshalb ist Raum für Diskussion und Meinungsverschiedenheit." Zur Debatte über Deutschland sagte er: "Die Befürworter des Dialogs reden im Namen der ausgewogenen Logik 'Sie haben gemordet, warum sollen sie auch erben? Israel benötigt Geld und Hilfe, um den Staat zu festigen, und dieser Staat verwirklicht den Traum von Generationen. Ist es nicht gerecht, wenn wir mit diesem Geld den Staat festigen?' Das ist der rationale Gedankengang, aber seit wann ist die Ratio die entscheidende Kraft unseres Lebens? Unsere ganze Geschichte ist doch sehr oft eine Rebellion gegen diese einfache Logik."[12]

Insbesondere Oppositionsführer Begin, dessen Eltern vor seinen Augen im Holocaust ermordet wurden, führte den emotionalen Kampf gegen die Regierung, die ab 1951 für einen Dialog mit Deutschland optierte. Ben-Gurion war für ihn wegen seiner Deutschlandpolitik ein "Verrückter" und ein "Tyrann". Einer von Begins Anhängern, der spätere Vorsitzender der Knesset Dov Shilanski, versuchte am 5. Oktober 1952 das Außenministerium in die Luft zu sprengen. Als Regierungschef (1977 - 1983) bemühte sich Begin zwar um Realpolitik, aber es kam immer wieder zu emotionalen Ausbrüchen, etwa gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Kein Likud-Premierminister (Yitzhak Shamir, Binyamin Netanyahu und Ariel Sharon) hat Deutschland offiziell besucht. Aber auch unter David Ben-Gurion, Moshe Sharett, Levi Eshkol und sicherlich Golda Meir spielten Emotionen eine große Rolle in den deutsch-israelischen Beziehungen. Auch in den Jahren 1957 bis 1959 gab es große Krisen, diesmal vor allem zwischen Ben-Gurions MAPAI und den linken Koalitionspartnern MAPAM und Ahdut Ha'avoda (bis 1954 ein Teil der MAPAM). Die Linksparteien, in deren Führung viele Überlebende des Holocaust, des Warschauer Ghetto-Aufstands und ehemalige Partisanen tätig waren, stürzten zweimal die Regierung Ben-Gurion wegen deren Deutschlandpolitik und vor allem wegen den Verkaufs von Waffen an die Bundesrepublik.

Zu großen Spannungen zwischen Israel und Deutschland kam es im Jahre 1962, und zwar wegen der Arbeit von deutschen Raketenexperten an ägyptischen Rüstungsprojekten. In der Regierungspartei MAPAI brach daraufhin eine heftige Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern engerer Beziehungen zu Deutschland (vor allem Premierminister Ben-Gurion und die "junge Garde" mit Shimon Peres und Moshe Dayan) und deren Gegnern (Außenministerin Meir und Geheimdienstchef Isser Harel) aus. Vermutlich liegt in diesem Konflikt einer der Gründe für Ben-Gurions Rücktritt 1963.[13]

Die nächste große Krise gab es 1965, als die Bundesrepublik zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen bereit war. Die Opposition in Israel war noch stark, aber bereits viel schwächer als 1952 oder 1959. Herut und MAPAM organisierten Demonstrationen, aber die Allgemeinen Zionisten (jetzt Liberale) und Ahdut Ha'avoda waren 1965 eher für als gegen Beziehungen zu Deutschland.

Zu einer Krise anderer Art führte der Wahlsieg des Likud unter Begin im Mai 1977, dem großen Opponenten jedes Dialogs mit Deutschland. Bekannt ist sein Ausbruch 1981 gegen den "Nazi-Offizier" Helmut Schmidt. Es gibt Spekulationen, dass sein Rücktritt 1983 nicht nur mit dem Libanonkrieg, sondern auch mit Deutschland zu tun hatte. Er wollte und konnte nicht als Premierminister Israels Bundeskanzler Helmut Kohl offiziell in Israel empfangen.[14]

Während des ersten Golfkrieges (1991) kam es erneut zu Spannungen zwischen beiden Staaten, als bekannt wurde, dass deutsche Firmen am Aufrüstungsprogramm für ABC-Waffen für Iraks Diktator Saddam Hussein teilgenommen hatten. Es gab große Empörung in Israel, und Deutschland wurde wieder zum verhassten Land. Doch kam es nicht mehr zu einer innenpolitischen Polarisierung, denn trotz der heftigen Emotionen (Israel wurde mit "deutschem Gas" bedroht) war klar, dass es sich hier um das Geschäftsgebaren von Privatfirmen handelte, nicht um Maßnahmen deutscher Regierungspolitik.


Fußnoten

3.
Yeshayahu Jelinek, Zwischen Moral und Realpolitik. Eine Dokumentensammlung, Gerlingen 1997, S. 134.
4.
Vgl. Yohanan Meroz, Erinnerungen an die Frühzeit des Brückenschlags, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 45 (1995) 16, S. 3 - 5.
5.
Vgl. Y. Jelinek (Anm. 3), S. 149; Niels Hansen, Aus dem Schatten der Katastrophe. Die deutsch-israelischen Beziehungen in der Ära Konrad Adenauer und David Ben-Gurion, Düsseldorf 2002, S. 83.
6.
Vgl. Shlomo Shafir, Eine ausgestreckte Hand. Sozialdemokraten, Juden und Israel 1945 - 1967, Tel Aviv 1986 [H]; ders., Die Haltung der SPD gegenüber Israel, in: Moshe Zimmermann/Oded Heilbronner, Normale Beziehungen. Israelisch-Deutsche Beziehungen, Jerusalem 1993, S. 129 - 154 [H].
7.
Vgl. N. Hansen (Anm. 5), S. 54.
8.
Vgl. Yeshayahu Jelinek, Deutschland und Israel 1945 - 1965. Ein neurotisches Verhältnis, München 2004, S. 39.
9.
Vgl. ebd., S. 167.
10.
Vgl. ebd., S. 172.
11.
Knesset-Protokolle, Bd. 10 (8.1. 1952), S. 919 [H].
12.
Ebd., S. 898.
13.
Vgl. N. Hansen (Anm. 5), S. 655.
14.
Vgl. ebd.