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4.4.2005 | Von:
Benyamin Neuberger

Israel und Deutschland: Emotionen, Realpolitik und Moral

Moralische Argumente

Moralische Argumente gab es auf beiden Seiten der Debatte in Israel. Die Gegner von Verhandlungen mit Deutschland sahen in solchen eine "moralische Katastrophe für das jüdische Volk"[36], eine "historische Schande"[37], eine "Schändung des Andenkens der Holocaustopfer"[38]. Begin betrachtete die shilumim als "moralischen Verrat" ("Was ist der Preis für Großvater und Großmutter?"[39]), als krassen Materialismus auf Kosten der Moral, der menschlichen Würde und der nationalen Ehre. In der Zeitung der Herut-Partei gab es beinahe täglich Artikel gegen das "Verzeihen für Geld"[40], gegen die Rehabilitation der Mörder durch die Wiedergutmachung ("wenn wir die Shilumim annehmen, dann gilt die Regel des Talmuds - wer zahlt, an dem ist kein Tadel"[41]).

Besonders die Waffengeschäfte entfachten moralische Wut. Begin fragte, ob die Mörder nun auch jüdische Waffen tragen sollen.[42] Aber auch auf der Linken gab es böses Blut "wegen der Schande, daß wir Waffen an Hitlers Generäle liefern"[43]. Und Yigal Allon (der 1965 ins Lager der Befürworter der Beziehungen wechselte und später als Außenminister der ersten Rabin-Regierung auch Bonn besuchte) sprach in der Waffenkrise von 1959 sogar vom "Verstoß gegen die nationale Ehre (...). Die Deutschen haben diese Waffen nicht gekauft, weil sie gut sind, sondern weil sie von Juden stammen."[44]

Die Moralisten in der Opposition wollten Rache ("das ist der Wunsch der Opfer"[45]). Sie waren für einen Boykott für alle Zeiten. Begin sprach für die Kollektivschuld. Er gestand zwar, dass es "in der Regel (...) keine Kollektivschuld" gebe, "aber jede Regel hat ihre Ausnahme. Das deutsche Volk ist die Ausnahme."[46] Andere dachten, dass es zu früh sei für Verzeihung und Vergessen, denn erst müsse die "Nazi-Generation" die Bühne verlassen. Im oppositionellen Lager zweifelte man daran, ob Deutschland sich wirklich geändert habe; für sie war die Bundesrepublikein maskiertes Nazi-Deutschland. "Das Deutschland Adenauers ist eine vom alten Mann fabrizierte dünne und durchsichtige Camouflage für den Neo-Nazismus", sagte 1954 Jitchak Ben Aharon von der MAPAM.[47] Sein Kollege Ya'acov Hazan meinte, die "Bundesregierung sei fast gänzlich mit früheren Nazis besetzt"[48]. Noch 1990 sagte die Knesset-Abgeordnete Chaike Grossman (MAPAM, eine Holocaust-Überlebende und frühere Partisanin): "Deutschland hat sich nicht wirklich entnazifiziert."[49] Auch wenn es schwer für deutsche Ohren klingt, diese Stimmen waren von echter Sorge um die moralische Integrität Israels getragen. Für die Urheber waren alle Verhandlungen, Abkommen und Beziehungen mit Deutschland Geschäfte mit dem Teufel, mit den Mördern.

Aber Moral war nicht das Monopol der Opponenten einer Verständigung mit Deutschland. Schon früh haben gerade Persönlichkeiten, an deren moralischer Integrität nicht zu zweifeln war, die Politik Ben-Gurions und Sharetts unterstützt. Professoren wie Martin Buber, Gershom Sholem, Hugo Bergman und Ernst Simon galten als Gewissen der Nation. Viele der Akteure im Drama des deutsch-israelischen Rapprochements stammten aus Deutschland. Sie unterstützten diesen Prozess, weil er in ihren Augen auch moralisch richtig war. Genannt seien Nahum Goldmann, Peretz Naphtali, Giora Josephtal, Pinchas Rosen und Walter Eytan. Auch Israels Botschafter in Deutschland - Asher Ben-Nathan, Yohanan Meroz und Avi Primor - dachten in diesem Sinne. Eine herausragende Rolle spielte Moshe Sharett, Außenminister von 1948 bis 1956, von 1953 bis 1955 zugleich Premierminister. Er kann als der wahre Architekt der deutsch-israelischen Verständigung bezeichnet werden.

Die Deutschlandpolitik Israels hatte tiefe moralische Wurzeln. Sie war der Form nach Realpolitik, aber im Kern blieb sie moralisch. Für Ben-Gurion und Sharett war sie begründet in einer moralischen Verpflichtung gegenüber den sechs Millionen ermordeten Juden. Israel sollte für die Überlebenden ein starker Anker sein. Israels führende Staatsmänner waren fest davon überzeugt, dass der Kampf ums Überleben des jüdischen Volkes in Israel weitergeführt werde. Erste Pflicht jeder Regierung sei es, einen zweiten Holocaust zu verhindern. Ben-Gurion sagte in der Knesset am 1. Juli 1959: "Eines habe ich von dem schrecklichen Holocaust Hitlers gelernt, alles zu tun, um einen zweiten Holocaust zu verhindern. Denn dieses Volk - und vielleicht nur dieses Volk - ist in Gefahr auch in unseren Tagen. Hitler wurde besiegt und verbrannt, aber seine Schüler und Helfer im Nahen Osten existieren, beherrschen die arabischen Staaten und umzingeln uns (...). Das Vermächtnis der Opfer des Holocausts ist der Aufbau, die Stärkung und die Sicherheit Israels. Dafür brauchen wir Freunde, vor allem solche, die bereitstehen, uns zu helfen, um unsere Existenz zu sichern."[50]

Sogar Golda Meir, die anfangs alles Deutsche vermied und den (linken) Opponenten der Beziehungen nahe stand, kam zu diesem Schluss. In ihrer Periode als Außenministerin (1956 bis 1965) wurden die wichtigen Militärabkommen geschlossen und die diplomatischen Beziehungen aufgenommen. Auch sie war überzeugt, dass es die Moral gebietet, Emotionen zu überwinden, um alles für die Sicherheit Israels zu tun. Sie und auch Ben-Gurion, Sharett und Eshkol betrachteten die deutsche Wirtschaftshilfe als lebenswichtig, denn ohne eine starke Wirtschaft hielten sie Israels Existenz für gefährdet. Der Tatsache, dass Juden zum ersten Mal seit 2000 Jahren für Verfolgungen eine gewisse Entschädigung erhielten, maßen sie große symbolische und moralische Bedeutung bei. Shilumim an Israel für den Völkermord am jüdischen Volk schien die jüdisch-zionistische These von der Einheit des jüdischen Volkes, von der Rolle Israels, die Vergangenheit und die Zukunft aller Juden zu vertreten, zu bestätigen. Diese tief verwurzelten Überzeugungen als bloße Realpolitik abzutun täte der israelischen Führung und der Komplexität ihrer Gedanken und Gefühle großes Unrecht.

Die Befürwörter der Regierungspolitik sahen nichts Unmoralisches in der Forderung, geplünderten jüdischen Besitz zurückzuerhalten. Ben-Gurion berief sich auf die Bibel ("So spricht der HERR: Du hast gemordet, dazu auch fremdes Erbe geraubt!"[51]) und fügte hinzu: "Lassen wir die Mörder unserer Nation nicht auch ihre Erben sein."[52] Auch nationalreligiöse Minister dachten in diese Richtung. Parteiführer Moshe Haim Shapira meinte, nichts sei falsch mit einer Politik, die versuche, "die von den Nazis geraubten Milliarden wenigstens zum Teil zurückzubekommen"[53]. Seine Parteikollegen Jitchak Rafael und Michael Hazani sahen es sogar als "Pflicht und Gebot", als "moralische Pflicht"[54] an, geraubtes Gut zurückzufordern.

Ben-Gurion lehnte es kategorisch ab, seine pragmatische Politik als unmoralisch und den Boykott Deutschlands als moralisch anzusehen. Er weigerte sich, die Bundesrepublik als "neonazistisch" zu verdammen: "Adenauer ist nicht Hitler. Wenn er Hitler wäre, dann hätte er sich so verhalten wie Hitler."[55] Für ihn war eher der ägyptische Präsident Nasser der neue "Hitler", und gegen ihn erbat er die Hilfe seines Freundes Adenauer. "Das andere Deutschland" war die Devise, die Ben-Gurions Politik bestimmte. Niels Hansen, Deutschlands ehemaliger Botschafter in Israel und Verfasser des wichtigsten Werkes über die bilateralen Beziehungen, stellt klar, dass Ben-Gurion bereits im März 1933 auf die Feststellung Wert gelegt hatte, dass das Deutschland Hitlers nicht alle Deutschen repräsentiere und dass es "ein anderes Deutschland" gebe.[56] Er erkannte schon in den fünfziger Jahren, "daß es diejenigen Deutschen zu ermutigen galt, die sich darum bemühten, ein anderes, demokratisches Deutschland zu gestalten und der Jugend neue Werte zu vermitteln"[57]. Diejenigen, die sich weigerten, mit Deutschen zu sprechen, auch mit dem Nicht-Nazi, Anti-Nazi oder der Nachkriegsgeneration, bezichtigte er des Rassismus.[58] Sehr oft zitierte er in dieser Frage das Alte Testament: "Die Väter sollen nicht für die Kinder noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünden sterben";[59] ",Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden'. So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel."[60]

Ben-Gurions Ablehnung einer Kollektivschuld war klar und eindeutig. Er hat in diesem Sinne Erziehungsarbeit in Israel geleistet. Für ihn war es klar, dass "ich nicht einen jungen Deutschen hassen muß, weil sein Vater ein Nazi war. Ich hasse den Nationalsozialismus. Das deutsche Volk ist wie jedes andere"[61]. Er ging so weit, sogar jene Deutschen nicht zu verurteilen, die zwar keine Verbrechen begangen haben, aber auch nicht dagegen gekämpft haben: "Verurteile niemand, bis du nicht an seiner Stelle gestanden hast. Ich verurteile jeden, der an diesen Greueltaten Anteil hatte, aber ich kann nicht ein ganzes Volk dafür verurteilen, daß es sich diesen Greueltaten nicht widersetzt hat."[62] Er sprach von kollektiver Verantwortung, nicht von kollektiver Schuld. Sharett und Eshkol benutzten ähnliche Worte. Sharett hat jede Kollektivschuldzuschreibung als "Rassismus" bezeichnet.[63] Der MAPAI-Abgeordnete Yona Kesse meinte, dass eine offene und differenzierte Politik "die Entwicklung eines anderen, demokratischen, humanen und moralischen Deutschland unterstützen würde"[64].


Fußnoten

36.
Mordechai Nurock (National-Religiöse), in: Knesset-Protokolle, Bd. 10 (8.1. 1952), S. 918.
37.
Esther Raziel-Naor (Herut), in: Y. Weitz (Anm. 2), S. 457.
38.
Erklärungen der MAPAM, vgl. Y. Jelinek (Anm. 8), S. 154.
39.
Nicholas Balabakins, West German Reparations to Israel, New Brunswick 1971, S. 120 f.
40.
Herut vom 3.10., 14.12. und 25.12. 1951; vgl. auch Y. Weitz (Anm. 2), S. 445 - 448.
41.
Elimelech Rimalt, in: Knesset-Protokolle, Bd. 10 (7.1. 1952), S. 900.
42.
Vgl. N. Hansen (Anm. 5), S. 495.
43.
Shmuel Mikunis, in: Y. Weitz (Anm. 2), S. 456.
44.
Zit. nach: N. Hansen (Anm. 5), S. 495.
45.
Haim Landau, in: Knesset-Protokolle, Bd. 10 (8.1. 1952), S. 927.
46.
Menachem Begin, in: ebd., Bd. 32 (9.1. 1962), S. 909.
47.
Zit. nach: N. Hansen (Anm. 5), S. 386.
48.
Ya'acov Hazan, in: Knesset-Protokolle, Bd. 10 (7.1. 1952), S. 900.
49.
Arye Dayan, Die große Versöhnung, in: Ha'aretz, Weekly Supplement vom 7.9. 1990.
50.
David Ben-Gurion in der Knesset, 1.7. 1959, in: MAPAI (Anm. 23), S. 4, 9.
51.
1. Könige 21, 19.
52.
Knesset-Protokolle, Bd. 10 (7.1. 1952), S. 897.
53.
Interview mit Moshe Chaim Shapira, in: Michael Brecher, Decisions in Israels Foreign Policy, New Haven 1975, S. 70.
54.
Knesset-Protokolle, Bd. 10 (8.1. 1952), S. 929.
55.
Zit. nach: N. Hansen (Anm. 5), S. 469, 494.
56.
Benyamin Neuberger, Ben-Gurion and Adenauer - Moral and Realpolitik (Rezension von N. Hansen [Anm. 5]), in: Die Politische Meinung, (Februar 2004), S. 91.
57.
N. Hansen (Anm. 5), S. 5.
58.
Vgl. Eliezer Shinnar, Die Last der Notwendigkeit und der Emotionen. Im Auftrage des Staates: Deutsch-israelische Beziehungen 1951 - 1966, Tel Aviv 1967, S. 103 [H].
59.
5. Mose 24, 16.
60.
Hesekiel 18, 2 - 3.
61.
Zit. nach: N. Hansen (Anm. 5), S. 469.
62.
Ebd., S. 485.
63.
Vgl. Y. Auerbach (Anm. 21), S. 243.
64.
MAPAI (Anm. 23), S. 15.